Berlin Alexanderplatz – die Stadt ist zum Beginn der neuen zwanziger Jahre des 21. Jahrhunderts wieder zum Anziehungspunkt für viele geworden.
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BerlinBerlin, wie wir es heute kennen, wird in diesem Jahr 100 Jahre alt. Am 25. April 1920 stimmten in der Verfassungsgebenden Preußischen Landesversammlung SPD, USPD (Unabhängige Sozialdemokratie) und Deutsche Demokratische Partei für das neue Berlin. Die Deutschnationale Volkspartei, die Deutsche Volkspartei und die katholische Deutsche Zentrumspartei stimmten dagegen. Es gab fünf Enthaltungen und eine knappe Mehrheit von 164 zu 148 Stimmen Groß-Berlin. 

Ab dem ersten Oktober 1920 kamen zu Berlin hinzu: Berlin-Lichtenberg, Berlin-Schöneberg, Berlin-Wilmersdorf, Charlottenburg, Neukölln und Spandau, sowie aus den umliegenden Kreisen noch Niederbarnim, Osthavelland, Teltow, Cöpenick und 59 Landgemeinden und 27 Gutsbezirke. Groß-Berlin war das Produkt einer einmaligen Konstellation. Das rote Berlin hatte gesiegt.

Ohne die Revolution, ohne den Sturz der Hohenzollern, ohne die jene Jahre prägende Unsicherheit darüber, ob die Revolution schon hinter einem lag oder die wirkliche erst noch kommen würde, hätte es keine Mehrheit gegeben für eine derartig radikale Maßnahme.

Es hätte sie freilich auch nicht ohne den Einsatz des parteilosen Berliner Oberbürgermeister Adolf Wermuth (1855 – 1927) gegeben. Der in Hannover geborene Wermuth war bis zum März 1912 Staatssekretär der Regierung von Bethmann Hollweg gewesen. Damals war er zurückgetreten, weil der Reichskanzler seinem Vorschlag einer Erhöhung der Erbschaftssteuer nicht folgen wollte. Im Mai schon wählte ihn die Stadtverordnetenversammlung zum Oberbürgermeister Berlins. Dieses Amt hatte er vom 1. November 1912 bis zum 25. November 1920 inne.

Furcht vor dem liberalen Machtfaktor

Schon im Juli 1911 war ein Zweckverbandsgesetz für Groß-Berlin beschlossen worden, das ab dem 1. April in Kraft getreten war. Die Städte Berlin, Charlottenburg, Deutsch-Wilmersdorf, Lichtenberg, Neukölln, Schöneberg und Spandau sowie die Landkreise Niederbarnim und Teltow hatten sich darauf geeinigt, den regionalen Schienenverkehr gemeinsam zu regeln, Bebauungspläne und Baupolizeiverordnungen aufeinander abzustimmen und große von Bebauung frei zu haltende Flächen (Wälder und Wiesen) zu erwerben.

Der Zweckverband war eingerichtet worden, um Groß-Berlin zu verhindern. Die preußische Regierung fürchtete, ein Groß-Berlin könne zu einem gefährlichen liberalen, ja linken Machtfaktor werden. Das zentrale Erbe das der Zweckverband dem dann doch mit linker Mehrheit zustande gekommenen Groß-Berlin überließ, waren eine Reihe von Straßenbahnbetrieben und die gewaltigen Waldflächen, von denen Berlin bis heute profitiert.

Als am 1. Oktober 1920 Groß-Berlin entstanden war, kamen zu den bis dahin 1,9 Millionen Berlinern nochmals 1,9 Millionen Einwohner dazu; knapp 1,2 Millionen davon allein durch die sieben umliegenden Städte. Das Stadtgebiet vergrößerte sich von 66 Quadratkilometer auf 878 Quadratkilometer. Damit war Berlin – nach Los Angeles – die flächenmäßig zweitgrößte und an der Einwohnerzahl gemessen – nach London (7,3 Millionen) und New York (5,6 Millionen) – die drittgrößte Stadt der Welt.

Die Konservativen hatten recht gehabt. Groß-Berlin war Preußen und Brandenburg mit einem Schlag entwachsen. Es war eine Weltstadt geworden, neben der das viel bewunderte Paris sich zierlich ausnahm. Der Berliner Walter Benjamin nannte Paris „die Hauptstadt des 19. Jahrhunderts“. Sie war Vergangenheit. Berlin war Gegenwart, womöglich Zukunft.

Berlin im Umbruch

Berlin war die Stadt, in der die Hohenzollern gestürzt worden waren, die aus Deutschland eine Republik gemacht hatte. Es fehlte noch ein paar Jahre lang nicht an Versuchen, eine sozialistische Republik aus dem Geburtsland von Marx und Engels zu machen. 1920 blickte die sich im Bürgerkrieg befindende Sowjetunion noch voller Hoffnung auf diese Möglichkeit, und viele der führenden Bolschewiki gingen davon aus, dass ein Sozialismus in lediglich einem Lande, einer ohne eine deutsche Revolution kein Sozialismus werden konnte.

Deutschland hatte den Krieg verloren, die im Versailler Vertrag festgelegten territorialen Veränderungen, die Reparationszahlungen, zu denen sich Deutschland verpflichtet hatte, stellten nicht nur gewaltige wirtschaftliche Beeinträchtigungen, sondern auch politische Demütigungen da. Dazu kam der in Deutschland immer wieder aufflackernde Bürgerkrieg, der freilich selbst 1923, im Jahr der Hyperinflation, nicht zu einer Revolution führte. Dass es dazu nicht kam, war ein Verdienst der SPD. Die KPD sah darin ein Verbrechen, einen Verrat. Man wird allerdings feststellen müssen, dass die von der KPD und ihrem großen Bruder der KPdSU begangenen Verbrechen die der SPD bei weitem in den Schatten stellen.

Mitten in diese Situation hinein wächst das neue Groß-Berlin. Die Inflation, die den deutschen Mittelstand ruinierte, machte aus Berlin die attraktivste Großstadt der Welt. Wer Devisen hatte, konnte nirgends so gut leben wie in Berlin. Auf die Formulierung „arm aber sexy“ war damals, soweit ich weiß, niemand gekommen, aber die einschlägigen Reiseberichte und Tagebücher der europäischen und amerikanischen Intelligenz aus dem Berlin der zwanziger Jahre sagen nichts anderes.

1448 hatten Berliner und Cöllner Bürger gegen den Bau des Stadtschlosses revoltiert und die Grube unter Wasser gesetzt. Kurfürst Friedrich II. setzte sich durch, nahm den Städtern viele ihrer Freiheiten und setzte damit ein Beispiel für andere Landesfürsten, die mit ihren Städten ähnlich verfuhren. Sein Nachfolger erklärte 1486 Berlin zur Hauptresidenzstadt des brandenburgischen Kurfürstentums.

Dergleichen machte Berlin nicht beliebt in Deutschland, so wenig wie Preußen es war. Die Revolution von 1848 war nicht zuletzt an der preußischen Militärmacht zerschellt. Dass die deutsche Einheit von 1871 die preußische Vormacht in Deutschland zementierte, erschien vielen gerade im Süden des Landes eher als ein Geburtsfehler als ein Vorteil.

Und nun gar ein Groß-Berlin! Das aber war die Hauptstadt eines republikanischen Deutschland. Etwas, von dem viele lange geträumt hatten und das jetzt mit Lebensmittelkarten und radikaler Verarmung für viele ein Albtraum wurde. Dennoch: Man muss sich vorstellen, dieses am Boden liegende Deutschland hatte eine Hauptstadt, die zu den ruhelosesten, veränderungsfreudigsten Städten der Welt zählte. Groß-Berlin war eine Attraktion. Nicht nur für reiche Ausländer.

Sie wurde es auch für die Berlinerinnen und Berliner. Das Bewusstsein in einer Stadt zu leben, die dem Rest der Welt in immer mehr Bereichen zeigte, wo es lang geht, beflügelte auch viele Berlinerinnen und Berliner. Die eigenen Schwierigkeiten lassen sich leichter ertragen, wenn man sie als Teil einer großen Auseinandersetzung sieht, in der man selbst eine kleine, aber immerhin eine Rolle spielt.

Rückzug in den eigenen Kiez

Zur Rasanz Berlins gehörte, dass nicht jeder mitkam, dass nicht jede mit wollte. Viele der Groß-Berliner empfanden die in der damaligen Presse immer wieder aufgerufenen Vergleiche mit London, Los Angeles und New York als Großmannsgetue und zogen sich zurück in ihren Kiez. Berlin war von einem auf den anderen Tag dreizehnmal so groß geworden. Es war unmöglich, damit Schritt zu halten. Aber es war aufregend abends ins Zentrum zu gehen und sei es nur, um auf den Straßen anderen aufgeregten Passanten zu begegnen. Das Gefühl, dies sei ihre Stadt, wird sich bei immer mehr Bürgerinnen und Bürgern eingestellt haben.

Groß-Berlin war ein Anziehungspunkt für alle Deutschen, denen es an ihren Heimatorten zu ruhig, zu geregelt, zu übersichtlich zuging. Wen immer es ins Neue zog, der zog nach Berlin. Sehr bald schon sprach niemand mehr von Groß-Berlin. Berlin war einfach Berlin. Es war die einzige deutsche Weltstadt. Wer Weltstadt wollte, der wollte Berlin.

Es war sehr lange das rote Berlin. Es stand für die Republik. Das bedeutete auch, dass es wieder verhasst war. Diesmal nicht als Hochburg des preußischen Militarismus, sondern als Bollwerk der Republik. Je stärker die Reaktion gegen die ja von Anfang an auch verhasste Republik wurde, desto mehr wetterte sie gegen das „sittenlose, verjudete Berlin“.

Die Schaffung Groß-Berlins aber hat alle Veränderungen überdauert. Der Stadtplan von heute hat sich kaum geändert gegenüber dem von 1920. 2018 hatte Berlin 3,748 Millionen Einwohner – Tendenz steigend. Es wird die 3,8 Millionen von 1920 bald eingeholt haben. Diesmal sollten Deutschland und Berlin ihre Wachstumsschmerzen als solche erkennen und daran denken, möglichst viele mitzunehmen.