Es ist 21.47 Uhr im Berliner Olympiastadion. Es ist schwül, die 57. Spielminute läuft, meine Mannschaft hat im so wichtigen Spiel gegen den Hamburger SV eine kleine spielerische Druckphase erzeugt. Doch dann landet eine verkorkste Flanke eines Hamburgers im Berliner Kasten. Ein Tor, das in 100, ja gar 1000 Spielen wohl nur einmal so fällt. Der goldene Treffer an diesem Abend – Hertha verliert mit 0:1.

Auf dem Nachhauseweg höre ich mit einem Ohr von einem vorbeilaufenden Paar nur ein „Oh Gott, der Arme“. Ich habe ein Hertha-Trikot an. Vor dem Spiel wurde dazu aufgerufen. Ich trage es mit Stolz. Selbst in schlechten Phasen.

Es gibt oft schlechte Phasen bei meinem Verein. Gerade ist eine besonders schlechte. Aber man kann sich seinen Herzensverein ja nicht aussuchen.

In den letzten Wochen läuft alles gegen Hertha: verdaddelte Chancen im Liga-Endspurt, glückliche Entscheidungen für die direkten Konkurrenten und ein desaströses Auftreten von Vereinsoffiziellen. Das letzte Beispiel war ein gravierender Kommunikations- und Planungsfehler des Vereins in der Kartenvergabe für die Relegation.

Das große Hin und Her endete mit mindestens 20.000 HSV-Fans im finalen Heimspiel. Ein fast dreimal so großer Gästeanhang wie üblich. Dafür gab es ein saloppes „das haben wir nicht gut gelöst und ich entschuldige mich dafür bei allen Betroffenen“ vom Finanz-Chef Ingo Schiller. Eine Schmach, sonst nichts.

Das ständige Unglück des ganzen Vereins ist ab einem gewissen Zeitpunkt eher Unvermögen.

Besonders die Fans von Hertha BSC, die einzige Konstante in schwierigen Zeiten, haben äußerst strapaziöse Jahre hinter sich. Drei, um genau zu sein. In denen es drei Abstiegskämpfe in Folge gab, unverständliche Trainer- und Spielerwechsel, die mal ein halbes Jahr hielten, mal aber auch nur wenige Wochen.

Dazu kamen Debatten um ein neues Stadion, mit abstrusen Ideen, wie der, irgendwo im Berliner Speckgürtel zu spielen. Und pinke oder gelbe Auswärtstrikots, die absolut nichts mit Hertha BSC zu tun haben. Hertha BSC ist heute quasi der HSV der 2010er-Jahre: der Skandalklub der Bundesliga.

Gegenbauer und Windhorst raus!

Die größte Baustelle des Vereins ist der Verein selbst. In den letzten Wochen monierten nicht nur ehemalige Spieler und Trainer die derzeitige Lage, sogar der jetzige Coach Felix Magath fordert einen grundlegenden Neuanfang. Dafür müssen die Verantwortlichen ausgetauscht werden. Allen voran der langjährige Präsident und Unternehmer Werner Gegenbauer und Investor Lars Windhorst stehen einem Neustart im Weg.

Gegenbauer ist seit 2008 Präsident des Vereins, seine Bilanz kläglich. Das fatale Verhältnis zur Berliner Landespolitik (Stichwort: Stadionneubau), kompromissloser Machterhalt, eine katastrophale Außendarstellung und der sportliche Niedergang mit zwei Abstiegen fallen in seine Zeit. Montag könnte der dritte Abstieg folgen.

Lars Windhorsts Einstieg in den Verein im Sommer 2019 war eine Schocknachricht für mich. Ein Investor, der für mich nichts mit Berlin zu tun hat, wollte mit seinem Geld die Macht über den Verein erlangen, der emotional so wichtig für Berliner ist.

Für einige meiner Freunde brachte das Millioneninvestment das Fass derart zum Überlaufen, dass sie nicht mehr ins Stadion pilgerten. Von heute auf morgen wurde in den Medien auf einmal von Champions League gesprochen. Nein, nicht von einem Champions-League-Finale im Olympiastadion, sondern Hertha als Dauergast in der höchsten europäischen Spielklasse. Das waren die Fantasien des Investors.

Die Realität war ein Pokalaus beim Drittligisten Braunschweig, Niederlagen in Bielefeld oder Fürth, Demütigungen in München und Leipzig. Dreimal Abstiegskampf, wie gesagt.

Die Sehnsucht nach Helden

Aber auch die Spieler von Hertha BSC, dem bedeutendsten Sportverein unserer Stadt, geben ein fatales Bild ab. Eine Mannschaft, die offensichtlich führungslos die 90 Minuten runterspielt und nach dem Spiel kommentarlos in der Kabine verschwindet.

Nicht nur, aber besonders gegenüber Menschen, die seit Jahrzehnten der „Alten Dame“ folgen, eine tiefe Respektlosigkeit. Leute geben Unmengen an Geld aus, nehmen sich Urlaubstage, vernachlässigen Freunde und die Familie und dann so ein Verhalten? Die emotionale Distanz zwischen Fans und Spielern wird immer größer.

Das war früher anders. Ich erinnere mich gut, wie in meiner Schulzeit Spieler wie Marcelinho, Marko Pantelic oder Gilberto vergöttert wurden. Hertha spielte immer im oberen Drittel der Bundesliga. Auf dem Schulhof wurden Trikots von den Helden getragen, man hat ihnen die geschossenen Tore vom Wochenende nachgeahmt. Der Lupfer von Pantelic gegen Bochum 2006 – eine Augenweide!

Dazu ein Hinweis: Ich ging in Karlshorst und Köpenick zur Schule, also im tiefen Osten der Hauptstadt. Seit mein Vater mich einmal mit ins Stadion nahm, da war ich acht Jahre alt, war ich Fan.

Heute tragen die Jungs und Mädchen in Berliner Schulen Trikots eines Haalands (Borussia Dortmund) und Mbappès (Paris St. Germain). Fußballfans im pubertären Alter kennen keinen anderen deutschen Meister als den aus München. Ich merke, wie die lokale Komponente immer mehr in den Hintergrund gerät.

Bitte zurück zu den Wurzeln

Hinzu kommen Marketingeskapaden, mit denen sich kein mir bekannter Hertha-Anhänger identifizieren kann. „Berlins ältestes Start-up“, und dann noch mit dem Zusatz: „We try. We fail. We win“? Für solche Slogans schämt man sich als Herthaner.

Die Werbung zielt oft auf die vielen Zugezogenen in der Stadt ab. Doch die bringen in der Regel ihren Lieblingsverein aus Freiburg, Stuttgart, Bremen oder Köln mit – und freuen sich, wenn ihr Verein im Olympiastadion gegen uns spielt.

Hertha muss wieder präsenter in Berliner Bezirken und Schulen werden. Von Spandau bis nach Hellersdorf und von Wedding bis Neukölln.

Butylin
Hertha von Anfang an: Unser Autor als Kind.

Ich sehne mich zurück nach einer Hertha, die Emotionalität und Mentalität verkörpert, wie wir Fußballfans sagen, und Aufopferungsbereitschaft meinen. Die positiven Momente gab es: Etwa beim Auswärtssieg in Cottbus 2008 mit Tabellenführung und Hattrick von Andrey Voronin, beim ersten Heimspiel nach dem Wiederaufstieg 2011 gegen Nürnberg (die Stimmung: atemberaubend) oder auf den Europapokalreisen nach Kopenhagen, Lwiw oder Bilbao.

Alles schon ein paar Jahre her.

Übrigens hat Hertha fast alle der eben erwähnten Spiele verloren. Aber selbst die bitteren, schmerzhaften Momente haben sich im guten alten „damals“ anders angefühlt, als die Niederlage letzten Donnerstag, mit der ich leider gerechnet hatte.

Kommentare am nächsten Tag in der Uni oder der Arbeit wehre ich heute geübt ab: „Habe ich nicht anders erwartet“, ist häufig meine Antwort.

Ich bin natürlich oft enttäuscht. Von der Leistung der Mannschaft. Aber wirklich frustriert? Dafür verlieren wir einfach zu oft.

Mitte April traf ich zufällig Arne Friedrich, langjähriger Spieler, Kapitän und Sportdirektor von Hertha, vor einem italienischen Restaurant. Ich sprach ihn an. Er war freundlich. Wir redeten hauptsächlich über die USA, wo wir beide eine Zeitlang gelebt hatten, er als Spieler, ich als Austauschschüler, und die Gaststätte.

Nicht über Hertha. Am Ende fragte ich ihn, ob Hertha den Klassenerhalt schaffen kann. „Ich denke schon“, so die kurze Antwort Friedrichs. Er sagte es mit Überzeugung. Ich war mir schon damals alles andere als sicher.

Innerlich singe ich schon: „BSC, wir sind da, jedes Spiel ist doch klar! Zweite Liga, tut so weh, scheißegal …“ Es ist ja nicht meine erste Zweitligasaison mit diesem Verein.