Gäbe es einen Preis für Coolness, Andreas Kuhlmey würde dieser Tage sicher zu den Titelanwärtern gehören. Während Flaneure und Geschäftsleute auf dem Kurfürstendamm angesichts der Sommerschwüle alles ablegen, was der Anstand erlaubt, steht der 44-Jährige im dunkelgrauen Anzug mitten im Ladengeschäft von Käthe Wohlfahrt, ohne dass auch nur eine Schweißperle auf seiner Stirn glitzern würde. Kein Wunder. Als Leiter der Berliner Filiale des Rothenburger Familienunternehmens dreht sich für ihn zwölf Monate im Jahr alles um eine gänzlich andere Jahreszeit. „Nach Weihnachten ist vor Weihnachten“, sagt Kuhlmey. Bei Käthe Wohlfahrt ist das Geschäftsphilosophie.

Seit bald 50 Jahren versorgt die Firma Käthe Wohlfahrt Deutschland mit handgefertigten Weihnachtsdekors. Die Berliner Filiale am Kudamm gibt es seit knapp zwei Jahren. Im Innern weist ein Sternenteppich den Weg in die zweite Etage, wo man unter den gütigen Blicken von Knecht Ruprecht, Santa Claus und Väterchen Frost alles findet, was zum klassischen Weihnachtsambiente gehört. Das Thermometer zeigt über 30 Grad an, die Muslime begehen den Fastenmonat Ramadan, doch für Weihnachtsenthusiasten ist es im wahrsten Sinne des Wortes fünf vor zwölf. Fünf Monate noch bis zum 24. Dezember.

Es gibt sie wirklich. Jene Leute die sich bereits Gedanken um ihr Weihnachtsfest machen, noch bevor auch nur ein Schoko-Nikolaus in den Supermarktregalen steht. „Ich suche so einen Baumbart, wie ich ihn mal vor 20 Jahren auf dem Weihnachtsmarkt gekauft habe“, erklärt eine Berliner Kundin und huscht am neun Meter hohen Weihnachtsbaum vorbei, der bei Käthe Wohlfahrt vom Erdgeschoss bis in den zweiten Stock reicht. 2.500 Weihnachtskugeln und Figuren hängen an den weiß getünchten Zweigen. Es dominieren klassische Motive: Engel, Schneeblumen und Sterne. „Bei Weihnachten ist der Deutsche nun einmal konservativ“, glaubt Andreas Kuhlmey.

Was nicht heißt, dass das Fest der Liebe keine Moden und Trends kennen würde. Bei den Räuchermännchen etwa darf der gute, alte Weihnachtsmann auch schon mal eine Harley-Davidson reiten. Bei Schwibbögen und Weihnachtspyramiden haben LED-Lämpchen die Wachskerzen abgelöst. Und manch ein Krippenspiel erteilt klassischem Detailreichtum und Figürlichkeit eine klare Absage und verlegt sich auf klare geometrische Formen. Das Christkind als weißes Bällchen, eingekreist von Josef, Maria und den Heiligen Drei Königen, die verdächtig an Mensch-ärgere-dich-nicht-Figuren erinnern. Kleine Variationen altbekannter Motive. „Es gibt Sachen, die gehen das ganze Jahr“, erklärt Kuhlmey. Dazu gehört gerade auch der Weihnachtsbaumschmuck.

Im Halbdunkel des fensterlosen zweiten Stocks türmen sich abseits der Nussknacker Unmengen an Formglasfiguren. Einträchtig liegt das Sandmännchen neben dem Weihnachtsmann. Daneben lagern die klassischen Zierelemente, Kugeln und Christsterne. Eine ältere amerikanische Dame wiegt einen goldbraunen Ball in der Hand wie eine Boulekugel. Als würde das Gewicht etwas über die Qualität der Verarbeitung verraten.

„Natürlich kommen auch viele Touristen“, sagt Kuhlmey, „die können nun einmal nicht warten, bis in Deutschland die Vorweihnachtsstimmung ausbricht.“ Dennoch zeichnen sich seiner Meinung nach für 2013 bereits jetzt die ersten Trends in Sachen Weihnachtsbaumschmuck ab. Kombinationen aus Rot und Silber sind gefragt und Türkis. Angst, dass sich Letzteres mit der Farbe des Baums beißen könnte, scheinen die Kunden nicht zu haben.

„Weihnachten ist eine zutiefst emotionale Angelegenheit“, sagt Kuhlmey. Das macht für ihn die Faszination seines Jobs aus. Deswegen hängt ihm das Thema, obwohl er jeden Tag davon umgeben ist, noch lange nicht zum Halse raus. Und im Sommer, wenn die Leute aus dem Hellen in die abgedunkelte Atmosphäre seines ganzjährigen Weihnachtsmarktes treten, seien die Reaktionen der Kunden für ihn besonders schön. „Da gehen die Augen ganz weit auf, wenn die um die Ecke kommen und das hier sehen.“

Wie zur Bestätigung meldet sich die Berliner Kundin zu Wort. „Tatsächlich, ich hab’ ihn gefunden.“ Stolz reckt sie ihren Fund in die Höhe. Was sie vorhin als Baumbart bezeichnet hat, ist tatsächlich ein kleines Kunstwerk: Mehrere vergoldete Messingkreise, konzentrisch um ein blaues Schmucksteinchen angeordnet. In fünf Monaten wird es ihren Baum schmücken. Bis dahin wird sich auch Andreas Kuhlmey überlegt haben, wie er seinen Baum herrichten soll. „So ein Baum“, sagt er, „ist nie fertig. Er ist immer in Arbeit.“