Luckau - Der bislang größte Fall von Viehdiebstahl in diesem Jahr ereignete sich kürzlich im Dorf Terpt bei Luckau (Dahme-Spreewald). Dort stahlen die Diebe nicht einfach nur ein paar Tiere, sondern eine Herde mit immerhin 32 Rindern. Das sind genau so viele, wie in einen klassischen Tiertransporter passen. Dass die Täter tatsächlich mit dem Laster vorfuhren, belegen die Spuren an eingezäunten Koppel.

Die Täter gingen auch sonst offenbar sehr gezielt vor. Sie kamen nachts nach dem Sonntags-„Tatort“, also zu einer Zeit, in der üblicherweise besonders wenige Leute auf dem Lande unterwegs sind.

„Der Schaden, der dem Besitzer entstand, wurde mit etwa 35.000 Euro angegeben“, sagte Torsten Wendt, Sprecher der Polizeidirektion Süd. „Die Spuren vor Ort, die Größe des Schadens und die Vorgehensweise zeigen, dass es keine Hobbydiebe waren. Einen solchen Diebstahl organisiert man nicht, weil man sich abends ein Stück Fleisch auf den Grill legen will.“

Offenbar Profis aus dem Osten

Die Kripo geht davon aus, dass es sich um professionelle Banden handelt, denn in den ersten Wochen des Jahres wurden gleich vier Mal größere Viehdiebstähle im Land gemeldet. Außerdem ist für solche Taten eine recht ausgeklügelte Logistik nötig, inklusive entsprechender Transportfahrzeuge. „Es müssen auch Leute dabei gewesen sein, die sich gut mit Tieren auskennen und diese in den Transporter bringen“, sagte Wendt. Die Täter hatten die Tatorte vorher gut ausspioniert, denn sie wussten,  wo die Feldwege sind, die zu den entlegenen Koppeln oder Ställen führen.

Ganz ähnlich lief es auch bei einem zweiten großen Diebstahl in Südbrandenburg: In Lieskau  (Elbe-Elster)  stahlen Diebe Anfang Januar neun ausgewachsene Bullen aus einem Stall, sie  verluden auch noch 28 kleine Kälber auf ihren  Laster.

Die Ermittler schließen wegen der Häufung der Fälle und den Spuren aus, dass es sich um Versicherungsbetrug handeln könnten.  „Das sind Profi-Banden, die wohl aus Osteuropa kommen“, sagte Wendt. Dafür sehen die Ermittler gleich mehrere Indizien: Zum einen befanden sich alle vier Tatorte im Ostteil Brandenburgs. Ähnlich war es  Mecklenburg-Vorpommern – auch dort steigt seit einiger Zeit die Zahl der Viehdiebstähle deutlich.

Außerdem befanden sich die Tatorte meist in unmittelbarer Nähe einer Autobahnauffahrt oder einer Bundesstraße. Die Täter konnten also schnell verschwinden.

Denkbar sind zwei Szenarien: Entweder haben die Diebe die Tiere gestohlen, um sie schlachten zu lassen und das Fleisch zu verkaufen. Oder sie wollen sich mit den Tieren eigene Zuchten aufbauen. „Beides ist in Deutschland kaum möglich“, sagte Holger Brantsch vom Brandenburger Bauernverband.

Denn hierzulande gibt es sehr strenge Kontrollen. Die Tiere bekommen gleich nach der Geburt ein Loch ins Ohr und einen von der EU definierten Chip mit einer Nummer, die das Tier bis zur Schlachtung behält. Die Nummer muss  spätestens fünf  Tage nach der Geburt des Tieres an eine zentrale Datenbank in München gemeldet werden. Bei den Diebstählen in Brandenburg rissen die Täter den Tieren die Ohrmarken meist aus und ließen sie an den Tatorten zurück.

Teure Zuchttiere

Dass die Tiere für neue Zuchten gestohlen werden, dafür spricht, dass die Diebe gezielt bestimmte Kälber, Muttertiere und Zuchtbullen aus den Herden aussuchen. Es gab im vergangenen Herbst auch einen Fall, bei dem die Diebe nicht nur Kälber stahlen, sondern  auch eine Fütterungsmaschine und das Milchpulver gleich dazu.

Auch bei einem aktuellen Fall waren die Kriminellen sehr wählerisch: Sie fuhren ihren Laster zu einem sehr abgelegenen Stall einer Agrargenossenschaft in Neißemünde (Oder-Spree). Dort stahlen sie aber nur  vier der Tiere –  doch es waren Zuchtbullen, denen Ohrmarken sie zurückließen. Der Schaden für diese vier Tiere belief sich auf beachtliche 20.000 Euro.

„Ein normaler ausgewaschener Schlachtbulle bringt einem Bauer vielleicht 2500 Euro“, sagt Verbandssprecher Brantsch. „Doch bei einem richtig guten Zuchtbullen können es bis zu 25000 Euro sein.“

Brantsch glaubt, dass  die Banden sich neu orientieren. „Vor drei bis vier Jahren war die Technik der Bauern der ganz große Renner bei den Diebesbanden“, sagt er. Auch damals gingen die Täter sehr gezielt vor und stahlen Traktoren, die erst am Vortag geliefert worden waren. „Die ungewöhnliche Häufung von großen Viehdiebstählen in den ersten Wochen dieses Jahres spricht dafür, dass die Banden sich neue Geschäftsfelder suchen.“