Sigrid Nikutta meint es wirklich ernst mit der BVG. Nicht nur, dass die Chefin der Berliner Verkehrsbetriebe selbst im Ausland freiwillig einen Schal mit dem bunten U-Bahn-Sitzmuster trägt – und auch ein kleines gelbes BVG-Herz am Revers. Nein, Nikutta brachte ihre ganz persönliche Corporate Identity am Mittwoch in Peking, während der Delegationsreise mit Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne), auf das höchste denkbare Niveau: Sie verspätete sich, und zwar heftig.

Geplant war ein Gruppen-Besuch bei der „State Grid Corporation of China“, dem gigantischen staatlichen Netzbetreiber, zuständig für gut 80 Prozent der Energieversorgung von 1,3 Milliarden Chinesen und auch für Brasilien, Portugal und die Philippinen. Sogar in Berlin war State Grid vor ein paar Jahren Mitbewerber für das Stromnetz von Vattenfall, dessen Vergabe immer noch nicht entschieden ist. Allerdings haben sich die Chinesen aus der Ausschreibung längst zurückgezogen.

Energiebetankung dauert keine zwanzig Minuten

Doch nicht die Konzernzentrale in Peking war das Ziel, sondern ein großer Betriebshof für Elektrobusse, der Xiaoying Bus Terminal im Chaoyang Distrikt. Dort steht eine der laut State Grid größten und leistungsfähigsten Ladestationen der Welt. Bis zu 30 Busse der ebenfalls staatlichen Marke Foton (die unter anderem mit Daimler kooperiert) können dort gleichzeitig aufgeladen werden. Die Energiebetankung dauert keine zwanzig Minuten. Das passt so dermaßen gut zum Überthema der Pop’schen Dienstreise und ihrer fast 50-köpfigen Delegation, nämlich der nachhaltigen Stadtentwicklung, dass der Termin ein kleiner Höhepunkt werden sollte. Etwas verzögert dann auch für Sigrid Nikutta, die den Aufbruch am frühen Morgen vom Hotel Four Seasons jetlagbedingt verschlafen hatte – und erst nachträglich dazustieß. „Keine Lästereien, bitte“, sagte sie bei der Ankunft. Nicht jeder tat ihr den Gefallen.

Wie wichtig den Chinesen dieser Besuch war, zeigte sich schon an der Hierarchie-Ebene der Gastgeber. Liang Zhaowen, einer der wichtigsten Bosse der Foton-Nutzfahrzeugsparte und zugleich Partei-Sekretär, begrüßte die Wirtschaftssenatorin, die zugleich Aufsichtsratschefin der BVG ist. Auch Foton-Manager Gary Gao war da, zuständig für das Überseegeschäft der Firma, die insgesamt 40.000 Mitarbeiter hat und damit einer der größten Nutzfahrzeughersteller der Welt ist.

E-Doppeldecker

Die Chinesen präsentierten stolz ihre raumgreifende Anlage: Bus an Bus steht an Ladesäulen mit einer Kapazität von je 360 Kilowatt – eine Menge, die in Berlin laut Auskunft mitgereister Energieexperten sehr schnell das Stromnetz in die Knie zwingen würde, insbesondere wenn, wie im Xiaoying Terminal, bis zu 30 Elektrobusse auf einmal geladen werden. Nikutta fragte denn auch gleich, wie stark denn die Leitung sei, die diese Strommengen zur Verfügung stellt. Wirklich klar wurde die Frage, trotz kundiger Übersetzerinnen, nicht beantwortet.

Möglicherweise, weil sie nicht ganz verstanden wurde. Blau-gelb lackiert sind diese Foton-Busse, mit großen Buchstaben steht „EV“ darauf, für „Electric Vehicle“. Selbst E-Doppeldecker sind zu sehen, die in ein paar Meter Entfernung sanft an einem vorbeirauschen. Auch das Innere wurde inspiziert, die Ausstattung entspricht zwar sicher nicht dem strengen Pflichtenheft der BVG, es gibt auch kein „Kneeling“, also das automatische Absenken für den Rollstuhlfahrer-Einstieg. Doch Nikutta und Pop zeigten sich sichtlich angetan ob der Präsentation und posierten beim Aufladen an der Ladesäule.

Dabei ist das Thema für die deutsche Hauptstadt und ihre Verkehrsbetriebe natürlich auch ernst. Schließlich will die rot-rot-grüne Koalition die Berliner Luft verbessern und den Verkehrslärm mindern. Die erste Ausschreibung für 30 E-Busse ist abgeschlossen, die BVG prüft derzeit die Angebote und will demnächst entscheiden. Foton ist dieses Mal noch nicht dabei, wie Manager Gary Gao bestätigte. Man wolle nicht einzelne Busse irgendwohin verkaufen, sondern ganze „Lösungen“ für Verkehrsprobleme, sagte er. Schon im Sommer, kündigte Nikutta an, werde die BVG die nächsten 30 Busse ausschreiben, denn die hauseigene Flotte soll sukzessive auf emissionsarme Antriebe umgestellt werden.

Rund 5000 E-Busse in Peking

Deutsche Hersteller tun sich eher schwer mit Lösungen. Es gibt einen großen Forschungs- und vor allem Erprobungsbedarf, denn E-Busse sind hierzulande kaum mehr als Modellprojekte. Man diskutiert gern über die Technik: Fest installierte oder Wechselbatterien? Wieder aufladen unterwegs oder auf dem Betriebshof? Oberleitungen oder Akkus oder beides? Oder doch lieber Wasserstoff?

In China mag die Technik zwar nicht auf dem allerneuesten Stand sein. Doch die Chinesen bringen sie schon seit Jahren auf die Straße: Rund 5000 Busse in Peking seien elektrisch betrieben, erklären die Foton-Leute, davon allein 2000 mit dem State-Grid-System, von dem es 60 Stationen in der Stadt gibt. Zum Vergleich: Die BVG hat insgesamt nur 1500 Busse in Berlin – in Peking, der Mega-City mit ihren rund 24 Millionen Einwohnern, fahren dagegen 26.000 Busse. Auch etliche Privatautos, sehr viele Taxis und sämtliche Roller, sehr beliebt als Fortbewegungsmittel, fahren voll elektrisch.

Der Grund ist einfach: Die Luftverschmutzung in Chinas Großstädten hat Dimensionen angenommen, denen nur noch mit durchschlagenden staatlichen Maßnahmen begegnet werden kann.

Pop und Nikutta luden jedenfalls die Pekinger ein, sich in Berlin ein Bild von der Lage zu machen. „Das kann ein Einstieg in eine spannende Debatte sein“, sagte Pop. Dann bekam sie einen Bus geschenkt. Im Maßstab 1 : 100.