Die chinesische Zensurbehörde will die Veröffentlichung ausländischer Kinderbücher massiv einschränken – offiziell, um die einheimische Literatur zu fördern. Dass es auch um die Abwehr westlicher Einflüsse geht, ist nicht nur offensichtlich, sondern fast schon rührend.  Welche Werte Bücher vermitteln können, ist eine Frage, der hierzulande schon lange nicht mehr ausführlich diskutiert wurde – bis auf das Upgrade von Pippi Langstrumpfs Vater vom Neger- zum Südseekönig.

Kaugummi-Texte

Texte leisten einen Beitrag zur Erziehung und Charakterbildung. Meine eigene Integration hat zum Beispiel noch vor der Auswanderung nach Deutschland mit den Aufklebern aus importieren Kaugummis begonnen. Auch in einem demokratischen Rechtsstaat könnte man sich fragen, was die Bücher bei den Jüngsten so alles auslösen können.
Dazu muss man erst einmal an der kleinen Raupe Nimmersatt und ihrer kompulsiven Essstörung vorbei. In diesem Vorlesealter ist es noch ein weiter Weg bis „Mio, mein Mio“ und „Die Brüder Löwenherz“ – beide Bücher, die manchen als die stärksten aus Astrid Lindgrens Werk gelten, können depressive Verstimmungen verstärken, auch bei Erwachsenen. Finger weg bei Suizidneigung.

Connis ödes Elternhaus

Und wann hat man das letzte Mal in einem aktuellen Kinderbuch von einem Kind gelesen, dessen Eltern beide noch leben und sogar den gleichen Wohnsitz teilen? Mir fällt da nur Conni ein, aber erstens hat sie die langweiligsten Eltern der Welt, zweitens backt sie Pizza aus Fertigteig. Das macht die Sache schwer verdaulich.
In der beliebten „Ritter Rost“-Reihe dagegen lebt ein pfiffiges Burgfräulein Bö, vielleicht im Zeichen der Diversity, mit einem scheppernden Angeber aus Metall, der ein selten unsympathischer Antiheld ist. Das rothaarige Burgfräulein bekommt emanzipatorischen Applaus für ihre Lebenstüchtigkeit, doch die Frage nach dem Sinn der Verbindung wird nicht beantwortet. Liebe kann es nicht sein, denn die beiden können sich nicht leiden. Ist Bö eine Heiratsschwindlerin?

Wolkow und der Zauberer

Wie man mit Büchern umging, deren Grundidee gefiel, aber die Umsetzung nicht passte, hatte einst die Sowjetunion vorgeführt. Hier wurden manche Kinderbücher nicht übersetzt, sondern „nacherzählt“. Da wurden schon mal nicht nur die Namen der Hauptfiguren ausgetauscht, sondern auch gleich der des Autors. So erfuhr ich erst in Deutschland, dass der „Zauberer von Oz“ ursprünglich gar nicht von Alexander Wolkow verfasst wurde, den ich als Kind so gern gelesen hatte. Aber im Zeitalter von Datenvernetzung und Mehrsprachigkeit ist das wohl kaum ein gangbarer Weg, nicht einmal für eine Zensurbehörde im Kampf um die richtigen Werte.

Neidische Fische

Immerhin wäre eine totale Verweigerung gegenüber westlichen Kinderbüchern auch für China nicht nur bedauerlich, sondern auch kontraproduktiv. Schließlich erzählt eines der meistverkauften Bilderbücher davon, wie eine Gruppe von Fischen es nicht ertragen kann, dass einer von ihnen besonders viele glitzernde Schuppen hat. So mobben die neidischen Fische den Bevorteilten so lange, bis er von seinem Schatz abgibt und alle gleich stark glitzern. Erst dann haben sie ihn lieb. „Der Regenbogenfisch“, ein sozialistisches Lehrstück par excellence, hätte eine Empfehlung der chinesischen Aufsichtsbehörde verdient.