Beim Prozess im Kriminalgericht gibt sich Abdallah Abou-Chaker von Beginn an siegesgewiss. Zurückgelehnt, in Gucci-Sportanzug und entspannter Pose, sitzt der 40-Jährige neben seiner Verteidigerin. Weil er schon weiß, dass S., die entscheidende Zeugin, nichts mehr zu ihren Vorwürfen sagen wird?

Über 20 Einträge umfasst das Strafregister des bekannten Intensivtäters Abdallah Abou-Chaker. Mehrere Haftstrafen hat der 40-Jährige bereits abgesessen, wegen Körperverletzung, Zuhälterei, Drogenhandels, Fahren ohne Fahrerlaubnis. An diesem Donnerstagmorgen steht Abou-Chaker wieder vor Gericht. Doch die Vorwürfe gegen ihn, die auf Zwangsprostitution und Vergewaltigung lauteten, können nicht bewiesen werden. Abou-Chaker bleibt auf freiem Fuß.

Die Zeugin S., die ihn zunächst angezeigt und in Vernehmungen schwer belastet hatte, will am Donnerstag keine Angaben mehr zum Sachverhalt machen. Stattdessen bleibt dem Gericht nur ein Brief, den S. im Februar, zwei Wochen nach der Festnahme Abou-Chakers an die Staatsanwaltschaft schickte und in dem sie ihre Vorwürfe relativierte und als übertrieben bezeichnete.

Abdallah Abou-Chaker – eine bekannte Clan-Größe

Das ist durchaus überraschend, hatten in den Vernehmungen die Aussagen von S. noch recht schlüssig geklungen. Kennengelernt hätten sich die beiden, so heißt es in den Protokollen, im Jahr 2019 über Instagram, wo Abou-Chaker, laut Boulevard-Medien eine Clan-Größe, über 145.000 Follower hat. Nach vielen Monaten des Miteinanderschreibens sei S., die in Nordrhein-Westfalen lebt, nach Berlin gekommen, um Abou-Chaker zu besuchen. Schon beim ersten Aufeinandertreffen sei es zu sexuellen Handlungen zwischen ihr, ihm und einem Freund von ihm gekommen. Ein weiterer Freund habe die drei dabei gefilmt, ohne dass S. etwas davon bemerkte.

S. und Abou-Chaker wurden ein Paar. Anfang November 2020 zog sie zu ihm nach Berlin. „Ich dachte, ich hätte die große Liebe gefunden“, heißt es im Vernehmungsprotokoll. Er macht ihr schöne Geschenke, wie eine Rolex im Wert von 65.000 Euro, lässt sie in seinem Lamborghini fahren. Das imponiert ihr. Nur wenige Wochen später stelle ihr Abou-Chaker den Vertreter einer Berliner Online-Plattform vor, auf dem Prostituierte ihre Dienste anbieten. Sie, die offenbar schon in NRW ab und zu als Escort gearbeitet hatte, begann, auch in Berlin Freier zu bedienen. Das Geld habe immer Abou-Chaker genommen.

Mit der Zeit sei Abou-Chaker immer strenger geworden. Hätte sie zur Arbeit in einem Hotel gefahren, später in eine eigens angemietete Wohnung, auch dann, wenn sie Schmerzen hatte und nicht wollte. Von den 1.000 bis 2.000 Euro, die sie täglich verdiente, habe immer öfter etwas gefehlt.

An einem Tag sogar ganz. Als sie deswegen weinte, habe Abou-Chaker angefangen, ihre Tränen wegzulecken und sie zu küssen mit den Worten: „Es macht mich geil, wenn du weinst, wenn du Nein sagst.“ Mehrmals habe sie ihm gesagt, dass sie das nicht wolle, doch Abou-Chaker habe weitergemacht und sei schließlich in sie eingedrungen.

Danach habe S.  nicht mehr bei Abou-Chaker bleiben wollen. Doch der, so heißt es im Vernehmungsprotokoll, erpresste sie mit dem Video, dass sein Freund von ihr, ihm und dem weiteren Freund beim Sex zeigte. Ende Dezember 2020 sei S. dann schließlich ausgezogen. Kurz darauf zeigte sie Abou-Chaker an.

Bei Clan-Kriminalität knicken Zeugen öfters ein

Ob S. bedroht oder bezahlt wird, damit sie nun eine solche Kehrtwende hinlegt, oder ob sie tatsächlich einfach übertrieben hat, wie sie schreibt, wird man nicht mehr herausfinden können. Nachdem S., die extra für den Termin angereist war, gesagt hatte, dass sie nichts sagen wolle, verzichtete die Staatsanwältin darauf, weiteres Beweismaterial im Prozess vorzulesen. Die Zeugin habe mit ihrem Brief ihre eigenen Aussagen widerlegt. Nur eine der beiden Aussagen könne stimme. Welche, das sei ohne die Aussage der Zeugin nicht mehr festzustellen.

Es ist nicht das erste Mal, dass in einem Prozess gegen ein Abou-Chaker-Familienmitglied ein Zeuge einknickt. Erst kürzlich war es der Rapper Kay One, der, nachdem er Arafat Abou-Chaker der schweren Körperverletzung bezichtigt hatte, sich im Prozess nicht mehr erinnern konnte. Und so blieb dem Gericht nichts anderes übrig, als Abdallah Abou-Chaker freizusprechen.