Zehn Kinder, die sich untereinander nicht kennen, verbringen ein Wochenende zusammen in einem Kindergarten, der mit beweglichen Kameras ausgestattet ist. Die neue Langzeit-Dokumentation auf Vox, „Die wunderbare Welt der Kinder – Wir sind jetzt 4!“, erinnert auf den ersten Blick schnell an das Reality-TV-Format „Big Brother“. Wer die Sendung allerdings vorschnell nur darauf reduziert, tut den Machern unrecht.

Wie denken und handeln Vierjährige?

Die Doku, so heißt es zu Beginn, will „herausfinden, wie Kinder eigentlich denken, wie sie wahrnehmen, wie sie fühlen und wie sie handeln.“ In der „Versuchsanordnung“ befinden sich die Kinder in einer normalen Kindergarten-Atmosphäre. Sie wissen, wo die Kameras sind. Zwei Erzieher sind vor Ort und die Eltern in einem Raum in der Nähe. Zwei Entwicklungs-Psychologen überwachen das Geschehen in einem Nebenraum, ordnen das Verhalten der Kinder ein und haben spezielle Tests mitgebracht. Es soll um Fragen gehen wie: Wie empathisch verhalten sich Kinder? Wie gehen sie mit Niederlagen um? Wie knüpfen sie Freundschaften?

Der Ansatz, die Entwicklung von Kindern erklären zu wollen, ist an sich gut. Auch wenn sich natürlich streiten lässt, ob so etwas durch eine TV-Sendung erfolgen muss. Die Kinder in ihrer eigenen Dynamik zu beobachten, wie sie sich kennen lernen, wie sie zanken und teilen und spielen und schmollen, das ist in der Tat spannend. Und auch ganz simpel: amüsant und unterhaltsam.

Wie Kinder Erwachsene nachahmen

Auch die besonderen „Tests“, mit denen das Verhalten der Kinder untersucht werden soll, sind zum Teil interessant gemacht. Einmal zum Beispiel sollen die Kinder eine Kiste öffnen, um an Gummibärchen zu kommen. Der Deckel der Kiste lässt sich ganz einfach aufklappen, das wissen sie. An der Kiste sind jedoch auch noch viele überflüssige Schnallen und Hebel. Die Erzieherin macht trotzdem vor, wie sie bedient werden müssen. Das Ergebnis: Die Kinder ahmen ihr Verhalten nach, obwohl sie den Deckel auch einfach aufklappen könnten. Ein anschauliches Beispiel dafür, wie Kinder in diesem Alter das Verhalten von Erwachsenen beobachten und imitieren. Die Psychologen ordnen das passend und wissenschaftlich fundiert ein.

An anderer Stelle leiten die Psychologen aber aus den gezeigten Situationen doch zu allgemeine Aussagen ab. Und folgern daraus, was Eltern tun und lassen sollten. Der moralische Zeigefinger ist dabei nicht zu überhören. Zum Beispiel, wenn es heißt, Eltern müssten aufpassen, dass sie schlechten Umgang nicht weitergeben. Oder, dass sie ihren Kindern Mitgefühl dringend vorleben sollen. Und auch Schwierigkeiten werden angedeutet. Der kleine Thorben spricht noch nicht so gut. Es wird sofort deutlich gemacht, dass das später zum Problem werden könnte.

Das Verhalten wird dramatisch zugespitzt

Und das ist genau das Problematische an solch einer Sendung. Die Dramaturgie konzentriert sich auf die kritischen Momente, sie betont das Tragische im Kleinen. Immer wieder wird dazu das Verhalten einzelner Kinder in den Vordergrund gestellt und durch pointierte Sprache und den Einsatz von sentimentaler Musik überspitzt. Signalisiert wird so: Hier stimmt etwas nicht.

Da ist der zurückhaltende Tom, der sich am Anfang schwer tut, Kontakt zu knüpfen. Die Psychologen merken an, dass solche Kinder leicht übersehen werden. Man sieht auch die sichtlich emotionale Reaktion von Toms Eltern. Da ist der „Tonangeber“ Eric, der sich als schlechter Verlierer zeigt. Prompt kommt die Deutung vom Psychologen: „Es ist sehr wichtig, verlieren zu können – scheitern gehört dazu.“ Da ist Mert, der am Anfang nur weint und zu seiner Mama will und sich nicht beruhigen lässt. Der Junge wird lange weinend gezeigt – im Raum steht die Frage: Warum verhält sich das Kind so komisch?

Auch wenn man merkt, dass die Sendung viel erklären und das Voyeuristische nicht in den Vordergrund stellen möchte, bleibt beim Zuschauer doch letztlich das Gefühl, dass sich hier jemand hereinschleicht und den Kindern heimlich zuschaut. Insbesondere, wenn ein Kind in eine unangenehme Situation gerät – und man einfach zusieht, wie die Emotionen passieren. Da steht es, traurig, unsicher, wütend – und die Kamera hält das fest. Es ist plötzlich ausgestellt – selbst wenn es das gar nicht weiß.