Berlin - Eigentlich sollte mit dem Stein eine Kameradschaft besiegelt werden, deren beste Zeiten mehr als zwanzig Jahre zurückliegen. Doch als die Sache öffentlich bekannt wurde, entschlossen sich die alten Kameraden zum Rückzug. Der Gedenkstein auf dem ehemaligen Truppenübungsplatz in Massow nahe Teupitz bei Berlin war schon aufgestellt, „Wachregiment F. E. Dzierzynski 1960–1990“ lautete die Inschrift.

Eine feierliche Einweihung aber gab es dann doch nicht mehr. Am Mittwoch war der Stein plötzlich wieder weg. Geblieben ist nur sein Abdruck direkt neben dem Eingang des „Spreewald Inn“-Hotels, einem Plattenbau, der früher einmal das Stabsgebäude des Wachregiments war, das wiederum zum DDR-Ministerium für Staatssicherheit gehörte.

Eigentümer veranlasste Räumung

Die Initiatoren der ganzen Angelegenheit geben sich so konspirativ, wie man es von guten Geheimdienstlern und Tschekisten erwarten kann. Zu ihnen soll der Berliner Heimatforscher Lothar Tyb’l gehören, der Jahrzehnte lang selbst Angehöriger dieser Einheit gewesen sein soll und sie mit zahlreichen Veröffentlichungen bis heute verteidigt. Er soll Spenden für das Denkmal gesammelt haben. Mit den Medien will Tyb’l nicht darüber sprechen. „Ich habe keine Zeit“, sagt er und legt den Hörer auf.
Bürgerrechtler und Opferverbände sind empört.

Der Direktor der Stasiopfer-Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen, Hubertus Knabe, erstattete am Mittwoch bei der Staatsanwaltschaft Potsdam Strafanzeige gegen unbekannt. Die Errichtung des Gedenksteins verletze „die Würde und das Andenken der Opfer des DDR-Staatssicherheitsdienstes und der Opfer des Tscheka-Gründers Feliks E. Dzierzynski“, so Knabe.

Er bat die Justiz zu prüfen, ob der Tatbestand der Volksverhetzung beziehungsweise der Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener vorliege. Denn der Namensgeber des MfS-Wachregimentes, Feliks Edmundowitsch Dzierzynski, war der erste Leiter der sowjetischen Geheimpolizei Tscheka, der man allein für die Jahre 1918/19 mehr als 1,7 Millionen Ermordete zuschreibt.

Die ehemalige Bürgerrechtlerin Ulrike Poppe, die Landesbeauftragte zur Aufarbeitung der Folgen der kommunistischen Diktatur ist, sagt: „In unserer nunmehr freien Gesellschaft können sich die alten MfS-Kameradschaften ungehindert treffen und der Zeit gedenken, in der sie noch Macht über andere besaßen. Aber dass sie nun meinen, in der Öffentlichkeit einen Gedenkstein aufstellen zu können, ist eine Beleidigung jener Menschen, die von den Repressionsmechanismen der Staatssicherheit betroffen waren.“ Der CDU-Landtagsabgeordnete Dieter Dombrowski schrieb in der Sache an die Eigentümer des Hotels, die israelische Leonardo-Gruppe. Er verwies auch darauf, dass seine eigene Familie seinerzeit unter der Stasi zu leiden hatte.

"Kein Kommentar!"

Die Hotelkette reagierte umgehend. Die Hotelmanagerin musste den Stein entfernen lassen. Am Mittwochmorgen kurz nach zehn Uhr war seine Inschrift mit Decken verhängt. Drei ältere Herren luden den Stein auf einen Gabelstapler.

Äußern wollten sie sich dazu nicht. Auch die Managerin sagte nur: „Kein Kommentar!“, und verwies neugierige Frager des Grundstücks. Den Stein karrten die Männer anschließend in eine der vielen aus DDR-Zeiten übrig gebliebenen Hallen auf dem Gelände.

Im Gegensatz zu den meisten aufgegebenen Armeeobjekten sind die Einrichtungen in Massow – die Regimentsangehörigen sprachen damals zumeist von Teupitz – noch relativ gut erhalten. Gleichwohl stehen viele Gebäude leer: der Speisesaal, die Garagen, die Mannschaftsunterkünfte. Eine Reha-Klinik auf dem Gelände ging vor kurzem pleite. Das Hotel dagegen läuft offenbar gut, schon weil das Objekt in der Nähe der Autobahn liegt.

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Hier, mitten im Wald, war von 1960 bis Juni 1990 das „Kommando 3“ des Wachregimentes Feliks Dzierzynski untergebracht. Während in Berlin-Adlershof der Stab, der Militärarrest und der Kfz-Park des Regiments stationiert waren, saß in Massow das Wachpersonal für die geheimen Funkobjekte in Zeesen, Wernsdorf und Gosen und das Wachpersonal für den Außenring des Stasi-Gefängnisses in Hohenschönhausen. In Massow lagen die zentralen Schießstände, hier erfolgte die Grundausbildung, übten Schützenpanzer, durchs Wasser zu fahren.

Aber nicht nur das Personal des Wachregiments trainierte hier den Ernstfall. Die Staatssicherheit leistete auf ihre Weise auch Entwicklungshilfe: So wurden hier unter anderem Offiziere des damaligen irakischen Staatschefs Saddam Hussein ausgebildet. „Hier war ein ständiges Kommen und Gehen“ erinnert sich ein ehemaliger Unteroffizier, der dort drei Jahre als Schreiber in einer Kompanie diente.

Die ausländischen Kader erhielten Ausbildung im Nahkampf und im Umgang mit Sprengstoffen und Nervengift. „Auch wenn die Reparaturbrigade ran musste, weil der Schützenpanzer, der zur chemischen Aufklärung ausrückte, blioß das Kasernentor erreicht hatte, nahm man das hier bitter ernst“, sagt der Ehemalige. Auch befreundete Länder wie Äthiopien, Libyen und die PLO schickten ihre Kader nach Teupitz zur Ausbildung. In Massow war eine Menge los.

Eine Pilgerstätte reicht

Dass sich Ehemalige inzwischen zu Kameradschaften zusammengefunden haben und auch in einem Internet-Forum freundlich-nostalgischen Umgang miteinander pflegen, findet Ralf Kunze, Bürgermeister der Gemeinde Halbe, zu der Massow gehört, irgendwie gruselig. „Die Sache mit dem Stein ist mir äußerst unlieb“, sagt er. Als Kunze von dem Denkmal erfuhr, bat er seinen Amtsdirektor, vom Landesamt für Verfassungsschutz prüfen zu lassen, ob hier etwa verfassungsfeindliche Umtriebe vorliegen.

Dass die Alt-Tschekisten den Stein am Mittwochvormittag wieder wegräumten, „stimmt mich äußerst froh“, sagt der Bürgermeister. „Ich brauche keine weitere Pilgerstätte in und um Halbe. Mir reicht schon der Soldatenfriedhof, der immer von den Neonazis heimgesucht wird.“