Seit einer Weile hängen sie nun schon und ein weiteres Mal lange genug, um sie kaum mehr wahrzunehmen. So ging es mir zumindest in den letzten Jahren, wenn die Stadt für eine Weile um Tausende Lächelgesichter reicher war. Wenn auch nur fürs Foto. Denn zu lachen haben die Politikerinnen und Politiker im Wahlkampf wenig. Das liegt zum einen am schärfer werdenden Ton der Konkurrenz, vor allem aber am Unmut des Volkes, der sich jetzt noch lauter Luft macht als sonst. Kaum ein Tag ohne Shitstorm, jedes Wort, jede Geste, jedes Schweigen eine Falle.

Wem auch die Freude am demokratischen Mitwirken schnell vergehen kann, das sind die Wahlhelfer. Angetreten zum Kleben, Stimmen zählen und lächelnd Auskünfte geben, werden auch sie hie und da zum Feind erklärt. Von tätlichen Angriffen las ich und spürte eine heiße Wut. Ab und zu meldet sie sich wieder, wenn ich die Plakate sehe, und die Wut ist vermutlich der Grund dafür, dass die Poster in diesem Jahr nicht im Straßenbild verschwinden wie Werbeschilder und all das neue Papier, Abstandsregeln und so. Sehe ich mal ein neues Schild, wirkt es wie ein Kommentar zu der grassierenden Gereiztheit, ohne die doch kein Mensch einen anderen angreift, der ein Plakat aufhängt mit einem Gesicht drauf. Einem Gesicht, das die Müdigkeit wegschminken lässt und es mit Ablehnung und Hass aufzunehmen gedenkt.

Ich lese die Zeichen gewordenen Maßnahmen und die Wahlplakate und die Berichte über die Attacken zusammen, weil ich mich vor dem 26. September fürchte. Bang war mir schon oft, aber immer richtete sich das Unbehagen auf den Ausgang der Wahl. Nie auf den Tag an sich. Den habe ich immer als leuchtend empfunden, auch wenn ich nicht immer mit Entschiedenheit das Kreuzchen setzen konnte. Was zählte und auch dieses Jahr zählt: Ich darf Kreuzchen setzen, gleich sechs. Ich kenne viele Menschen, die es schwieriger denn je finden, ihre Stimme abzugeben. Lieber würden etliche sie erheben, gegen das Geschehene und das, was sie fürchten. Protest gegen alle Parteien oder auch Verzweiflung über fehlende Alternativen kann man aber in Deutschland nicht auf dem Wahlzettel ausdrücken. Oder nur, indem man ihn bekritzelt, leer lässt oder auf andere Weise ungültig macht. Oder gar nicht erst an die Urne geht. Dann sinkt die Wahlbeteiligung und alle reden von Verdrossenheit. Letztere ist gefährlich, aber nicht so explosiv wie Wut.

Produktiv ist beides nicht. Jammer nicht, tu was, will ich so oft rufen, wenn jemand sich in einem Lamento ergießt und nebenbei die Demokratie mindestens sterbenskrank erklärt. Ich meine damit nicht, Ehrenamtliche zu rempeln. Man muss auch nicht gleich eine Partei gründen. Vielleicht wäre die Option „Ich würde gerne wählen, weiß aber nicht wen“ doch sinnvoll auf dem Wahlzettel. Man könnte, außer auf der Straße, seinen Unmut äußern und nebenbei ein winziges Stück Demokratie retten. Und lächeln muss ja keiner dabei. Außer die Abgelehnten.