Luckenwalde - Bei Christiane Spalek häufen sich dieser Tage die Anrufe besorgter Bürger. Viele wollen wissen, ob sie ihre Briefwahlunterlagen zurückhaben können, um neu abzustimmen über den künftigen Landrat des Kreises Teltow-Fläming. „Wir haben uns falsch entschieden“, klagen sie. Andere fragen, ob die Abstimmung verschoben wird. „Die Verunsicherung ist groß“, sagt Spalek, die das Hauptamt der Kreisverwaltung in Luckenwalde leitet und auch die Wahl an diesem Sonntag organisiert hat.

Den Grund für die Unruhe lieferte der bisherige Favorit für das Landratsamt, Frank Gerhard von der SPD. Am vorigen Wochenende teilte die für Korruptionsverfahren in Brandenburg zuständige Staatsanwaltschaft Neuruppin mit, dass gegen Gerhard ein Strafbefehl über 25.200 Euro verhängt werde. Als Bürgermeister von Ludwigsfelde hatte sich der SPD-Politiker von einem Schweizer Investor zu einer dreitägigen Reise nach Luzern einladen lassen – samt Unterbringung im Luxushotel, Champagnerempfang, Galadinner und Besuch des berühmten Musikfestivals in der Stadt am Vierwaldstättersee. Der Beschuldigte werde den Strafbefehl akzeptieren, erklärte die Justiz.

Sorge um die Wahlbeteiligung

Damit tritt Gerhard vorzeitig und in ganz anderer Hinsicht in die Fußstapfen jenes Mannes, den er als Landrat beerben möchte. Denn Amtsinhaber Peer Giesecke wurde, nach fast 20 Jahren an der Spitze des früheren Vorzeige-Kreises, im Dezember ebenfalls wegen Korruption abgewählt.

Weil er von einem Investor Gegenleistungen für Abrissgenehmigungen angenommen hatte, war Giesecke zu zehn Monaten Haft auf Bewährung und 8000 Euro Geldstrafe verurteilt worden. Im Kreistag stimmte auch die SPD für seine Absetzung. Die Verurteilung sei mit dem Amt nicht zu vereinbaren, befand ihr Unterbezirkschef. Sein Name: Frank Gerhard. Für ihn selbst soll das nicht gelten, denn er hält an seiner Kandidatur fest.

Der SPD-Mann ist nicht der einzige umstrittene Kandidat. Gegen einen zweiten aussichtsreichen Bewerber, Danny Eichelbaum von der CDU, laufen Ermittlungen wegen Betrugs und Wahlbetrugs. Der Landtagsabgeordnete soll sich, so der Verdacht, in Jüterbog angemeldet haben, obwohl er in Potsdam lebt. Dadurch könnte Eichelbaum auch überhöhte Fahrtpauschalen vom Parlament kassiert haben.

Nicht der einzige umstrittene Kandidat

Lachende Dritte könnte die Linken-Politikerin Kornelia Wehlan sein – wenn sie die Umstände nicht so bedrückend fände. „Das belastet den Wahlkampf für alle Kandidaten“, sagt sie über die Vorwürfe gegen ihre Hauptkonkurrenten. Auch Wehlan sitzt im Landtag. Sie könnte die erste Frau und die einzige Linke unter den Landräten in Brandenburg werden. Auf Versammlungen aber fragten die Wähler nur noch nach Korruption, sagt sie. Die wichtigen politischen Themen gerieten darüber völlig in den Hintergrund.

Dabei gibt es in Teltow-Fläming genug andere Gründe zur Sorge als geldgierige Politiker. Der Kreis, der im Norden an Berlin grenzt und im Südwesten an Sachsen-Anhalt, hat zweistellige Millionenschulden angehäuft, auch wegen Maßlosigkeit: So bestand er auf einer vierten Fahrspur für die Bundesstraße 101, die er selbst bezahlen muss. Vielleicht habe man sich übernommen, so jüngst die amtierende Landrätin. Der Kreis wird ferner stark vom BER-Fluglärm betroffen sein, und die sozialen Spannungen wachsen.

Lange gehörte Teltow-Fläming in Deutschland zu den wirtschaftlich dynamischsten Regionen. „Im Osten die Nummer 1“ lautete der Werbespruch unter Landrat Giesecke. Investoren kamen in Scharen, viele ließen sich in oder um Ludwigsfelde nieder. Doch das Geld senkte die Hemmschwellen und machte manche Amtsträger schwach. Auch Gerhards Vorgänger als Bürgermeister, Heinrich Scholl, steht nicht nur wegen Mordes an seiner Frau vor Gericht, sondern wird zudem der Vorteilsnahme verdächtigt.

Die Stimmung ist also bedrückt. „Die Wahlbeteiligung wird wohl leider nicht sehr hoch sein, nach den Querelen im Vorfeld“, sagt Christina Spalek. Sie befürchtet, dass die nötige Stimmenzahl für die erstmalige Direktwahl des Landrats verfehlt werden könnte: 15 Prozent der Wahlberechtigten müssen für einen Kandidaten stimmen, spätestens in der Stichwahl Mitte April. Sonst bestimmt der Kreistag den neuen Landrat. Direkt gewählt worden ist in Brandenburg bislang nur einer, im Kreis Oberspreewald-Lausitz.