Es ist mittlerweile gang und gäbe: Ein Regierungschef, ein Präsident oder einer, der es werden will, zieht gegen diejenigen zu Felde, die nach dem Grundsatz der Gewaltenteilung seiner Macht Grenzen setzen. Er attackiert die Justiz, die auf die Rechtmäßigkeit politischen Handelns pocht. Er attackiert die Medien, die Öffentlichkeit herstellen. Kurz: Er rüttelt an den Grundfesten der Demokratie. In Polen war das zu beobachten, in Ungarn oder auch in den USA. Nun also auch in Frankreich.

Dort hat der in einen Scheinarbeitsskandal verwickelte Präsidentschaftskandidat Francois Fillon an das Volk appelliert, ihm gegen die Justiz beizustehen. Zu Zehntausenden sind seine Gefolgsleute  dem Aufruf gefolgt, haben am Sonntag in Paris für den von Untersuchungsrichtern bedrängten Konservativen demonstriert. Zwar wurde  das Motto der Kundgebung, „Gegen den von der Richterschaft inszenierten Staatsstreich“,  ersetzt. Jetzt heißt es: „Rühr mein Votum nicht an“– eine Anspielung auf die Kür Fillons bei den Vorwahlen zum Präsidentschaftskandidaten der Konservativen im November. Der Adressat steht aber außer Frage: die Justiz.

Das Bild der sich auf dem Pariser Trocadero-Platz drängenden Anhänger Fillons dürfte aber das andere nicht auslöschen, das sich bereits tief ins kollektive Bewusstsein eingegraben hat –  das blamable Bild eines Kandidaten, der Frau und Kindern als Abgeordneter auf Parlamentskosten zu insgesamt rund einer Million Euro Gehalt verholfen haben soll, ohne dass die angeblich Beschäftigten für ihn tätig geworden wären. Am  15. März steht die Vernehmung Fillons durch den Untersuchungsrichter,  die  förmliche Eröffnung eines Ermittlungsverfahrens dürfte folgen. 

Auch bürgt der Massenaufmarsch nicht dafür, dass der Konservative seine Kandidatur aufrechterhalten kann. In der Wählergunst auf Platz drei zurückgefallen, sieht sich Fillon wachsendem Druck der um den Wahlsieg bangenden Parteifreunde ausgesetzt. In Scharen kündigen  selbst die vermeintlich Getreuesten die Gefolgschaft auf. Gut möglich, dass die „Republikaner“ im letzten Moment, kurz vor Ablauf der am 17. März auslaufenden Meldefrist, noch einen Ersatzkandidaten ins Rennen zu schicken. Alain Juppé, Bürgermeister von Bordeaux, Ex-Premier und bei den Vorwahlen hinter Fillon auf Platz zwei gelandet, wäre wohl bereit, in die Bresche zu springen.

Dass Fillon dennoch weitermacht, grenzt an Realitätsverlust. Und es ist zurzeit ja auch in der Tat schwer, in Frankreichs politischer Landschaft nicht die Orientierung zu verlieren. Alte Wegmarken verschwinden, neue sind noch nicht da. Sozialisten und Konservative, die sich jahrzehntelang Macht und Pfründen zu teilen pflegten, laufen bei den Präsidentschaftswahlen Gefahr, in der ersten Runde sang- und klanglos auszuscheiden. Von Staatschef Francois Hollande wie auch vom Spitzenkandidaten der Opposition enttäuscht, suchen rund 40 Prozent der Wähler ihr Heil mittlerweile in rechts- oder linkspopulistischen Gefilden, bekennen sich in Umfragen zur Chefin des Front National, Marine Le Pen oder zum Linksaußen Jean-Luc Mélenchon.

Dass der rettende Reflex noch funktioniert, die Franzosen der in der Stichwahl erwarteten Rechtspopulistin  den Weg an die Macht verstellen, sich auf die Seite ihres Gegners schlagen, ist nicht mehr sicher. Zumal Fillon ihr auch noch in die Hände arbeitet. Seine Botschaft, wonach sich die Eliten, unterstützt von Justiz und Medien, gegen das Volk verschworen haben, deckt sich mit dem, was Le Pen schon immer gesagt hat. Laut Umfragen darf sie im Stichwahlduell auf 40 bis 42 Prozent hoffen. Sollte sie siegen, Frankreich aus der EU führen, den Euro abschaffen, würde das nicht nur die Franzosen ins Elend stürzen. Das vereinte Europa wäre ebenfalls am Ende. Deutschland verlöre seinen wichtigsten Partner.

Gewiss, noch ist Frankreich nicht verloren. Der parteilose Ex-Wirtschaftsminister Emmanuel Macron, der das Land auf sozialliberalem Weg in die Moderne führen will, hat laut Umfragen beste Chancen, sich in einer Stichwahl gegen  Le Pen durchzusetzen. Gleiches gilt für  Juppé, sollte er Fillon  ablösen und in die Stichwahl vordringen. Beide gelten als überzeugte Europäer. Sie würden Volk und Eliten, alteingesessene Franzosen und Einwanderer, patriotische und weltoffene Landsleute nicht gegeneinander ausspielen, sondern Brücken schlagen. Zu befürchten ist freilich, dass nicht nur Fillon, sondern auch so mancher Wähler angesichts der Umwälzungen im Lande die Orientierung verliert.