Berlin - „Wahlmodul: Völkermord“. So lautet die Überschrift eines Kapitels im Buch „Forum Geschichte“ vom Verlag Cornelsen aus dem Jahr 2018. Seit den Änderungen im Rahmenlehrplan 2017 sind das deutsche Kaiserreich und der Imperialismus in Berlin nicht mehr Teil des Geschichtsunterrichts. Kolonialismus und damit auch der Völkermord an den Herero und Nama ist eines von fünf Wahlthemen geworden. 

Sozialwissenschaftler gehen heute davon aus, dass Rassismus erlernt ist und nicht etwa ein natürlicher Instinkt. Denn Rassismus geht über die Abgrenzung zwischen „uns“ und „den anderen“ hinaus und wurde zur Rechtfertigung der Kolonialisierung erfunden. Ein paar Jahrzehnte nachdem Kant und Hegel über Würde, Gleichheit und Freiheit philosophierten, konnten Ausbeutung, Versklavung und Unterdrückung nur durch die Konstruktion von „Rassen“ legitimiert werden. Um eine Sensibilität für den heutigen Rassismus zu entwickeln, ist es wichtig, diese Entstehung mitzudenken.

„Es geht nicht um Schuld. Es geht darum, aus der Geschichte zu lernen. Und wenn wir das tun wollen, brauchen wir mehr Zeit“, sagt Sven Kozelnik, Fachbereichsleiter für Gesellschaftswissenschaften und Seminarleiter, er bildet also unter anderem Lehrkräfte aus. Wir sitzen in einem kleinen Klassenraum im Goethe-Gymnasium in Lichterfelde und blättern in verschiedenen Büchern für den Geschichtsunterricht der Klassen sieben bis zehn. In Berlin gibt es keine einheitlichen Schulbücher, zudem lohnt sich im Hinblick auf rassismuskritische Inhalte ein Vergleich mit älteren Werken.

Kolonialismus kommt in den Schulbüchern vor, auch der deutsche. Doch in der Realität blieb bereits vor der Lehrplanänderung wenig Zeit, um ausführlich darauf einzugehen, meint Kozelnik. Er begrüßt, dass Politik als eigenes Fach eingeführt wurde, glaubt aber, dass Gesellschaftswissenschaften insgesamt mehr Unterrichtszeit benötigen.

„Wenn wir die Jugendlichen zu demokratischen Bürgern erziehen wollen, ist es wichtig, zunächst in die Zeit einzutauchen und dann multiperspektivisch vorzugehen“, erklärt Kozelnik. Er deutet auf „Geschichte und Geschehen“ aus dem Jahr 2004, dort sind Zitate von Zeitzeugen – bis auf einige Fragen als Arbeitsaufträge – unkommentiert abgedruckt. Historische Quellen, Bilder oder Texte repräsentierten häufig eine privilegierte Sicht, mitunter sogar die Täterperspektive. Wenn so etwas gezeigt wird, müsse dies auch entsprechend eingeordnet werden.

„Die Frage ist nicht nur ob, sondern auch wie das Thema behandelt wird“, sagt Christian Kopp von Postkolonial Berlin. Bei den Stadtrundgängen, die die Initiative anbietet, wird auf die Auswirkungen des Kolonialrassismus auf die Denk- und Gesellschaftsstrukturen eingegangen. Kopp kritisiert Darstellungen, die Kolonisierte nur in der Opferrolle zeigen.

Das größte Problem sieht er momentan im Unwissen. „Bei unseren Führungen spiegeln uns Jugendliche und junge Erwachsene wieder, dass Kolonialismus zu wenig im Unterricht behandelt wird. Die Hälfte der Leute weiß so gut wie gar nichts“, sagt er. Auch Berlins Rolle im brandenburgisch-preußischen Sklavenhandel würde selten im Unterricht besprochen. Das Wissen um Deutschland als Kolonialmacht dürfte auch nach der Lehrplanänderung nicht größer geworden sein.

Durch Initiativen wie Berlin Postkolonial ist die Aufarbeitung des Kolonialismus immerhin in den Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit gerückt. Auch nach dem Anschlag in Hanau und dem Mord an George Floyd im vergangenen Jahr in den USA haben Aktivistinnen und Aktivisten die strukturelle und historische Komponente von Rassismus vermehrt in den Medien aufgezeigt.

Schulbuchverlage greifen diese gesellschaftlichen Debatten auf. Der Klett-Verlag spannt beispielsweise in der neuen Ausgabe von „Zeitreise“ einen Bogen zur Gegenwart und nimmt Bezug auf die „Black Lives Matter“-Bewegung. Zudem ist auf den Seiten der Brief eines Herero-Anführers an den deutschen Gouverneur von 1904 gedruckt. So zeigen die Redakteurinnen und Redakteure auch die Perspektive der Kolonisierten.

In der Überschrift wird dieser allerdings als „Häuptling“ bezeichnet. Dieses Wort setzt ihn durch die verkleinernde Endung „-ling“ herab. In einer E-Mail versicherte eine Pressesprecherin, die Texte würden aktuell „auf unterschwellig kolonialaffirmative Begriffe hin überprüft“. Der Verlag strebe an, alte Lehrbücher selbstkritisch auf die Fokussierung eurozentrischer Quellen und klischeehafte Darstellungen von der Begegnung der Europäer mit der indigenen Bevölkerung zu prüfen.

Trotzdem führt in der besagten Ausgabe die Illustration eines kaum bekleideten schwarzen Mannes, der dem aufrechten Kolonialherrn in unterwürfiger Haltung zu Füßen kniet, in das Thema ein. Dieser Kapitelauftakt müsse im Gesamtkontext betrachtet werden, ist die Antwort auf die Nachfrage, ob diese nicht klischeehaft sei. „Es geht darum, mit den Schülerinnen und Schülern in den Diskurs einzusteigen und sie über die Diskussion zur Ausbildung einer eigenen Meinung zum Thema zu befähigen. Und hierbei spielt übrigens auch die Lehrkraft eine zentrale Rolle.“