Mit Wahlen bei den Industrie- und Handelskammern (IHK) verhielt es sich in Berlin und anderswo in Deutschland jahrzehntelang so: Dass sie überhaupt stattfanden, hing niemand an die große Glocke. Die Wahlbeteiligung verharrte auf niedrigstem Niveau bei sechs Prozent. Der demokratische Charakter blieb gewahrt, das Establishment teilte Posten und Einfluss unter sich auf.

Doch diese Zeiten gehen zu Ende, und man merkt es, wenn man in diesen Tagen das Ludwig-Erhard-Haus in der Fasanenstraße betritt. Es gibt einen Informationsstand und Plakate, die auf die Wahl hinweisen. Auch auf der Internetseite leiten große Banner zur Online-Wahlplattform. Anzeichen eines neuentdeckten demokratischen Bewusstseins?

Diese mag eine Rolle spielen. Aber mindestens genauso viel trägt ein gestiegener Legitimierungsdruck dazu bei, dass die Berliner IHK in diesem Jahr intensiv wie nie zuvor an ihre 284.000 Mitglieder appelliert, von ihrem Wahlrecht Gebrauch zu machen.

Bis zum 29. Mai läuft die Abstimmung zur Vollversammlung. Rund 200 Kandidaten bewerben sich um die 100 Sitze. Und möglicherweise vollzieht sich auch in Berlin ein Prozess, der schon die Kammern in anderen Städten erschüttert hat: Die Unternehmer entdecken die Demokratie. Und sie stellen die Arbeit der mächtigen Kammern infrage. Wichtigstes Indiz: Traten die Kandidaten bisher fast immer einzeln an, so gibt es in diesem Jahr gleich zwei branchenübergreifende Zusammenschlüsse. 

Kandidaten aus der Bio-Branche oder Energiewirtschaft

Das Bündnis „IHK Digital“ fordert von der Kammer, stärker gesellschaftspolitische Verantwortung zu übernehmen und sich für eine nachhaltige Stadtpolitik einzusetzen. 50 Kandidaten gehören ihr an, einige kommen aus der Bio-Branche oder der Energiewirtschaft, aber auch traditionelle Branchen wie Versicherungen oder Baugewerbe sind vertreten. Ebenfalls dabei: der Software-Großkonzern Microsoft.

Kleiner, aber radikaler ist die Gruppe „MitmachIHK“. Sie geht an die Grundlagen, will mehr Transparenz bei der Verwendung der Einnahmen – und eine Absenkung der Gebühren. Einer der Kandidaten ist der FDP-Abgeordnete und Unternehmensberater Henner Schmidt. „Die IHK steht in der Pflicht, mehr zu tun für ihre Mitglieder und zu zeigen, welche Leistung sie bringt“, sagt Schmidt. Einiges habe sich schon verbessert.

So werden inzwischen Protokolle der IHK-Vollversammlungen angefertigt und veröffentlicht. Das Gehalt von Hauptgeschäftsführer Jan Eder – 225.000 Euro im Jahr plus Boni – unterliegt nicht mehr der Geheimhaltung. Auch die Umlage wurde deutlich gesenkt. 350 Euro zahlt jedes Mitgliedsunternehmen im Durchschnitt pro Jahr, im deutschlandweiten Vergleich ist das wenig. Ein Grund: die effiziente Verwaltung. Man sei die „schlankste IHK Deutschlands“, betont Marketing-Geschäftsführer Jörg Nolte.

Dass noch radikalere Reformen möglich sind, zeigt das Beispiel Hamburg. Dort errang im Februar das Bündnis „Die Kammer sind Wir“ einen Sieg, den so niemand für möglich gehalten hatte: 55 der 59 Sitze in der Vollversammlung halten die IHK-Rebellen seitdem. Sie drängten bereits den Hauptgeschäftsführer aus dem Amt und fordern nun eine Neuausrichtung der Kammer. Fernziel: Die Kammerpflicht für die Unternehmen soll entfallen, die Beiträge sollen freiwillig werden – so wie es etwa in Spanien und Griechenland nach den von Deutschland geforderten Reformen geregelt ist.

Ärger über Stellungnahmen

Einige Kandidaten stoßen sich auch an den politischen Stellungnahmen der IHK. Heinrich Strößenreuther gehört zu ihnen, Initiator des Fahrrad-Volksbegehrens. Als Unternehmensberater tritt auch er bei der Wahl an und hat sich sowohl „IHK Digital“ als auch „MitmachIHK“ angeschlossen. Sein Ärger rührt aus dem vorigen Jahr her. Da gab die IHK eine Stellungnahme gegen das Volksbegehren ab, ohne vorher mit Strößenreuther oder seinen Mitstreitern gesprochen zu haben. Zu einer Sitzung des IHK-Verkehrsausschusses wurde er ein- und dann wieder ausgeladen. „Die IHK ist eine Bastion der Politikverhinderer“, sagt Strößenreuther.

Die Resonanz auf die „MitmachIHK“ sei jedenfalls gewaltig, sagt Fabio Reinhardt. Auch der frühere Piraten-Abgeordnete zählt zu den Kandidaten. Seit Januar hat er sein eigenes Unternehmen, ist damit zwangsweise Mitglied der IHK und wahlberechtigt. Reinhardt räumt ein, dass das Bündnis wohl nicht die gleiche Wirkung entfalten wird wie in Hamburg – in Anbetracht von 20 Kandidaten für 100 Sitze. „Zugleich können 20 Leute sehr viel sein, weil wir uns abstimmen und die anderen fragmentiert sind“, sagt er. Es sei gut denkbar, dass sich weitere Delegierte anschließen, dauerhaft oder bei einzelnen Abstimmungen.

Und dann gibt es ja noch die 50 Kandidaten von „IHK Digital“. Zusammen könnten die Reformbündnisse durchaus auf mehr als 50 Prozent kommen. Eine der ersten Aufgaben der neuen Vollversammlung wird es sein, ein neues Präsidium zu wählen. Über IHK-Präsidentin Beatrice Kramm heißt es, von ihrem Reformeifer sei bisher nicht viel zu merken gewesen. Das könnte sich ändern.