Wohnungsnot in Berlin: Geht auf die Barrikaden, Schneeflöckchen!

Immer mehr junge Erwachsene in Berlin müssen aus Geldnot bei ihren Eltern wohnen bleiben. Im Wahlkampf ist das kein Thema. Ein Kommentar.

Wer studiert, hat ein Problem bei der Wohnungssuche. Wer in der Ausbildung ist, braucht es gar nicht erst zu versuchen.
Wer studiert, hat ein Problem bei der Wohnungssuche. Wer in der Ausbildung ist, braucht es gar nicht erst zu versuchen.Schöning/Imago

Heute mal eine Ansprache an die Schneeflöckchen. Nein, nicht was Sie denken. Hier soll jetzt nicht der Winter herbeigeredet werden. Wenn es in den bayerischen Skigebieten nicht schneit, brauchen wir die weiße Pest in der Hauptstadt erst recht nicht. Meine Meinung.

Gemeint sind vielmehr die sehr jungen Erwachsenen der Generation. Auch auf sie wird oft noch der Begriff Snowflake (Schneeflocke) angewandt, obwohl der eigentlich aus den 2010er-Jahren stammt. Aber er passt eben immer noch so gut: Der Name kommt daher, dass die jungen Menschen sich selbst gerne als einzigartig wahrnehmen, dabei aber furchtbar sensibel und wenig belastbar sind. Wie eine Schneeflocke eben. Man erkennt es schnell, der Begriff ist eher abwertend gemeint. Das heißt aber nicht, dass sich darunter nicht auch eine Kampfbewegung versammeln könnte. Ich hoffe, ich habe jetzt niemanden erschreckt.

Aber mal im Ernst. Die heutigen Schneeflöckchen, und gemeint sind hier die 18- bis 25-Jährigen, sind mit ziemlicher Sicherheit viel weniger empfindlich als das Klischee glauben macht. Im Gegenteil, sie sind auf eine Art duldsam, die schon fast wieder ungeduldig macht. Die meisten Berliner Schneeflocken leben nämlich noch bei den Eltern. Nicht, weil es da so schön ist, sondern, weil es keinen bezahlbaren Weg gibt, der aus dieser Misere herausführt.

Freie Wohnheimplätze für Studierende gibt es nicht. Es werden auch gerade keine gebaut, die in absehbarer Zeit fertig sind. Wer eine Lehre macht, fällt von vorneherein durch den Rost. Also heißt es ausharren bei Mama und Papa. Die finden das übrigens auch nicht so toll, wie ich aus erster Hand weiß, haben aber im Großen und Ganzen keine Lösung anzubieten. Es soll einige geben, die ihre Ersparnisse in die Hand nehmen, um dem erwachsenen Nachwuchs eine überteuerte Eigentumswohnung zu kaufen. Na ja.

Im Wahlkampf ist das kein Thema. Entweder geht es um die Enteignung von Wohnungsbaugesellschaften, wodurch kein einziges Ein-Zimmer-Apartment frei wird, oder es wird über die autofreie Friedrichstraße gestritten. Klagen über diese diskursive Schieflage hört man aber kaum. Ist jetzt halt so, wird schon wieder besser werden. Dieses Argument hat die jungen Leute in der Corona-Pandemie mundtot gemacht – aber die ist jetzt vorbei. Und deshalb sollte auch Schluss sein mit der gut erzogenen Höflichkeit.

Geht auf die Barrikaden, ihr jungen Leute. Ihr habt nicht nur eine Stimme, die sich im Wahlumschlag verschicken lässt! Für den Anfang reicht vielleicht eine Tube Sekundenkleber. Der soll gut funktionieren auf den Stufen zum Roten Rathaus.