Meinungsumfragen sind keine Wahlergebnisse. Politische Stimmungen schwanken extrem. Deshalb muss man sich noch nicht wirklich Sorgen machen. Aber alarmiert sein sollte man schon. In dieser Woche hat das Allensbach-Institut in der sogenannten Sonntagsfrage erstmals eine Mehrheit für eine schwarz-gelbe Bundesregierung nach der Wahl am 24. September vorhergesehen. Schwarz-Gelb! Die Wiederholung der Geschichte der „Gurkentruppe“ und der „Leichtmatrosen“.

Ein Alptraum. Man muss Angela Merkel nicht gut kennen, um zu ahnen, dass sie bereuen könnte, wieder angetreten zu sein, wenn sie sich am Kabinettstisch mit Christian Lindner und…ja, wem eigentlich wiederfinden sollte. Schwarz-Gelb ist nicht, was es unter Helmut Kohl und Hans-Dietrich Genscher war. Die Verdienste von zwölf Jahren Schwarz-Gelb in den 1980er Jahren wurden in den vergangenen Tagen zu Recht gewürdigt. Verdienste, die vieles kompensiert haben, was damals auch falsch lief.

Großmäulige Ankündigungen und kleinteilige Steuerpolitik

Heute haben wir es mit der FDP von Christian Lindner zu tun. Einer Partei, die von 2009 bis 2013 nicht wirklich regierungsfähig war, keine erfahrenen Politiker hatte, die ohne qualifizierten Unterbau agiert und vier Jahre lang enormen Schaden an sich selbst und der Republik angerichtet hat. Mit großmäuligen Ankündigungen und einer kleinteiligen Steuerpolitik ruinierte sie ihr eigenes Image. Die Abschaffung der Wehrpflicht, die nur mit Hilfe des später über seine Plagiatsaffäre gefallenen Verteidigungsministers Theodor zu Guttenberg durchgesetzt werden konnte, hat die Bundeswehr enorm geschwächt. Alles in allem ist die FDP zu Recht im Jahr 2013 von den Bürgern abgewählt worden.

Jetzt tritt sie an und will regieren. Und ist sie eine andere geworden? Nein. Ohne einen Anflug von Demut steht die FDP unter Christian Lindner vor den Wählern. Mit demselben überbordenden Veränderungsfuror nennt sie sich die Partei der „ungeduldigen Mitte“. Liest man das Wahlprogramm, so spricht zu einem die alte FDP der Steuersenkungen, die Partei des „Privat vor Staat“, die Anti-Verbots-Partei – und das unbeeindruckt von der Frage, ob Globalisierung und internationaler Terror vielleicht ein Mehr an Regulierung brauchen, will man Freiheit für alle. Vor allem sind die Liberalen eine Partei aus dem Off, die man zwar wieder im Bundestag sehen möchte, gerne aber erstmal auf der Oppositionsbank.

Mit wem regiert Merkel?

2013 hat Angela Merkel über Schwarz-Gelb gesagt, dies sei die erfolgreichste Regierung aller Zeiten. Das war natürlich gelogen. Aber bis heute gilt die FDP in der Union als der natürliche Koalitionspartner. Bei einer rechnerischen Mehrheit mit der FDP hätte Merkel, ob sie will oder nicht, nach der Wahl kaum eine andere Koalitionsoption.

Die Zuwächse für CDU und FDP müssen für die anderen Parteien ein schriller Weckruf sein. Es geht um nicht mehr und nicht weniger als eine Richtungsentscheidung. Mit wem regiert Merkel? Für die SPD heißt das, runter vom Sofa des Selbstmitleids und selbstbewusst kämpfen – auch für die Beteiligung an einer großen Koalition. Die Grünen müssen die Bürger davon überzeugen, dass man Freiheit und Eigenverantwortung auch anders buchstabieren kann, als die FDP. Und die Linken? Nun, die wollen in diesem Wettstreit ja gar nicht mitmachen.