Weitsichtige Kommunalpolitiker sicherten am 27. März 1915 den Berlinern bedeutende Waldflächen für die Erholung. Der Blick vom Grunewaldturm auf den Wannsee See zeigt, was Berlin so attraktiv macht.
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BerlinDer märkische Wald mit seinen etwas steifen Kiefern, die stark mit gespenstisch dreinschauenden Wacholdern durchsetzt und an den Rändern von lichten Birken umsäumt sind, übt auf das Gemüt, besonders des geplagten Großstädters immer eine beruhigende Wirkung aus. Wenn dann überall durch die Wälder die kleinen und großen Wasseraugen hindurchschimmern, so geht einem das Herz auf.“ Derart wohlig leitete der  sozialistisch gesonnene Pfarrer und Autor Hermann Kötschke 1913 einen im weiteren durchaus kämpferischen Artikel über den Zustand der Berliner Umwelt ein.

Leider liege Berlin nicht mehr „wie ein Vogel im Neste in Wälder gebettet“, klagt er im Groß Berliner Kalender, man habe „Waldverwüstung betrieben, die allen vernünftigen Grundsätzen Hohn spricht“. Der Mann war durch und durch ein Grüner.

Grün in Kinderwagennähe

Er beklagt frühe Rodungen für die Dorotheen- und die Friedrichstadt und für das Schloss Charlottenburg, aber vor allem die nach 1900 aktuellen Fälle: Exerzierplatz Eichkamp 70 Hektar, Kolonie Neugrunewald 13,8 Hektar, Grunewaldrennbahn 90 Hektar. Auch eine Fläche  für eine Automobilübungsstraße wurde freigegeben.

Noch schlimmer als im Grunewald falle der Waldverlust im Norden und Osten ins Gewicht, klagt der Mann, „denn die dort lebende Bevölkerung ist arm, hat keine Automobile, um ins Grüne zu verreisen“. Er fordert Wald „in Kinderwagennähe“. Trotzdem durfte die Johannistaler Fluggesellschaft 242 Hektar Wald aus Landesbesitz abholzen. „Den Berlinern wird der Wald entzogen, die ihn nötiger haben als das tägliche Brot“, vor allem wegen „der unheimlich dichten Bebauung Berlins, bei der 77 Bewohner auf ein Haus kommen gegen z.B. 8 in London…“. Auch den Holzklau durch die Bevölkerung vergaß Hermann Kötschke nicht.

Sein Fazit 1913:  „Die Stadt Berlin hat heute keine Wälder mehr.“ Und das, obwohl bereits damals durchaus anerkannt war, dass die Wälder „die frische Luft in den rauch- und staubgeschwängerten Dunstkreis der Stadt zuführen“ und „dem zermürbten Gemüt wieder Schwingen zu verleihen“. Immer drängender stellte sich zudem das Problem der Trinkwasserversorgung.

In Berlin und um Berlin herum: Überall Grün für die Naherholung
Grafik: BLZ

Zwischen 1861 und 1910 hatte sich die Bevölkerung Berlins von 500 000 auf zwei Millionen vervierfacht. Selbst in den preußischen Behörden war akzeptiert, dass irgendetwas zur Milderung der Umweltkrise in der rasant gewachsenen Stadt geschehen musste.

Bereits im Januar 1893 hatte der Magistrat der Stadt Berlin einen Antrag an die preußische Regierung gerichtet mit dem Ziel, „aus Gründen der öffentlichen Gesundheitspflege größere Gelände in unseren Gemeinschaftsbesitz zu bringen, um so der wachsenden Bevölkerung der Reichshauptstadt für die fernere Zukunft die Gelegenheit der Erholung und Erfrischung im Freien und im Walde zu sichern.“

Bis zum Beginn ernstlicher Verhandlungen verstrichen noch fast 20 Jahre, dann lag Berlin, den Nachbarstädten und den Kreisen Teltow und Niederbarnim ein Angebot der preußischen Regierung über den Verkauf von 11 375 Hektar Wald vor. Die Fläche umfasste den Grunewald, den Potsdamer Forst nördlich der Potsdamer Bahn, den Forst Grünau-Dahme, die Köllnische Heide, die Forste Köpenick, Schönwalde, Oranienburg, und Tegel sowie die Jungfernheide.

Als Verhandler mit dem preußischen Fiskus agierte seit 1. April 1912 der Zweckverband Groß Berlin, zu dem sich die Stadt mit den Umlandgemeinden zusammengetan hatte. In dessen Prioritäten hinsichtlich kommunaler Aufgaben stand als Punkt 3: „Erwerbung und Erhaltung größerer von der Bebauung freizuhaltender Flächen (Wälder, Parks, Wiesen, Seen, Schmuck-, Spiel- Sportplätze).

172 Millionen Mark nannte die Regierung zunächst als Preis – zwei Mark je Quadratmeter, was dem entsprach, was im Falle von Volksparks zu zahlen war, aber für um die Stadt herum liegende Waldungen viel zu hoch erschien. Kötschkes Kommentar: „Hier gibt heute nicht mal der Spekulant diese Summe“. Berlins Oberbürgermeister Adolf Wermuth beklagte zu dieser Zeit seine geringe Macht im Zweckverband. Er saß zwar der Verbandsversammlung vor, aber die Stadt Berlin verfügte nur dort nur über 41 von 101 Sitzen, im Verbandsausschuss über sechs von 16 Sitzen. Berliner Interessen durchzusetzen bedurfte steter Überzeugungsarbeit.

Tatsächlich gelang es, zum Glück aller folgenden Generationen, diesen Traum wahrwerden zu lassen – noch dazu mitten im Ersten Weltkrieg, als die Berliner Bevölkerung ernsthaft hungerte: Der Zweckverband kaufte am 27. März 1915 vom Preußischen Staat für nunmehr 50 Millionen Goldmark insgesamt rund 10 000 Hektar von den Förstereien Grunewald, Tegel, Grünau, Köpenick, die zu dieser Zeit noch nicht zu Berlin gehörten, sowie von der Försterei Potsdam.   In den Waldgebieten lagen Seen mit bester Wasserqualität, wie der Schlachtensee, die Krumme Lanke oder der Müggelsee, Gewässer, die noch heute Berlins Trinkwasser liefern.

Oberbürgermeister Adolf Wermuth notierte, man habe „zu leidlichem Preis, in Raten gestreckt“ gekauft: Fünf Millionen hatte der Zweckverband sofort zu zahlen, den Rest in 15 Jahresraten von jeweils drei Millionen Mark.

Besser pflegen und mehr Laubwald

Der Dauerwaldvertrag verpflichtete den Käufer, die erworbenen Waldflächen weder zu bebauen noch weiterzuverkaufen, sondern auf Dauer für die Bürger als Naherholungsflächen in Gestalt von Waldgelände zu erhalten. Für den Fall, dass es doch zu Veräußerungen kommen sollte, wurde bestimmt, dass der Erlös zum Erwerb entsprechender Ersatzflächen zu verwenden sei.

Teile der erworbenen Waldfläche, wie die Parforceheide, lagen und liegen auch heute noch außerhalb der Berliner Stadtgrenze in Brandenburg. Sie werden seit der Wiedervereinigung von Ost- und West-Berlin wieder von den Berliner Forstämtern bewirtschaftet.

Herrmann Kötschke hatte 1913 in Vorfreude auf einen solchen Jahrhundertvertrag, der die „Berliner von der großen Sorge um den Wald- und Wiesengürtel befreien“ werde, geschrieben: „Ist der Zweckverband erst Eigentümer, kann er die Wälder besser pflegen und vor allem den Nadelwald mehr mit Laubwald durchsetzen.“

Das liest man auch heute noch in den Aufgabenbeschreibungen der Waldverständigen. Seinen endgültigen Niederschlag in Form eines Gesetztes fand der Jahrhundertvertrag zur Erhaltung des Waldes im Landeswaldgesetz des West-Berliner Senats vom 30. Januar 1979, das seit 1990 für ganz Berlin gilt.

Das Landeswaldgesetz aus dem Jahr 1979

Zweck: Die gesamte Berliner Waldfläche wurde 1979 zum Schutz- und Erholungswald erklärt, die Bedeutung für den Umweltschutz betont.

Aufgaben: Paragraf 1 hebt Klima, Wasserhaushalt, Reinhaltung der Luft, Bodenfeuchtigkeit, sowie die Pflege des Landschaftsbilds hervor.

Pflichten: Der Wald sei fü die Erholung zu erhalten, nach Möglichkeit zu mehren und seine ordnungsgemäße Pflege nachhaltig zu sichern.