Basdorf - Das Land Brandenburg ist seit Jahren ein wahres Paradies für Freizeitfetischisten: Der gesteigerte Erholungswille gerade der gestressten Berliner lässt nicht nur den Wassertourismus und das Radeln boomen. Auch das Wandern wird immer beliebter – besonders im Herbst. Denn knapp ein Drittel der Landesfläche sind von Wald bedeckt. Damit liegt Brandenburg auf Platz 6 der waldreichsten Bundesländer. Es war also nur eine Frage der Zeit, bis auch die Wellnessbranche und die „Achtsamkeits“-Industrie das Potenzial des Waldes entdeckt.

Nach Trends wie Wildnispädagogik und Survival-Training im Wald hält nun ein japanische Wellnesstrend Einzug: Shinrin-yoku – also das Waldbaden.

Durchatmen und zur Ruhe kommen

Einen besseren Ort für ihre Berufung hätte sich Pia Hötzl nicht aussuchen können. Bereits auf dem Weg zu ihrer Waldpraxis in Basdorf (Barnim) stimmen Straßennamen wie Waldheim und Waldwinkel auf das ein, was folgt. Die Heilpraktikerin bietet gestressten Großstädtern auf der Suche nach Entschleunigung seit 2017 auch das Waldbaden an.

„Ich nenne es Waldtauchgang“, sagt die gebürtige Marburgerin. Die Leute sollen dabei – gepaart mit Coaching und Erkenntnissen aus der Glückslehre – zu ihren Wurzeln finden. „Sie sollen Kraft und Zuversicht für den Alltag tanken.“ Ihre Idee: Der Aufenthalt im Freien, am besten im Grünen, tut gut. Durchatmen, zur Ruhe kommen, nach innen blicken.

Im Wald fühlt sich der Mensch zu Hause

Intuitiv kenn das jeder von einem Waldspaziergang. „Es geht darum, im Wald die Gerüche und Farben in sich aufzunehmen“, sagt die 36-Jährige. „Und gerade im Herbst ist der Wald natürlich besonders schön.“

In Japan ging man das Spazierengehen schon früh sehr viel gründlicher an. 1982 prägte die staatliche Forstbehörde den Begriff des Waldbadens. Die heilsame Wirkung des innigen Naturkontakts erklären Wissenschaftler dabei mit dem „Biophilie-Effekt“. Gemeint ist: Der Mensch ist eigentlich ein Naturwesen und im Wald, mit seinen wohldosierten Sinneseindrücken, fühle sich das Gehirn zu Hause. Die zunehmende Entfremdung von Natur in den Großstädten hingegen sorgt hingegen für Stress und Wohlstandskrankheiten.
Einer der ersten, der „Dr. Baum“ eine therapeutische Wirkung zuschrieb, war der schwedische Arzt Roger Ulrich. Er schrieb 1980 im Fachmagazin Science, dass allein der Blick aus dem Krankenhausfenster auf einen Baum dafür sorgt, dass Patienten schneller gesund würden.

Auf Usedom wächst der erste Kur- und Heilwald Europas

Doch der Wald kann noch mehr, sagt Pia Hötzl. „Waldspaziergänge schützen unser Herz-Kreislauf-System. Sind wir im Grünen, schüttet unser Körper vermehrt das Hormon DHEA aus. Es stärkt unser Herz und unsere Gefäße.“ Die Atmosphäre im Wald aktiviere außerdem den sogenannten Ruhenerv – oder auch Parasympathikus. Er ist für Stoffwechsel, Erholung und den Aufbau körpereigener Reserven verantwortlich. Im Wald sorgt er dafür, dass die Stresshormone zurückgefahren werden und der Blutdruck sinkt.

Waldluft enthält auch 90 Prozent weniger Staub als Stadtluft. Auch ätherische Öle, die die Bäume aussondern, um miteinander zu kommunizieren, scheinen Einfluss auf unser Immunsystem zu haben.

Auch in Deutschland hat man die Anziehungskraft der Wälder erkannt. Auf der Ostseeinsel Usedom wächst der erste Kur- und Heilwald Europas – wissenschaftlich begleitet von der Universitätsmedizin Rostock.

Das sind die wichtigsten Regeln

Doch wie geht das nun, das Waldbaden? Pia Hötzl erklärt es so: Langsam laufen, sehr langsam laufen. Wie alte Männer mit auf dem Rücken gefalteten Händen. Schweigen oder an einen Baum lehnen und nichts tun. Ganz wichtig: Das Handy aus – und alle Sinne auf Empfang schalten.

Das fühlt sich nicht wie Wissenschaft an, sondern einfach gut: Den Geist zur Ruhe bringen, im Moment ankommen. Das ist der erste Teil von Pia Hötzls Waldtauchgang. Nach einer gemeinsamen Rast kommt dann das zur Sprache, wonach sich die meisten von uns sehnen – Glück.

„Glücklich zu sein kann man trainieren“, sagt Hötzl. „Indem man die Einstellung zur positiven Denkweise hin lenkt.“ Beim Waldtauchgang gehören auch Erkenntnisse aus der Glücksforschung dazu. „Ich möchte meinen Klienten Werkzeuge an die Hand geben, die sie auch ohne Coach anwenden können.“ Der Wald als Therapeut sei ein wunderbarer Türöffner. Sein Vorteil: Er verschenkt seine wohltuenden Wirkung an all jene, die einfach hingehen.

Infos unter: www.waldpraxis.de