Marc Franusch sieht, was andere nicht sehen. Wenn er zum Beispiel am Rande der Kiesgrube steht, im Jagen 86, Forstrevier Eichkamp, nordwestlicher Grunewald. Die Sonne steht bereits tief über den Wipfeln der Kiefern, taucht alles in goldenes, diesiges Novemberlicht. Es ist ein Ort, der einen tief durchatmen lässt, als hätte die Stadt, die hier nur noch das entfernte Rauschen der Avus ist, einen kurz mal losgelassen. Ein Idyll.

„Natur zweiter Hand“, sagt Marc Franusch, Förster und Sprecher der Berliner Forsten, und das ist nicht abfällig gemeint, sondern soll diesen ganz besonderen Wald erklären. Noch in den 80er Jahren wurde in der Grube Kies abgebaut, 1992 wurde sie zum Schutzgebiet erklärt. Eine Zeit lang war sie mit Zäunen abgeriegelt. Sie ganz den Waldbesuchern zu nehmen, das gelang aber nicht, die brachen die Zäune einfach auf. Heute sind nur Teile am Rand der Grube abgesperrt.

Im Nachmittagslicht sieht Marc Franusch die Wildschweinspuren im Sand zwischen denen vielen der Menschen. Er sieht die Abbruchkanten an den Hängen, in denen Bienen, Wespen und Hummeln nisten. Er sieht die kleinen Teiche am Grund der Grube, die Eisvögel zum Leben brauchen.

Immer schön unordentlich bleiben

Es ist ein kleiner Kosmos voller Vielfalt, hier leben heute Hunderte Pflanzen-, Vogel-, Schmetterlings- und Amphibienarten, nur wenige Minuten vom S-Bahnhof entfernt. Das Forstamt Grunewald hat es geschafft, Mensch und Natur zusammenzubringen und einen Wald, den die Berliner im kalten Nachkriegswinter 1946 fast abgeholzt haben, der später viele Jahre vom amerikanischen Militär genutzt wurde, wieder aufleben zu lassen. Dafür ist der Grunewald jetzt vom Bund deutscher Forstleute ausgezeichnet worden: als Waldgebiet des Jahres 2015.

Der Wald gehört allen. Vielleicht lässt sich die Arbeit der Förster im Grunewald so zusammenfassen. „Wir sind dabei die Sachverwalter, die dafür sorgen, dass alle miteinander auskommen.“

Aber wie macht man das? Geschätzt 100 Millionen Mal wird der Grunewald im Jahr besucht. Dafür gibt es 100 Millionen Gründe. Da gibt es die, denen er nicht wild genug sein kann, denen jede Parkbank zu viel ist. Und es gibt die, die sich bei den Förstern darüber beschweren, dass es immer so unordentlich ist im Grunewald, also überall Holz herumliegt und verwittert. Ihnen versucht Marc Franusch dann zu erklären, dass das Totholz, wie die herumliegenden Zweige und Baumstämme heißen, Nahrung und Rückzugsort für viele Kleintiere sind und damit wichtiger Teil des Ökosystems Wald.

So lehren sie es heute auch in den Waldschulen. Da geht es nicht mehr darum, dass die Schüler Blätter bestimmen. Sie sollen den Wald begreifen: Wie darin alles zusammenhängt und welchen Schaden es anrichtet, wenn ein Glied in der Kette gestört ist. Weil man das Totholz wegräumt etwa.

Unweit der Grube kommt Marc Franusch sein Kollege Andreas Constien entgegen, er ist einer der vier Revierförster im Grunewald. In seinem Auto liegt das Jagdgewehr, auf der Ladefläche klebt Blut. Zurzeit wird fast jeden Tag gejagt im Grunewald. Die Förster versuchen, so oft es geht, gemeinsam zur Jagd zu gehen, weil es die Wildtiere weniger stört. Das Revier von Andreas Constien heißt Dachsberg, der ist so etwas wie der Problemkiez des Grünewalds, weil dort, am Stadtrand, die meisten der vielen Besucher zu finden sind. Constien nennt sein Revier manchmal auch „das größte Hundeklo Berlins“.

Mehr als die Hundebesitzer, die ihre Tiere frei durch den Wald laufen lassen, bringen ihn aber Besucher wie die zwei Damen, die er am Vormittag erwischt hat, dazu, den Kopf schütteln. Da standen sie mit ihrer Limousine, wollten Pilze sammeln.„Im tiefsten Busch“, sagt Constien. Den Förstern geht es viel darum, den losgelassenen Großstädtern Rücksicht nahezubringen: dass der Trampelpfad die Rehe stört und verschlossen werden muss; dass es sich zwar prima mit einem Kaffeebecher spaziert, ihn einfach in den Wald zu werfen aber das Grundwasser belastet, genauso wie Öl, das aus einem Auto laufen kann. Und das in einem Gebiet, aus dem Berlins Trinkwasser gewonnen wird.

Arbeiten im Glaskasten

Was den Müll betrifft, haben sie lange herumprobiert, erzählt Marc Franusch. Erst haben sie viele Mülleimer aufgestellt, das führte auf wundersame Weise dazu, dass nur mehr Müll auftauchte. Dann haben sie auf große Gitterbehälter an den Parkplätzen gesetzt; dort entsorgten dann Leute ganze Wohnungseinrichtungen. Jetzt gibt es fast gar keine Mülleimer mehr im Wald. Das hat gewirkt. Das Abfallaufkommen wurde nach und nach halbiert.

„Wir arbeiten im Glaskasten“, sagt Marc Franusch. Er meint damit, dass jeder immer eine Meinung hat, wenn es um den Wald geht. Also versuchen sie, so transparent wie möglich zu sein. Die Förster haben wöchentliche Sprechstunden, viermal im Jahr erscheint eine Waldzeitung. Es fehlt noch ein Twitter-Account, mindestens eine Facebook-Seite, die Likes wären dem Grunewald garantiert.

Marc Franusch sagt dann, ihnen fehlten die Kapazitäten. Wo vor zwanzig Jahren noch 750 Angestellte arbeiteten, sind es heute 250. Vieles ist zwar mittlerweile „outgesourct“, die Holzwirtschaft etwa. Die Besucher zu managen, ist nur eine Herausforderung von vielen. Der Grunewald wurde auch ausgezeichnet, weil sie hier so vorbildlich daran arbeiten, aus dem Nachkriegswald, der noch immer zur Hälfte aus Kiefern besteht, wieder einen Mischwald zu machen. Ob der Titel „Wald des Jahres“ bei all dem helfen kann? Ein Preisgeld gibt es nicht. Also hoffen die Förster, dass sie die Aufmerksamkeit nutzen können, den Berlinern klarzumachen, dass ein Wald für alle nicht selbstverständlich ist.