Walter Momper im Treppenhaus seines Büros am Spittelmarkt.
Foto: Paulus Ponizak

BerlinEr ist der Mann mit dem roten Schal, derjenige, der zur rechten Zeit am rechten Ort war und dann seltsam fordernd sagte: „Berlin, nun freue dich!“ Walter Momper, im Moment des Mauerfalls Regierender Bürgermeister, hat die Berliner Politik lange geprägt. Am Freitag wird der SPD-Mann 75 Jahre alt. Ein Interview zum Geburtstag über eine Flucht ins Altenheim, die Wahlheimat Kreuzberg und fallende Textilpreise.

Herr Momper, Sie blicken auf ein langes und abwechslungsreiches politisches Leben. Sie waren einfacher Abgeordneter, später Fraktionsvorsitzender und Regierender Bürgermeister, danach sind Sie im Rennen um die SPD-Spitzenkandidatur gescheitert, flogen aus dem Parlament, kamen zurück, wurden noch einmal Spitzenkandidat und verloren gegen Eberhard Diepgen. Anschließend wurden Sie Parlamentspräsident und blieben es zehn Jahre lang. Welches ist der Moment, der im Rückblick zählt?

Das war, als die Mauer auf war, und ich auf dem Kontrollpunkt an der Invalidenstraße mit dem Major, dem Chef des Kontrollpunkts, sprechen wollte. Um zu hören, was da los war.

Mit welchen Erwartungen sind Sie in das Gespräch gegangen?

Wir hatten uns vorher immer nur vorstellen können, dass der Sturm über die Mauer eine riesen Schießerei bedeuten würde, ein furchtbares Blutbad. Und davor hatte ich in den Wochen und Monaten vorher ziemlich Angst. Dass das in dieser Nacht dann überall so friedlich war, war schon gut und natürlich das größte Glück.

Sie sind an diesem Abend aber von der Maueröffnung nicht überrascht worden.

Nein. Erstens haben wir seit August 1989 sowieso immer damit gerechnet. Es war ja offenkundig, dass es völlig bescheuert war, dass die Leute über Budapest, Prag und Warschau ausreisen mussten, und nicht einfach an der nächsten Ecke zum Kontrollpunkt und dann einfach rüber gehen konnten. Also haben wir eigene Berechnungen angestellt.

Wie sahen die aus?

Die Polizei hat uns einmal ein Lagebild geliefert, wie das wäre, wenn die Leute irgendwo über die Mauer klettern. Wie sich die Grenztruppen dann leerschießen würden und dann neue Munition ranschaffen würden. Das war immer alles furchtbar, immer mit Blutbad, vielen Toten und vielen Schwerverletzten verbunden. Dann hat uns Schabowski Ende Oktober gesagt: Wir werden Reisefreiheit geben. Er hat auch zugesagt, dass er rechtzeitig Bescheid sagt. Aber das hat ja dann bekanntlich überhaupt nicht funktioniert.

Erinnern Sie noch, wann Sie Ihr Ost-Berliner Pendant kennengelernt haben?

Ja, den Oberbürgermeister Krack kannte ich. Bei der 750-Jahr-Feier 1987 waren wir in Marzahn. Da ist er in ein Altenheim geflüchtet und hat sich nicht wieder rausgetraut, weil er mich draußen treffen würde. Das durfte nicht sein. Darüber haben wir hinterher mal gesprochen. Er hat gelacht und sagte, wie bescheuert sie waren.

Und nach dem Mauerfall?

Da sind wir uns richtig näher gekommen. Die Stadtverwaltung in Ostberlin hatte eine Heidenangst davor, dass alles zusammenkrachen würde. Wir haben Hilfstrupps gebildet, die hätten eingreifen können, wenn in Ost-Berlin etwas schief gegangen wäre. Sie hatten ja enorme Schwierigkeiten durch die Fluchtbewegung, ob im Verkehrswesen oder in den Krankenhäusern, wo die Ärzte einfach gegangen sind.

Den engsten Kontakt hatten Sie später mit Tino Schwierzina, mit dem Sie den berühmten MagiSenat gebildet haben, die gemeinsamen Sitzungen von Magistrat und Senat.

Weil wir beide Sozialdemokraten waren, haben wir zur Wahl zur Stadtverordnetenversammlung im Mai 1990 eine Menge zusammen gemacht. Das hat der Zusammenarbeit den Weg gebahnt. Ursprünglich wollten wir uns mit dem Schwierzina-Magistrat alle 14 Tage treffen. Schnell stellte sich aber raus, dass alle Entscheidungen zusammengehörten. Also haben wir jede Woche gemeinsam getagt. Es stand immer endlos viel auf der Tagesordnung: funktionierende Gasversorgung, grenzüberschreitende Telefonleitungen, Grenzübergänge und so weiter.

War das vor allem eine anstrengende Zeit oder war sie eher gewinnbringend?

Gewinnbringend war das schon. Es klappte ja auch alles – auf jeden Fall besser, als es heute zu beobachten ist, wo die Dinge oft quälend lang dauern. Aber seitdem leide ich unter Schlafmangel. Ich habe dann gelernt, in jeder Lebenslage schlafen zu können. Zum Beispiel im Auto.

Freude machte es Ihnen wahrscheinlich allenfalls bis Herbst 1990, dann ist Ihre rot-grüne Koalition zerbrochen. Da war der Spaß sicher zu Ende.

Ja, der Ton im Wahlkampf wurde härter, und du merktest, wie dir die Macht entgleitet. Die Grünen waren ausgeschieden, dennoch drängte die eigene Partei, dass wir wieder etwas mit den Grünen machen sollten. Dann wurde der Wahlkampf auf Rot-Grün ausgerichtet. Das war ein Fehler, den aber die gesamte SPD gemacht hat. Die waren völlig versessen und völlig vernagelt. Man hätte auf Große Koalition machen müssen, dann wäre es vielleicht gut gegangen, und die SPD hätte ihre führende Rolle möglicherweise behalten können. Und dann habe ich leider die Wahlen vergeigt. So was ist natürlich immer bitter.

Zu der Großen Koalition kam es dann danach ja auch, aber andersrum und ohne Sie…

… ja, andersrum und ohne mich.

Sie waren nicht mehr Teil der Regierung und sind Parlamentspräsident geworden. Aus dieser Zeit ist vor allem ein Moment im Gedächtnis geblieben: 2006 wollten Sie Klaus Wowereit vereidigen, obwohl er nicht die dafür nötige Stimmenzahl hatte. Die erreichte er erst im zweiten Wahlgang. Sie baten um Entschuldigung, lehnten einen Rücktritt aber ab. Lachen Sie heute darüber, oder ist es Ihnen peinlich?

Natürlich lache ich, obwohl es bis heute peinlich ist. Es lässt sich ja auch nicht erklären, was da passiert ist. In mir hat sich offenbar etwas abgespielt, nach dem Motto, dass nicht sein kann, was nicht sein darf.

Jetzt haben wir viel über ihre politische Karriere gesprochen. Aber Sie haben ja noch eine zweite gemacht. Sie sind seit Jahren Projektentwickler, beraten Bauherrn. Dazu gab und gibt es immer wieder Kritik, etwa, als Sie Ikea bei der Ansiedlung an der Landsberger Allee halfen.

Na und? An meiner Tätigkeit war nichts falsch. Bei Ikea ist alles sauber verlaufen.

Zuletzt gab es Ärger, als Sie in der Debatte um die Bebauung des Checkpoint Charlie Partei für einen Investor ergriffen, der dort etwas ganz anderes will, als der Senat.

Ja, wobei für mich die Sache eindeutig ist. An diesem besonderen Ort der Weltgeschichte braucht es auch besondere Architektur. Dort sozialen Wohnungsbau zu planen, wie es die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung tut, ist einfach lächerlich. Sozialen Wohnungsbau kann und soll man an anderen Orten errichten.

Herr Momper, Sie haben Ihr Büro in der Nähe des Spittelmarkts, direkt an der Grenze von Mitte zu Kreuzberg. Wohnen Sie eigentlich noch in Kreuzberg?

Natürlich, wir wohnen immer noch an der Fichtestraße. Und das seit den 70er-Jahren.

Wie hat sich der Kiez geändert?

Das fing schon in den 80er-Jahren an, als sich bei uns die ersten richtig guten und teuren Restaurants angesiedelt haben. Und das ist bis heute so geblieben. Schauen Sie sich die Bergmannstraße an: Das ist doch eine richtig lebendige und abwechslungsreiche Einkaufsstraße geworden. Da gibt es inzwischen nicht nur olles Zeug. Das gefällt mir.

Nun werden Sie am Freitag 75 Jahre alt. Wo werden Sie feiern?

Meine Frau und ich fahren nach Amsterdam. Ich brauche keine so große Feier hier.

Kein Momper-Interview ohne eine Frage zum roten Schal. Gibt’s den noch?

Natürlich, der hängt im Mantel an der Garderobe.

Ist es noch das Original?

Natürlich nicht. Ich kaufe immer wieder neue. Den ersten hat mir im Frühjahr 1989 der Wirt von Joe im Wedding geschenkt, bei dem wir unseren Wahlsieg gefeiert haben. Ein Schal ist mir sogar mal gestohlen worden bei einer Vernissage. Zum Glück sind die Schals billiger geworden, früher hat einer 300 Mark gekostet.“