Sorgfältig sprüht sich Björn Griebel mit Mückenspray ein, erst die Waden, dann die Arme und abschließend Hals und Gesicht. Dann kommt das kleine Fläschchen wieder zurück an seinen Platz. Es befindet sich immer griffbereit in der Außentasche seines Rucksackes, neben einer Landkarte und einem Kompass. An den Füßen trägt Griebel Wanderschuhe, auf dem Kopf einen Trekkinghut. Das ist seine Wanderausrüstung, so ist er am vergangenen Samstag gestartet zu einer Pilgerwanderung nach Norwegen, gemeinsam mit sechs Kommilitonen. Mücken werden auf ihrem Weg nur eine von vielen Herausforderungen sein.

Innerhalb von sechs Wochen wollen die Skandinavistik-Studenten einen 823 Kilometer langen Teil des St. Olavsweg bewältigen. Von Sandefjord im Süden Norwegens bis zum Nidarosdom nach Trondheim, ganz im Norden. Der Pilgerweg leitet sich von König Olav II. Haraldsson her, der 1030 in Nidaros (Trondheim) begraben wurde. Durchschnittlich 24 Kilometer am Tag wollen die Studenten schaffen, mit 20 Kilogramm Gepäck auf dem Rücken und ein paar Ruhetagen zwischendurch.

Dokumentarfilm geplant

Auf Brandenburgs Wanderwegen haben sie sich seit einem halben Jahr auf diese Tour vorbereitet. Jedes Wochenende liefen sie gemeinsam mindestens 25 Kilometer. Der 29-Jährige Björn Griebel, der im vierten Semester Skandinavistik in Berlin studiert, hatte die Idee für die Tour, bei der es aber um mehr als nur das Pilgern geht. Die Studenten wollen sich auch mit lokalen Bräuchen, Riten und Mythen beschäftigen und diese wissenschaftlich erforschen: Sie wollen herausfinden, ob es entlang des christlichen Pilgerwegs noch Überbleibsel der alten nordisch-heidnischen Götterwelt gibt.

Darüber soll ein Dokumentarfilm entstehen, persönliche Erlebnisse inbegriffen. Obwohl Norwegen christlich ist, seien die heidnischen Wurzeln des Landes noch sehr präsent, sagt Björn Griebel. Viele Straßen- oder Ortsnamen hätten einen heidnischen Ursprung, in jedem Souvenirladen würden Wikinger- oder Trollfiguren verkauft.

So kam ihm die Idee, auf einer christlichen Pilgerreise die Spuren des Heidentums in Norwegen zu erforschen. „Der Olavsweg ist nicht nur aus christlicher Perspektive interessant, sondern auch, weil er an vielen heidnisch geprägten Orten entlangführt.“

Seine Professoren vom Nordeuropa-Institut der Humboldt Universität waren von Anfang an begeistert von der Idee. „Ohne die Unterstützung des Institutes wäre das Projekt nicht möglich gewesen“, sagt Griebel. Bereits im ersten Semester, vor fast zwei Jahren, begann er mit den Vorbereitungen. Er suchte Mitstreiter, sie alle mussten sich inhaltlich vorbereiten, viel lesen, viel recherchieren und sich mit dem Thema Film beschäftigen. Für Griebel steht bereits fest, dass er seine Studienzeit wegen des Projektes verlängern wird. Das macht ihm jedoch nichts aus. „Mir geht es vor allem um die persönliche Erfahrung. Die Regelstudienzeit ist nicht so wichtig.“

Außer den Wanderungen am Wochenende traf sich die Gruppe dreimal in der Woche. In einem Seminar an der Uni hielten sie Referate zur Thematik und informierten ihre Mitstudenten. Außerdem planten sie Routen und suchten Sponsoren, die einen Teil der 6000 Euro teuren Reise übernehmen. Neben der Humboldt-Uni konnten sie einen Berliner Outdoor-Laden und eine norwegische Organisation für ihr Projekt gewinnen. Den Großteil der Kosten trägt die Gruppe jedoch selber.

Unerreichbar

Björn Griebel freut sich besonders auf die Erfahrung, sechs Wochen lang ohne Internet und Telefon auskommen zu müssen. „Endlich habe ich mal die Möglichkeit, nicht erreichbar zu sein “, sagt er.

Auch sein Kommilitone Adrian Schneider ist gespannt auf diese Erfahrung. Der 22-Jährige überlegt aber noch, wie er seiner Mutter beibringt, dass sie ihn sechs Wochen lang nicht anrufen kann. Seine größte Befürchtung jedoch ist, dass die Kamera während der Wanderung kaputt gehen könnte. „Dann wäre ziemlich viel umsonst gewesen“, sagt Schneider.

Profitiert hat er von dem Projekt schon, bevor die Reise losgegangen ist. „Es geht vor allem darum, seinen Horizont zu erweitern. Obwohl ich aus Berlin komme, war mir zum Beispiel gar nicht bewusst, wie schön Brandenburg ist“, sagt er. Das sei ihm zum ersten Mal auf den Trainingswanderungen rund um Berlin aufgefallen.