Wandlitz - Maolud Pishtinan hat seine Hausaufgaben gemacht. Von A bis Z stehen die Buchstaben des deutschen Alphabets untereinander im Übungsheft des jungen Irakers. Daneben hat der 21-Jährige Wörter geschrieben: Auto, Blume, Dach ... . „Und für das C hast du nichts gefunden“, fragt Hannah Kickel-Andrae. Die 57-jährige Sekretärin aus Wandlitz zeigt mit dem Finger auf die leere Stelle. Maolud Pishtinan schüttelt den Kopf. Das C, so signalisieren seine Mimik und Gestik, ist ihm noch ein Buch mit sieben Siegeln. „Na dann lass uns ein paar Wörter finden “, sagt seine Lehrerin.

Zwei Mal in der Woche können die Bewohner des neuen im Januar eröffneten Asylbewerberheimes von Wandlitz (Barnim) zum Sprachunterricht ins Gymnasium des Ortes gehen. Es sind keine professionellen, von den Behörden vermittelten Kurse. Es ist eine ehrenamtliche Initiative von Wandlitzer Einwohnern wie Hannah Kickel-Andrae oder der Deutsch- und Geschichtslehrerin Silke Borbach, die den Menschen das Ankommen in einer für sie völlig fremden Welt erleichtern soll.

Der besonders eifrige Maolud, die Kamerunerin Mylene Evina sowie die beiden Landsleute Ahmed Ghalab und Jacher Mohammed aus Tschad nehmen die Gelegenheit offenbar ganz gern wahr, sich hier auf die nächsten Schritte in eine unbekannte Zukunft vorzubereiten. „Mit Mylene habe ich bereits die Handynummer ausgetauscht“, sagt Hannah Kickel-Andrae „mit ihr war ich auch schon mal ganz privat unterwegs.“

Fahrservice organisiert

Die Sprachkurse sind eines von mehreren Angeboten, mit denen ein Teil der Einwohner von Wandlitz und Umgebung den Neuankömmlingen ein Zeichen des Willkommenseins geben will. Es gibt eine Fahrradwerkstatt, in der Einheimische und Asylbewerber gemeinsam gespendete Zweiräder für die derzeit rund 60 Bewohner des Heimes flott machen. Die Wandlitzer haben einen Fahr- und Begleitservice organisiert, um den Flüchtlingen aus aller Welt ihre ersten Wege im öffentlichen Nahverkehr und zu den Behörden zu erklären.

Für die Familien gibt es eine Kinderbetreuung im Heim, wenn die Eltern Termine wahrnehmen müssen. Und ein weiteres Unterstützerteam hat alle Hände voll zu tun, um zusammen mit den Asylbewerbern den Transport und die Sortierung von Möbel-, Kleider- und Spielzeugspenden zu managen. „An Möbeln sind wir natürlich gut ausgestattet“, sagt Heimleiterin Petra Stabenow. „Aber da wir ja nur Zwischenstation auf dem Weg in die eigenen vier Wände sind, hilft eine schöne Couchgarnitur oder ein intaktes Bett beim späteren Umzug ja auch schon wieder ein Stück weiter.“ Petra Stabenow ist von der Solidarität aus der Bevölkerung überrascht. „Es berührt mich sehr, dass es so eine große Zahl an Menschen gibt, die sich ganz praktisch einbringen.“

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Die Unterstützung der Barnimer Bevölkerung für das Asylbewerberheim von Wandlitz ist das Ergebnis eines Runden Tisches der Toleranz, zu dem sich gut ein Dutzend Bürger und die Verantwortlichen vom Landkreis und der Gemeinde Wandlitz zusammengetan haben. „Als wir im letzten Jahr die geplante Eröffnung des Übergangswohnheimes bekanntgaben, war die Stimmung zunächst von Unwissenheit, Angst, aber auch offener Ablehnung geprägt“, erinnert sich Sozialdezernentin Silvia Ulonska. „Aber wir haben uns der öffentlichen Diskussion gestellt und dabei zeigte sich, dass es im Ort und rundherum auch sehr viel Zivilcourage gibt.“

Für den Vorruheständler Mathis Oberhof aus dem Wandlitzer Ortsteil Basdorf war die Vorstellung, dass in seinem Heimatort Fremdenfeindlichkeit die Oberhand gewinnen könnte, ein Graus. Er hat auf einer emotionsgeladenen Einwohnerversammlung das Wort ergriffen und von den Flüchtlingsschicksalen in seiner eigenen Familie gesprochen. „Das hat wohl einige an ihre persönliche Geschichte erinnert und nachdenklich gemacht. Jedenfalls meldeten sich im Nachhinein sehr viele Menschen bei mir, die die Stimmung nicht den Stammtischen überlassen wollen“, sagt der einstige Versicherungsmitarbeiter, der inzwischen die Initiativen des Runden Tisches koordiniert. „Ich weiß, dass es die Stimmen der Intoleranz immer noch gibt. Aber sie haben nicht die Hoheit über Wandlitz gewonnen.“

„Einfach wohl fühlen“

Die Rentnerin Karin Baum, der Diakon der katholischen Kirchengemeinde Bernau Peter Dudyka sowie die Heimbewohner Salim Mohammed Hassan und Iftikhar Ahmad kommen mit einem voll beladenen Kleintransporter auf den Hof der Wandlitzer Asylunterkunft gefahren. Die jungen Männer aus Tschad und aus Pakistan laden Regale, Tische, Stühle und Couchgarnituren ab, um sie in dem Spendenraum des Heimes unterzustellen. „Moment“ ruft die 71-jährige einstige Kita-Erzieherin Karin Baum, als die beiden ein tadelloses Sofa in das bereits gut gefüllte Lager tragen wollen. „Das ist für euer Foyer, das könnt ihr gleich rüber ins Haus bringen.“

Die Schildowerin ist so etwas wie die „Cheflogistikerin“ der eingehenden Spenden. „Ich kenne die Schicksale der Menschen nicht, aber ich denke, dass sie bestimmt ein schwere Zeit hinter sich haben“, sagt Karin Baum. „Ich will, dass sie sich jetzt einfach wohl fühlen hier. So macht man das doch unter Nachbarn.“