Früher, als alle noch zum Arbeiten in Büros und Läden gegangen sind, hat eine Nachbarin im Erdgeschoss, die schon im Ruhestand ist, Pakete für das Haus angenommen. Darauf hatte sie irgendwann keine Lust mehr, was verständlich ist, wenn man selbst erfährt, wie manche Leute drauf sind. Da stehen dann irgendwelche Gestalten vor der Tür, die einem noch nie begegnet sind, Freunde von Freunden aus einer WG oder so, und wirken fast vorwurfsvoll, weil sie sich ihr Paket selbst abholen müssen oder suchen mussten, wo der Nachbar wohnt, der ihr Paket hat.

Klamotten, Bücher, Blumenkästen – oder auch Spraydosen

Dazu mal eine Frage: Welches Zeitfenster finden Sie angemessen, um bei den Nachbarn wegen eines Pakets zu klingeln? Manche Mitmenschen machen sich darüber nämlich keinen Kopf und wollen ihre bestellten Klamotten oder Bücher oder Blumenkästen unbedingt sofort haben, sobald sie zu Hause sind – unabhängig von der Uhrzeit. Ein ehemaliger Nachbar hat mal abends um zehn die Herausgabe seiner Spraydosen eingefordert. Ich bin nicht sicher, ob das nicht bis zum nächsten Tag Zeit gehabt hätte.

Solche Leute bedenken nicht, dass sie vielleicht bei Nachbarn klingeln, deren Kinder schon schlafen, oder bei Erwachsenen, die früh im Bett sind, weil sie im Schichtdienst arbeiten. Oder einfach ihre Ruhe haben wollen. Gut möglich, dass die Nachbarin im Ruhestand ihren Nachbarschaftsdienst deshalb eingestellt hat.

Noch vor dem ersten Kaffee klingeln? Das ist eindeutig zu früh

Direkt nach dem Jahreswechsel klingelte es morgens um kurz vor acht. Ein Nachbar wollte seine zwischen den Feiertagen eingetroffene Hose abholen. Um diese Zeit, noch vor dem ersten Kaffee, hab ich an Kontakten dieser Art wirklich kein gesteigertes Interesse. So früh bei anderen zu klingeln, nur weil man selbst schon auf den Beinen ist? Nun ja. Wer in Abwesenheit Sachen bestellt, im Bewusstsein also, sie erst in ein paar Tagen selbst in Empfang nehmen zu können, sollte nicht so drängeln, finde ich.

Den Vogel abgeschossen hat jüngst eine Nachbarin mit einer handgeschriebenen Notiz am Hauseingang: „Wer hat denn mein Paket? Bitte melden!“ Darunter hatte sie ihre Handynummer hinterlassen, ebenso wie den Benachrichtigungszettel des Zustellers. „Ihr Sendung wurde an Ihren Nachbarn übergeben“, war darauf gedruckt, gut lesbar gefolgt vom – Sie haben es längst erraten – Namen des Nachbarn.