Berlin - Der Jahrestag des Anschlags auf dem Breitscheidplatz ist vorüber. Und doch sind viele Fragen zu der Tat noch offen. Etwa die, ob Anis Amri wirklich ein Einzeltäter war. Marcel Luthe, FDP-Abgeordneter, glaubt das nicht. 

Mehr noch: Er vermutet, dass staatliche Stellen mehr wissen, als sie zugeben. Luthe ist Mitglied im Amri-Untersuchungsausschuss des Abgeordnetenhauses. Aus den Akten, die der Ausschuss von den Behörden bekam, ergebe sich wenig. Aber der 40-Jährige fand bei verschiedenen Quellen weitere Akten. Darin will er Ungereimtheiten ausgemacht haben.

Der Schuss

Nach Behördendarstellung erschoss Amri den Fahrer des polnischen Lkw schon am Friedrich-Krause-Ufer in Moabit, wo er den Laster entführte. Dann fuhr er mit der Leiche im Fahrerhäuschen zum Breitscheidplatz. Luthe fand dagegen Aussagen von acht Zeugen, die angaben, mehrere Sekunden nachdem der Lkw auf der Budapester Straße zum Stehen kam, einen Schuss gehört zu haben.

„Ich weiß, wie ein Schuss klingt“, sagte etwa eine Frau. „Ich kenne das vom Sportschießen.“ Luthe fragt: „Wenn der polnische Fahrer aber nicht am Friedrich-Krause-Ufer erschossen wurde, sondern erst am Schluss, was hat er die ganze Zeit gemacht?“.

Die Pistole

Laut Ermittlungen verwendete Amri für den Mord am Fahrer eine Pistole des Typs Erma, Kaliber 22. Er hatte sie dabei, als er Tage später in Mailand erschossen wurde. Luthe glaubt dagegen, dass der Tathergang im Lkw keineswegs geklärt ist, auch wenn sich die Bundesanwaltschaft auf ballistische Untersuchungen beruft. Luthe verweist auf den Waffensachverständigen Hans-Georg Schnitzler.

Dieser sagt: „Dieses Kaliber gibt es nur als Bleimunition. Die ist so weich, dass das Geschoss beim Aufprall so verformt wird, dass man es nicht mehr den Spuren zuordnen kann, die der Lauf am Geschoss hinterließ.“ Laut Luthe hat der Untersuchungsausschuss beim BKA den Ballistikbericht angefordert – und wartet darauf noch heute.

Der grauhaarige Mann

Merkwürdig findet Luthe auch den Fall eines grauhaarigen Mannes, den mehrere Zeugen erwähnen. Er habe verletzt neben dem Lkw gelegen. Immer wieder habe der Mann aufstehen und zum Fahrerhaus gehen wollen. „Meine Freundin meint, er sei aus dem Führerhaus gestiegen oder rausgefallen“, sagte ein Helfer den Ermittlern.

„Ist man dieser Aussage nachgegangen?“, fragt Luthe. „Man hat sich frühzeitig auf den Tathergang festgelegt und darauf, dass Amri ein Einzeltäter war. Und bei Toten wird ja nicht weiter ermittelt, weshalb alle Fragen offen bleiben.“ Es gebe keine Hinweise, dass Amri in Deutschland Unterstützer gehabt habe, sagte dagegen Bundesanwalt Thomas Beck im Juli im Abgeordnetenhaus.

Die Duldung

Der FDP-Politiker würde auch gern wissen, was es mit einem mysteriösen Ersthelfer auf sich hat. Polizisten befragten Zeugen nach einem Mann mit Vollbart, der blaue Latexhandschuhe trug und aus dem Lkw gestiegen sein soll. „Das könnte relevant sein für die Frage, warum erst am Nachmittag des nächsten Tages Amris Duldungsbescheinigung im Fahrerhaus gefunden wurde“, sagt Luthe, der nicht ausschließt, dass sie dort nachträglich platziert wurde.

Die Spuren

Überhaupt wurde das Spurenbild im Laster kräftig durcheinandergebracht. Das liegt daran, dass mehrere Polizisten und Feuerwehrmänner den erschossenen Lkw-Fahrer bergen mussten. Allerdings kletterten den Protokollen zufolge auch danach immer wieder Helfer durchs Führerhaus, unter anderem, um die Frachtpapiere zu suchen. Laut Bundesanwalt Beck wurden Spurenuntersuchungen zunächst vom LKA vorgenommen.

Die aufwendigen Untersuchungen des Innenraums nach DNA-, Faser-, und Schmauchspuren begannen am 20. Dezember, nachdem der Lkw vom Tatort abgeschleppt worden war. Luthe kritisiert, dass die Zugmaschine angekippt wurde, als sie an den Haken genommen und zur Spurensicherung geschleppt wurde. „Das dürfte zusätzlich alles durcheinandergewürfelt haben.“

Der Komplize

Da wäre noch die Frage nach der Abschiebung eines mutmaßlichen Komplizen. Amri war 2015 zusammen mit dem Tunesier Bilal Ben Ammar nach Deutschland eingereist und hatte mit ihm nach Erkenntnis der Sicherheitsbehörden regelmäßig Kontakt.

Ben Ammar ist IS-Anhänger, traf sich noch am Abend vor dem Anschlag mit Amri in einem Lokal und telefonierte mit ihm einige Stunden vor dem Anschlag. Im Februar wurde Ben Ammar plötzlich abgeschoben. Diese Nacht-und-Nebel-Aktion lasse nur den Schluss zu, dass Ben Ammar als Zeuge weder den Ermittlern noch dem Parlament zur Verfügung stehen sollte, so Luthe. 

Luthes Fazit

„Jeder einzelne Aspekt führt zu dem Schluss, dass Amri sehr wohl Unterstützer in Berlin hatte und damit auch gegen diese wegen der Beteiligung an dem Anschlag zu ermitteln wäre.“