Berlin - Ich war drei Jahre alt, und am Abend davor habe ich eine Extraportion Reis bekommen.“ Mit diesen Worten aus dem Off wird in dem Film „Wüstenblume“ die Schlüsselszene anmoderiert, bei dem ein Mädchen mitten in einer kargen Wüstenlandschaft brutal beschnitten wird und ihre Genitalien verstümmelt werden.

Es ist die Geschichte von Waris Dirie, früheres Supermodel aus Somalia und mit ihrer Stiftung Desert Flower (Waris heißt in ihrer Stammessprache Wüstenblume = Desert Flower) seit anderthalb Jahrzehnten entschlossene Kämpferin gegen das grausame Ritual, das von den Vereinten Nationen als Menschenrechtsverletzung geächtet wird. Und dem doch weltweit rund 150 Millionen Frauen vor allem in Afrika unterworfen sind.

Am Mittwochabend, als sie im Krankenhaus Waldfriede in Zehlendorf die Passage des Films sieht, kämpft UN-Sonderbotschafterin Dirie mit den Tränen – und verliert. Es braucht eine Weile, bis die heute 47-Jährige tun kann, worum sie nach Berlin gekommen ist: im Waldfriede das Desert Flower Center eröffnen, das erste Krankenhaus weltweit, das genitalverstümmelte Frauen ganzheitlich behandelt. „Das heißt, die Patientinnen werden betreut, operiert, anschließend gepflegt und bei Bedarf seelsorgerisch begleitet, um ihnen die Rückkehr in die Gesellschaft zu erleichtern“, erklärt Bernd Quoß, Geschäftsführer des Krankenhauses an der Argentinischen Allee.

Bis zu 8.000 verstümmelte Frauen in allein Berlin

Das Waldfriede ist für sein Zentrum für Darm- und Beckenbodenchirurgie bekannt, Chefarzt Roland Scherer eine Kapazität auf dem Gebiet. Diese Fachkenntnis führte Stiftung und Krankenhaus zusammen. Tatsächlich sei die Rekonstruktion von Klitoris und/oder Schamlippen technisch kein Problem für das Team, sagt Quoß. „Der Schritt ist nicht mehr so groß.“

Dennoch haben die Zehlendorfer dieser Tage Hilfe erhalten. Im Gefolge von Waris Dirie ist Pierre Foldès aus Paris angereist. Der Chirurg hat schon 5 000 beschnittene Frauen operiert. Nachdem vorige Woche in Zehlendorf die ersten zwei Frauen behandelt wurden, will Foldès an diesem Donnerstag zusammen mit Scherers Team zwei weitere operieren, eine aus Äthiopien, die andere aus Djibouti. In diesen ostafrikanischen Ländern ist die Tradition des Beschneidens weit verbreitet. Ähnliches gilt für Westafrika, wo fast jede Frau beschnitten ist, obwohl dies in den meisten Ländern verboten ist.

Die Ostafrikanerinnen sind über Diries Stiftung nach Berlin gekommen. Das Waldfriede rechnet mit bis zu 100 Betroffenen jährlich, um wirtschaftlich arbeiten zu können. Derzeit liegen fünf Anfragen aus Wien vor. Zwar leben auch rund 8.000 verstümmelte Frauen in Berlin, doch die Patientinnen werden hauptsächlich über die Stiftung kommen. Eine Rekonstruktion kostet zwischen 4 000 und 10 000 Euro. Bei hiesigen Versicherten bezahlt die Krankenkasse, bei Nicht-Versicherten springen ein Förderverein der Klinik oder die Stiftung ein.

Berlin soll der Anfang sein

Neben den gemeinsamen Operationen stehen Workshops mit Schwestern und Ärzten auf dem Programm. Dafür ist eine Ärztin aus dem sudanesischen Khartum angereist – ebenso wie Fachleute aus Kairo, London und der Schweiz. Dieser Austausch soll alltäglich werden, sobald das Desert Flower Center mit seiner Arbeit begonnen hat.
Viel Zeit für Berlin hat sich Waris Dirie nicht genommen, heute wird sie bei der Uno in Genf erwartet. Von dort sei der Vorschlag lanciert worden, eine ähnliche Klinik in Kenias Hauptstadt Nairobi zu eröffnen, sagt Walter Lutschinger, Geschäftsführer der Wüstenblume-Stiftung: Berlin soll erst der Anfang sein.