Warnstreik am Flughafen BER: Kein Flugzeug am Himmel, um 6:15 Uhr geht es weiter

Berlin ist am Mittwoch vom Luftverkehr der Welt abgeschnitten, der BER wird bestreikt. Nur ein paar verirrte Fluggäste sind in den Hallen gestrandet.

Die Chilenin Belen Urra kommt wohl erst mal nicht nach Hause: Alle Flüge sind für den Mittwoch gestrichen. 
Die Chilenin Belen Urra kommt wohl erst mal nicht nach Hause: Alle Flüge sind für den Mittwoch gestrichen. Markus Waechter/Berliner Zeitung

Belen Urra will nach Hause, das heißt: Sie will ein Flugzeug nach Madrid besteigen und von dort dann in die chilenische Hauptstadt Santiago de Chile fliegen. Dort wohnt die 27-Jährige. Doch am Mittwochmorgen steht sie vor der Informationstafel und fasst es nicht: Alle Flüge sind gestrichen. „Ein riesiges Problem ist das für mich nicht“, sagt sie der Berliner Zeitung, sie hätte ihre Schwester über Weihnachten in Berlin besucht und könne notfalls noch etwas länger bei ihr in Charlottenburg bleiben. „Berlin ist wundervoll“, sagt sie, es sei ihr erster Besuch in Europa und sie würde auch gerne wiederkommen. Jetzt müsse sie aber erst einmal schauen, dass sie schnellstmöglich einen anderen Flug bekomme oder wenigstens ihr Geld zurück.

Warnstreik am Flughafen BER – nichts fliegt

Die Hallen des Flughafen BER sind fast leer, keine Starts, keine Landungen, nichts fliegt. Dieser ferne Traum für jeden Klimaschützer ist schon am Mittwoch Realität am Berliner Flughafen. Von den erwarteten 35.000 Passagieren ist kaum etwas zu sehen, der Hauptstadtflughafen ist leergefegt wie in einem apokalyptischen Film. Nur einige wenige Passagiere haben sich hierher verirrt und starren auf die Anzeigetafeln. Der Flughafen wird bestreikt und der Ausstand hat den ganzen Flugbetrieb lahmgelegt.

Die Gewerkschaft Verdi hatte am Montag zu dem ganztägigen Warnstreik am Mittwoch ausgerufen, weil es in den Tarifverhandlungen für die Beschäftigten der Bodenverkehrsdienste, der Flughafengesellschaft und der Luftsicherheit bisher zu keiner Einigung mit der Arbeitgeberseite kam. Verdi vertritt rund 6000 Beschäftigte, die am Flughafen arbeiten. Rund 300 Starts und Landungen waren für den Mittwoch geplant, wurden aber alle gestrichen, weil ohne die Streikenden kein Flugverkehr stattfinden kann.

„Pay or stay“ hieße das Motto des Warnstreiks, sagt Enrico Rümker von der Bühne auf dem Willy-Brandt-Platz. Hier haben sich die Streikenden am Mittwochmorgen versammelt, seit 8 Uhr kamen sie vor dem Flughafen zusammen. Rümker ist der zuständige Verdi-Sekretär für die Verhandlungen. Den Spruch müssten sich auch viele Fluggäste immer wieder anhören, wenn sie sich weigerten, Aufpreise zum Beispiel für zusätzliches Gepäck zu zahlen, so Rümker. „Wenn ihr den Kunden diese Botschaft gebt, dann bekommt ihr die Botschaft so auch von der Belegschaft zurück“, ruft er den Streikenden über die Lautsprecher zu.

Streik am BER: Rückkehr zum regulären Betrieb ab Donnerstag

Verdi fordert, dass die Beschäftigten 500 Euro mehr pro Monat erhalten sollen, über eine Vertragslaufzeit von 12 Monaten. Grund für die Forderung sei, dass die Bezahlung für die Beschäftigten zu schmal ausfalle, auch die Inflation in den letzten Monaten hätte die Problematik noch einmal verstärkt, da sie einen Teil des Gehaltes zunehmend entwerte. Man hätte sich für den Warnstreik bewusst diesen Mittwoch ausgesucht, weil der Ferienverkehr noch nicht gestartet sei, so Verdi.

Geschäftig wirkt an diesem Mittwoch im fast leeren Flughafen Sabine Deckwerth, die Sprecherin der Flughafengesellschaft FBB. Sie hätte schon mit vielen Medien gesprochen, sagt sie der Berliner Zeitung. „Ich arbeite jetzt drei Jahre als Sprecherin des Flughafens“, sagt sie, dass aber einen Tag lang gar kein Flieger fliegt, habe sie in der Zeit noch nicht erlebt. Der Ausstand beträfe erst mal nur die Flüge am Mittwoch, ab Donnerstag ginge dann alles wieder nach Plan, sie rechne nur mit einer leicht erhöhten Passagierzahl wegen einigen Umbuchungen, sagt Deckwerth. Um 6.15 Uhr soll der erste Flieger nach Fuerteventura starten. Zu den Verhandlungen wolle sie nichts sagen: „Verhandelt wird am Tisch.“

Auch Willy ist in Berlin gestrandet, seinen Nachnamen will er nicht nennen. Er sei zu Besuch bei seiner Familie gewesen und wollte heute wieder den Heimweg antreten. Der gebürtige Pole lebe seit 30 Jahren in Madrid. Er hätte eigentlich vorgehabt, mit der spanischen Airline Iberia zurückzufliegen, diese jedoch ließ ihre Passagiere im Dunkeln über den bevorstehenden Streik. So muss Willy nun durch das leere Terminal laufen, um am Infopoint der Fluggesellschaft nach Rat zu fragen.

Anlass für den Warnstreik sind in allen drei Bereichen parallel laufende Tarifrunden, für die sich aber jeweils bislang keine Lösung abzeichnet. Es sind Tarifrunden, die bislang meist unter dem Radar der Öffentlichkeit stattfanden – nun aber festgefahren sind, wie Verdi am Montag mitteilte. Nun werden mehr Menschen davon Kenntnis nehmen.

Die pauschale Forderung von 500 Euro für alle Beschäftigten sei sozial gerecht, weil die derzeitigen Preissteigerungen zum Beispiel in den Energie- und Heizkosten alle gleich träfen, sagt der Betriebsrat der Flughafengesellschaft FBB, Volkmar Wange. Er vertritt die Beschäftigten auch in den Verhandlungen. Da sei für ihn bisher aber kein ausreichendes Entgegenkommen der Arbeitgeberseite erfolgt. Die hätte statt einer pauschalen Erhöhung eine stufenweise, prozentuale Lohnerhöhungen angeboten. „Beim Angebot der Arbeitgeberseite sind am Monatsende für ein mittleres Lohnsegment 120 Euro mehr auf dem Konto“, sagt Wange, „das liegt eindeutig unter unseren Forderungen und ist bei den derzeitigen Preissteigerungen einfach zu wenig.“

Flughafen-Beschäftigte: „Die Streikbereitschaft ist groß“

Ob es demnächst erneut zum kompletten Stillstand am Flughafen kommt, steht noch nicht fest. Die nächsten Verhandlungsrunden sind am 30. Januar für die Bodenverkehrsdienste und am 8. Februar für die Beschäftigten der Flughafengesellschaft angesetzt. Für die Luftsicherheit wird bundesweit verhandelt.

Beatrice K. ist eine der Streikenden, die 56-Jährige arbeite in der Luftfrachtabfertigung. Die Bezahlung sei bei den Arbeitszeiten auch am Wochenende und den harten Arbeitsbedingungen für ihre Kollegen im Lager einfach nicht fair. Auch seien die Löhne im letzten Jahr nicht inflationsgerecht angepasst worden. Das hätte zu einer so großen Unzufriedenheit bei den Beschäftigten geführt, sagt K. „Da ist die Streikbereitschaft der Kollegen natürlich groß.“

Um 10.45 Uhr setzt sich dann der Demonstrationszug mitsamt Beatrice K. in Bewegung. Es soll einmal um den Willy-Brandt-Platz und später auch in das Flughafengebäude hineingehen. „Damit auch die Kollegen, die nicht streiken konnten, mitbekommen, was hier los ist“, heißt es von der Bühne aus. Musikalische Unterlegung diesmal: „Hier kommt Alex“ von den Toten Hosen. Campinos Stimme singt: „Jeder Mensch lebt wie ein Uhrwerk, wie ein Computer programmiert. Es gibt keinen, der sich dagegen wehrt.“ Doch, heute wehren sie sich.