Warnstreik vor dem Schloss Charlottenburg: die Frauen und Männer kämpfen für mehr Lohn.
Foto: Berliner Zeitung/Katrin Bischoff

Berlin„Wacht auf, Ihr Diener dieser Schlösser, die stets man noch zum Hungern zwingt“. 20 Frauen und Männer mit Weihnachtsmannmützen singen am zweiten Weihnachtsfeiertag vor dem Schloss Charlottenburg die Internationale in abgewandelter Form. Sie tragen Verdi-Sticker an ihren Jacken und schwenken Fahnen der Dienstleistungsgewerkschaft.  

„Warnstreik!“ ist auf Plakaten am Eingangsportal des Schlosses zu lesen. Die Streikenden wollen damit auf ihre prekären Arbeitsbedingungen aufmerksam machen. Sie fordern die Aufnahme von Tarifverhandlungen für Kassierer, Schlossführer, Aufsichten in den Ausstellungsräumen der Schlösser in Berlin und Brandenburg, die zum Unesco-Weltkulturerbe gehören.

Alexander Hundt arbeitet im Schloss als Kassierer. Er braucht einen Zweitjob, um sich über Wasser halten zu können
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Alexander Hundt verteilt Flugblätter an Passanten. Er ist Kassierer im Schloss Charlottenburg und Mitglied der Tarifkommission. „Die Schlösser sind ein Aushängeschild Berlins und Brandenburgs, sie werden jedes Jahr von Millionen Touristen besucht. Deswegen ist es traurig, dass die Beschäftigten für einen Lohn arbeiten müssen, von dem sie nicht leben können“, sagt der 53-Jährige. Die meisten der Leuten hätten zudem auf wenige Stunden befristete Arbeitsverträge. Alexander Hundt selbst arbeitet 20 Stunden in der Woche für 10,50 Euro die Stunde. „Damit komme ich nicht über die Runden“, sagt er. Wie viele seine Kollegen halte er sich mit einem Zweitjob über Wasser.

Tarifvertrag des Sicherheitsgewerbes

Auch der Mann im Kostüm muss sich mit einem Nebenjob Geld hinzuverdienen. „Friedrich der Große“, stellt sich der 50-Jährige vor. Er ist wie die meisten Schlossführer Akademiker. Der studierte Architekt arbeitet seit Jahren in den Herrenhäusern der Region. Mit Herzblut, wie er sagt. Abe rauch mit immer weniger Stunden im Monat. Und mit einem „Mini-Gehalt“.

Im Jahr 2003 wurden die Mitarbeiter des Servicebereichs der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten ausgegliedert in die Fridericus Service Gesellschaft (FSG), einer hundertprozentigen Tochter der Schlösserstiftung. Seit 13 Jahren gibt es für die 650 Beschäftigten der FSG keinen ihrer Arbeit entsprechenden Tarifvertrag mehr.

Schlossführer, Museumswärter, Kassierer seien laut Verdi eingruppiert worden in den Tarifvertrag des Sicherheitsgewerbes, der den Mindestlohn vorsehe. „Dort aber gehören die Angestellten der FSG nicht hinein“, erklärt Petra Honig von Verdi. Zudem seien viele Beschäftigte nur mit Stunden- oder Saisonverträgen angestellt.

Selbst "Friedrich der Große" ging auf die Straße. Er ist in den Herrenhäusern als Schlossführer unterwegs.
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Die Gewerkschaft wolle mit dem Arbeitskampf erreichen, dass die Frauen und Männer nach dem Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst der Länder bezahlt würden – so, wie es auch bei den Angestellten der Schlösserstiftung der Fall sei.  

Nach Angaben von Petra Honig bemühe sich Verdi seit Monaten vergeblich, Tarifverhandlungen mit der FSG-Geschäftsführung aufzunehmen. „Deswegen wird heute nicht nur vor dem Schloss Charlottenburg gestreikt, sondern auch vor dem Neuen Palais in Potsdam“, sagt sie.

Während das Schloss Charlottenburg am Nachmittag wieder besucht werden kann, stehen die Besucher des Neuen Palais, der Herrenhäuser Glienicke und  Königs Wusterhausen wegen des Ausstands den ganzen Tag vor verschlossenen Türen.

Stiftungssprecher: Das ist kein Niedriglohn

„Es ist richtig, dass es keinen eigenen Tarifvertrag für Schlossführer gibt“, sagt Stiftungssprecher Frank Kallensee. Deswegen seien die FSG-Mitarbeiter in den Tarifvertrag der Sicherheitswirtschaft übernommen worden, der mit Verdi ausgehandelt worden sei und noch bis Ende 2020 gelte. Im übrigen kämen Schlossführer mit Zulagen etwa für Fremdsprachen im nächsten Jahr auf einen Stundenlohn von etwa 15 Euro. „Das ist kein Niedriglohn“, sagt der Stiftungssprecher.

Laut Kallensee sei die FSG-Geschäftsführung der Gewerkschaft bereits entgegengekommen: mit der Einführung eines Jobtickets und der Lohnfortzahlung im Krankheitsfall. Mit einer Angleichung an den Tarifvertrag für den Öffentlichen Dienst sei die FSG aber wirtschaftlich überfordert. Da müsse mit den Ländern über mehr Geld gesprochen werden.

Petra Honig hofft, dass sich die Arbeitgeberseite bewegt. „Der Warnstreik ist nur der Auftakt“, sagt sie. Falls die Verhandlungen nicht zu einem Ergebnis führten, sei es möglich, an Tagen zu streiken, an denen es richtig wehtue. Ostern etwa.