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Die Bahnabfertigerin auf dem S-Bahnhof Friedenau versteht die Welt nicht mehr. „Wenn bei uns mal ein Zug zwei Minuten zu spät kommt, regen sich alle tierisch auf“, sagt sie. „Aber heute, wo die BVG streikt, wird überhaupt nicht gemeckert.“ Und tatsächlich: Nicht nur entlang der S1 nehmen Berliner und Touristen den Totalausfall von U-Bahnen, Trams und Bussen erstaunlich gelassen.

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Am Vormittag ist bei Fahrten mit der S-Bahn sogar kaum ein erhöhtes Fahrgastaufkommen wahrzunehmen. Das ändert sich am Nachmittag. Vor allem in den Zügen Richtung Olympiastadion. Ab dem Umsteigebahnhof Westkreuz wird es beklemmend voll. Aber auch bei anderen Massenveranstaltungen ist die Anfahrt mit dem öffentlichen Nahverkehr – auch ohne Streik – nicht immer behaglich.

Alles viel schlimmer vorgestellt

Selbst in dem ab S-Bahnhof Jungfernheide eingesetzten Shuttle-Bus zum Flughafen Tegel ist die Stimmung entspannt. Naja, sie sei schon etwas genervt, sagt Jasmin Kessler, eine junge Schweizerin die nach einer Woche Berlin mit dicker Reisetasche auf dem Heimweg ist. Eine halbe Stunde habe sie der Streik gekostet. „Aber so schlimm ist das auch nicht.“ Und Dany Cabolai, einer der Busfahrer des für die BVG tätigen Unternehmens Hartmann, ist sogar ganz aus dem Häuschen.

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„Die Leute sind total entspannt und happy“, erzählt er lachend. Dabei hat er sich vor diesem Dienst schon gegruselt. „Ich dachte, man wird ständig angemotzt. Ich hab mir das viel schlimmer vorgestellt.“ Einem seiner Kollegen tun nur die ausländischen Besucher etwas leid. Die seien teils verunsichert und würden viel fragen und das Antworten auf englisch sei ja nicht so einfach.

Selbst an der BVG Verkaufsstelle auf dem Flughafen sind die Mitarbeiter ganz entspannt. „Alles Roger“, sagt eine kräftige Frau hinter dem Tresen. Ab und zu würde auch mal ein vom Streik überraschter Heimkehrer schimpfen. „Aber so was haben wir immer.“ Rund um den Potsdamer Platz, den zentralen Veranstaltungsort der Berlinale, regt sich ebenfalls kaum jemand auf. Die Geschäfte in den Arcaden laufen trotzdem gut. Jetzt, zum Ende der Filmfestspiele, lasse der Andrang ohnehin etwas nach, sagt eine Verkäuferin des Berlinale-Shops.

Bianca und Ulrich Aichner aus Merseburg am Bodensee sind gerade mit der S-Bahn angekommen und ganz erleichtert, wie gut das trotz Streik funktioniert hat. Aber ein bisschen ärgert sich das Paar doch. „Für unseren zweitägigen Besuch haben wir extra eine Welcome-Berlin-Karte für 17,50 Euro gekauft“, sagt Bianca Aichner. „Die können wir jetzt gar nicht abfahren. Und die BVG wollte uns das Geld nicht erstatten.“ Ein wenig missmutig ist auch der Taxifahrer, der ganz in der Nähe auf Kundschaft wartet. „Ich habe mir mehr versprochen“, sagt er. „Ich merke nichts von dem Streik.“

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