Berlin - Schulleiter dürfen in Deutschland nicht streiken. Weil sie verbeamtet sind. Tun sie es doch, riskieren sie ein Disziplinarverfahren und eine zünftige Geldstrafe. Tamara Adamzik, 33 Jahre alt, Schulleiterin aus Lichtenrade, wird es an diesem Donnerstag trotzdem tun, wird gemeinsam mit der Leiterin ihres Horts vom südlichsten Zipfel Berlins zum Molkenmarkt fahren und dort gleich hinter dem Roten Rathaus demonstrieren.

Tamara Adamzik darf das, sie ist eine der wenigen angestellten Schulleiter in Berlin. Bald werden es mehr sein, seit 2004 schon wird kein Lehrer aus Berlin mehr verbeamtet. Um mehr Lohn geht es Tamara Adamzik nicht in erster Linie, wenn sie auf die Straße geht, sagt sie. Wichtig sei ihr, dass angestellte Lehrer wie sie ernst genommen werden. Und dazu gehört für sie auch ein ordentlicher Tarifvertrag.

Im Mittelpunkt des Interesses

Fast die Hälfte der Lehrer an Tamara Adamziks Schule ist angestellt, etliche werden nun streiken, die Eltern sind durch Flyer und über die Homepage vorgewarnt. Am ersten Streiktag in diesem Jahr hatten die Lehrer dazu noch Plakate aus den Fenstern gehangen. Auch Feuerwehrleute, Kita-Erzieher oder Mitarbeiter der Bürgerämter werden streiken. Doch im Mittelpunkt des Interesses werden eben wieder die Lehrer stehen. Weil wieder Unterricht ausfällt, obwohl die Lehrer doch relativ gut verdienen und viele Urlaubstage haben.

In ihrem braun-weißgestreiften Hosenanzug sieht Tamara Adamzik eher aus wie eine Managerin als wie die Leiterin einer Grundschule. Mit einem großen Schlüsselbund eilt sie durch die langen Flure der Annedore-Leber-Grundschule, vorbei am Billardraum und am Aquarium, in dem gelbe Zierfische schwimmen. Angekommen in ihrem Büro, das sie sich gerade mit ihrer kommissarischen Konrektorin teilt, checkt sie erst mal ihre Emails.

„Ich will hier als Schulleiterin langfristig Personalentwicklung betreiben“, sagt Tamara Adamzik. Dazu brauche es eine verlässliche Bezahlung, Aufstiegsmöglichkeiten und Geldanreize oder Stundenermäßigungen für Kollegen, die sich besonders in der Schule engagieren.
„Die Schulen müssen top sein, nur so hält man die Lehrer, wenn die anderen Bundesländer weiter verbeamten“, sagt Adamzik. Aus einem Schulleitungsbüro hat sie einen Ruheraum mit dunkelblauen Gardinen gemacht, hier können sich die Kollegen entspannen oder in Ruhe Elterngespräche führen.

Grundschullehrer verdienen weniger

Tamara Adamzik gehört zu einer neuen Lehrergeneration in Berlin. Es hat seit 2004 für viel Neid und Missmut gesorgt, dass Lehrer hier nicht mehr verbeamtet werden. Die Junglehrer-Initiative „Bildet Berlin!“ hat ausgerechnet, dass ein verbeamteter Lehrer netto während seines gesamten Arbeitslebens gut 100 000 Euro mehr erhält, im Krankheitsfall über Jahre sein volles Gehalt weiter bezieht, Familienzuschläge extra bekommt und eine wesentlich höhere Pension hat.

Natürlich ist es ein Privileg, wenn ein junger Lehrer sich in einer ansonsten zunehmend instabilen Arbeitswelt heute schon die Rente ausrechnen kann, die er in 30 Jahren erwarten darf. Doch wie viele, die nach 1970 geboren wurden, haben die jüngeren angestellte Lehrer den Eindruck, dass es die Vorgänger-Generation der Babyboomer materiell deutlich besser getroffen hat.

An der Annedore-Leber-Grundschule wird das deutlich, wenn im Lehrerzimmer wieder für die Blumenkasse gesammelt wird. Da zahlen die angestellten Lehrer weniger ein als die Beamten. Allerdings hat sich unter den inzwischen 12 000 angestellten Berliner Lehrern auch ein gewisser Stolz darauf herausgebildet, kein Beamter zu sein. Auch wenn einige wohl insgeheim den Beamtenstatus doch ganz gerne hätten, sind viele inzwischen überzeugte Angestellte. Sie wissen, dass es auch im staatlichen Schulsystem verstärkt um Wettbewerb und Eigeninitiative geht.

Auch Tamara Adamzik sagt, sie wolle nicht verbeamtet werden. „Dann wäre ich ja ein Staatsdiener, der Befehlsempfänger ist“, sagt sie. „Das passt nicht dazu, dass wir unseren Schülern ja auch Demokratieerziehung vermitteln sollen“.
Angestellte Lehrer verdienen gut. 4 200 Euro brutto bekommt ein Grundschullehrer bei voller Stelle, ein Studienrat an Oberschulen sogar 4 700 Euro. Im OECD-Vergleich erhalten Lehrer in Südkorea und Spanien besonders viel, gemessen am Durchschnittseinkommen eines Hochschulabsolventen im jeweiligen Land. Aber Deutschland steht schon ganz gut da, in Frankreich oder in den USA sind die Verdienstmöglichkeiten nicht so groß.

Ungerecht findet Tamara Adamzik, dass die Grundschullehrer weniger verdienen. „Wir legen hier die Grundlagen für die Kinder.“ Die Streikliste, mit der sie am Donnerstag alle streikenden Kollegen der Schulaufsicht melden muss, füllt sie nach Rücksprache mit der Schulrätin nicht aus. Das macht ein Kollege. Es geht den angestellten Lehrer an diesem Donnerstag um einen gültigen Tarifvertrag. Sie wollen, dass nicht einfach nur das Dienstrecht, die Gehaltstabelle und die Unterrichtsverpflichtung der Beamten auf sie übertragen werden. Sie fordern genau wie andere Arbeitnehmer selbst ihre Arbeitsbedingungen aushandeln zu können und wollen beim Nettolohn eine Angleichung an den der Beamten.
Genau das aber hat bei den derzeit laufenden Tarifverhandlungen die Arbeitgeberseite abgelehnt. Und die Gewerkschaften haben dem trotz anderslautender Versprechen zugestimmt. Weil angestellte Lehrer etwa in Sachsen weniger verdienen, könnten die Berliner Lehrer nach einem bundesweiten Tarifabschluss gar schlechter da stehen als bisher.

Es fehlt die Wertschätzung

Deshalb werden auch Sebastian Hornig und Laetitia Pritzkow, beide Lehrer an der Möwensee-Grundschule in Wedding streiken. Hornig ist heiser, gerade war er mit seinen Drittklässlern im Kombibad Seestraße zum Schwimmunterricht. „Da muss ich schon mal etwas lauter werden, das legt sich auf die Stimme“, sagt er. Jetzt sitzen die beiden im vollgestellten Lehrerzimmer, der Unterricht geht an der Ganztagsschule bis 16 Uhr. Mit ihren Sneakers und Jeans würden sie in einer Neuköllner Hipster-Bar nicht auffallen.

Wieso streiken Sie? „Geld für Großprojekte ist immer da, aber Bildung hat keine Priorität, bei uns wird nur gespart“, sagt der 34-jährige Hornig. Gerade sei die Zahl der Präsenztage während der Ferien erhöht worden. Ein verlässlicher Tarifvertrag werde verwehrt. Und die Sonderzulage sei nur noch bis 2017 gültig.

Diese im Tarifvertrag nicht zugesicherte Zulage führt dazu, dass Berliner Lehrer gleich bei Einstellung in die höchste Gehaltsstufe kommen, danach aber für den Rest ihrer gesamten Laufbahn keine Gehaltssteigerung mehr vorgesehen ist. „Gerade so, wie man es braucht, um dem Lehrermangel noch einigermaßen beizukommen“, sagt Hornig.

Von Gutsherrenart sprechen die beiden jungen Lehrer. Was ihnen fehlt, sei Wertschätzung. An der Grundschule haben sie es mit zunehmend unterschiedlichen Schülern zu tun, manche könnten kaum einen Stift halten, andere schon lesen. Jetzt kommt noch die Inklusion hinzu. Nicht selten sind die Lehrer Elternersatz. Allein um ein Zeugnis in Textform zu schreiben, braucht es mehrere Stunden.

„Je elitärer die Bildung, desto mehr Lohn wird gezahlt“, fasst es Hornig bei löslichem Kaffee im Lehrerzimmer zusammen. Laetitia Pritzkow verweist darauf, wie schlecht die Erzieherkollegen bezahlt werden. „Dabei arbeiten wir mit ihnen an unserer Ganztagsschule Hand in Hand.“ Die beiden betonen, dass es ihnen nicht um den Beamtenstatus geht. Natürlich, sagen sie, hätten sie auch nach Brandenburg gehen können und sich dort verbeamten lassen. Wenig später wären sie dann als Beamte nach Berlin zurückgekehrt.
„Das haben wir schon deshalb nicht gemacht, weil wir uns hier mit den Kollegen super verstehen“, sagt Laetitia Pritzkow. Man gehe auch mal zusammen aus. Kollegen würden ja am besten verstehen, was einen Lehrer im Job beschäftige. Am Donnerstag werden die Lehrer der Schule gemeinsam frühstücken und dann zur Demonstration gehen.

Anders als an mehreren Gymnasien, wo sogar Abitur-Präsentationsprüfungen wegen des Streiks verschoben werden, haben die Eltern in Wedding Verständnis für den Streik. Viele lassen ihre Kinder zu Hause. Das bereitet Sebastian Hornig dann doch Gewissensbisse, sagt er. Weil diese Eltern oft keinen so abgesicherten Job haben wie er.