Berlin - Es war eine Woche des Protestes. „Durch die Uni geht ein Ruck, SHK machen Druck!“, ruft der Student Nicolas Goez am Mittag auf dem Platz vor der Rost- und Silberlaube, dem Hauptgebäude der Freien Universität in Dahlem. Etwa 120 Studierende sind dort am Mittwoch zu einer Demonstration zusammengekommen, mit Trillerpfeifen, Transparenten, Fahnen.

Sie haben in einem Warnstreik die Arbeit niedergelegt. Durch einen Lautsprecher dröhnen die Forderungen der studentischen Hilfskräfte, kurz SHK genannt. Am Freitag gehen die Proteste mit einer Kundgebung vor der Humboldt-Uni in Mitte zu Ende. Vorerst.

Seit Anfang dieses Jahres streiken die beschäftigten Studierenden, die an den Hochschulen etwa Tutorien halten, Professoren bei Lehre und Forschung helfen oder in den Hochschulrechenzentren arbeiten. Mit Unterstützung der Gewerkschaften Verdi und GEW fordern sie einen neuen Tarifvertrag mit höherer Entlohnung und besseren Arbeitsbedingungen für die etwa 8000 studentischen Mitarbeiter an den Unis.

Der bisherige Stundenlohn liegt bei 10,98 Euro 

„Wenn ich mehr verdienen würde, könnte ich mich auch verstärkt auf mein Studium konzentrieren“, sagt Nicolas Goez, der zu der Protestaktion eine rote Warnweste über seine schwarze Winterjacke gezogen hat. Der 24-Jährige studiert am Otto-Suhr-Institut der Freien Universität bereits im siebten Semester Politikwissenschaften im Bachelor, der auf eine Regelstudienzeit von sechs Semestern ausgelegt ist.

Als studentische Hilfskraft ist er an einem interdisziplinären Zentrum der Humboldt Universität angestellt; einem Zusammenschluss des geografischen, ethnologischen und sozialwissenschaftlichen Instituts. Nicolas Goez hat dort sein eigenes Büro – und verrichtet überwiegend Verwaltungstätigkeiten.

Goez bestellt Büromaterialen, er steht mit dem Hausmeister in Kontakt oder versendet den monatlich erscheinenden Newsletter des Zentrums. Höchstens 80 Stunden dürfen studentische Hilfskräfte wie er in einem Monat arbeiten. Dafür bekommt Goez eine Entlohnung von 10,98 Euro pro Stunde. So legt es der Tarifvertrag für studentische Beschäftigte fest, der bislang gilt.

Nicolas Goez ist auf das Geld angewiesen. Er bekommt kein BAföG, kein Wohngeld oder andere staatliche Leistungen für seine Ausbildung. Auch seine Eltern unterstützen ihn nicht.

12,50 Euro reicht den Studenten nicht

Goez streikt für eine Erhöhung des Stundenlohns auf 14 Euro pro Stunde, eine der Hauptforderungen der streikenden Studierenden. Auf dem selbstgebastelten Plakat, dass er bei der Demonstration vor sich herträgt, steht: Die HU hat 501,1 Millionen Euro pro Jahr, aber keine 14 Euro für SHK???“.

Der Kommunale Arbeitgeberverband (KAV) hatte den Studierenden zuletzt angeboten, den Stundenlohn bis Januar 2022 auf 12,50 Euro zu erhöhen. Den Studierenden reicht das nicht. Ihnen zufolge, sei die Forderung von 14 Euro die Stunde nur der Inflationsausgleich der letzten 17 Jahre. Solange hatte es keine Erhöhung der Löhne mehr gegeben.

Gerade in den letzten Jahren seien die Mieten in Berlin stark gestiegen. „Für mich war das ein Grund, hier mit zu streiken“, sagt Nicolas Goez. Für sein elf Quadratmeter großes Zimmer in einer Vierer-WG in Schöneberg zahlt er derzeit monatlich 350 Euro Miete.

Die SHK wollen erreichen, dass es künftig zu einer automatischen Anpassung an die Entwicklung der Löhne im öffentlichen Dienst kommt. Für die Umsetzung dieser Forderungen sollen weitere Studierende mobilisiert werden.

TU zahlt studentischen Hilfskräften mehr Geld

In der vergangenen Woche fanden am Campus-Nord der Humboldt Universität auch sogenannte Bürorundgänge statt. Mit dabei ist Max Kieltyka. Der 23-Jährige steht an einem der Tische an der langen Fensterfront der Mensa Nord und informiert über die Streikgruppen. Er will andere studentische Hilfskräfte auf die Tarifinitiative aufmerksam machen und zu den Treffen der Streikgruppen einzuladen.

Max Kieltyka ist an der Technischen Universität als studentische Hilfskraft eingestellt. Er hilft im IT-Service der Universität beim Programmieren von Datenbanken. Er sagt: „je länger wir streiken, umso besser können wir Studierende uns untereinander organisieren.“

Kieltyka arbeitet für einen Stundenlohn für 12,50 Euro pro Stunde. Als einzige Berliner Hochschule hat die Technische Universität Berlin im Alleingang erklärt, den studentischen Hilfskräften seit Jahresanfang mehr Gehalt zu bezahlen, allerdings ohne einen Tarifvertrag.

Der Streik geht weiter

Max Kieltyka will daher auch weiter streiken. „Mich nervt es außerdem, dass viele denken, wenn sie aus der Uni raus sind, bekommen Sie einen guten Job und müssten sich nicht für Arbeitskämpfe interessieren. Es geht auch um unsere Arbeitsbedingungen.“ Wie viele Studierende ist er gewerkschaftlich organisiert. So ist für die Studierenden an den Protesttagen gesichert, dass der Lohnausfall durch das Streikgeld verschmerzt werden kann.

Max Kieltyka ist nahezu seit Beginn der Tarifverhandlungen, die im Frühjahr letzten Jahres starteten, bei den Protesten aktiv. Im vergangenen Dezember haben die Gewerkschaften die Verhandlungen mit dem kommunalen Arbeitgeber für gescheitert erklärt. Seitdem warten sie auf ein neues Angebot der Hochschulen. Für Max Kieltyka und Nicolas Goez ist klar: Bis es das gibt, streiken sie weiter.