Harnekop - Die schmale Straße wirkt gespenstisch an diesem wolkenverhangenen Tag. Auf Betonplatten geht es in einen dunklen Wald, vorbei an einem Haus mit roter Sowjetflagge am Fahnenmast. Nach knapp zwei Kilometern taucht ein Gebäudekomplex auf. Er gehört zum Atombunker Harnekop nordöstlich von Strausberg (Märkisch-Oderland), dem früheren Führungsbunker der Nationalen Volksarmee (NVA). Hier, tief in diesem Wald der Vergangenheit, herrscht absolute Stille.

Hinter einem provisorischen Absperrzaun stehen ein Ural-Laster, Version Feuerwehr-Löschfahrzeug, und ein schwarzer Stasi-Volvo 440 GL mit aufgesetztem Blaulicht. Man könnte meinen, er käme gerade von einem Einsatz. Dass sich in den drei Fahrzeughallen dahinter eine der größten privaten Ost-Autosammlungen versteckt, lassen die beiden Fahrzeuge allerdings nicht erahnen.

Sonnenallee und Stalingrad

Aus einem Wohnhaus nebenan kommt Galina Brunner mit zwei Hunden herbeigelaufen. Sie grüßt gut gelaunt. Die 54-Jährige ist die Herrin des Fuhrparks. Zusammen mit ihrem Mann Lothar Brunner, der vor zwei Jahren verstarb, hat sie über Jahre hinweg eine geradezu unüberschaubare Sammlung an Fahrzeugen aufgebaut. Vieles von dem, was östlich des Eisernen Vorhangs vom Band lief, ist hier vertreten. 90 Pkw und Lastwagen stehen in den Hallen, mehr als 100 Motorräder und sogar ein Kettenpanzer.

Brunner öffnet eines der großen Hallentore. Im Schummerlicht ist ein Wartburg der Volkspolizei zu erkennen. Eine Uniform hängt hinter der Scheibe. „Der hat bei ,Goodbye Lenin‘ mitgespielt“, erzählt sie. Links davon stehen zivile Autos wie Lada, Wartburg, Trabant und Barkas1000. Rechts reihen sich Militär-Laster aneinander: Robur, Gaz, ein Sil 157 und ganz hinten die monströsen Ural, die zu bewegen schon wegen des Benzinverbrauchs ein kostspieliges Unterfangen ist. Einen Liter je Kilometer sollen sie verbrauchen. Nicht wenige der Autos hier waren in einschlägigen Filmen zu sehen: „Sonnenallee“, „Der Tunnel“, „Stalingrad“, Folgen von „Polizeiruf 110“.

„Fast alle sind fahrbereit“, sagt die gebürtige Ukrainerin Galina Brunner. Zur Demonstration holt sie einen UAZ-Geländewagen der sowjetischen Armee aus der Halle, ein besonders gepflegtes Exemplar in Tarngrün. Der Motor springt sofort an. Nur das Ausparken macht der ansonsten resoluten Frau etwas zu schaffen. Große Reifen, keine Servolenkung – sie muss kräftig kurbeln. „Und die hochhackigen Schuhe stören auch“, sagt sie und lacht.

Muss man ein bisschen verrückt sein, um so viele Fahrzeuge zu horten, die Hunderte Quadratmeter Platz brauchen, gepflegt werden müssen und am Ende doch fast nur in der Halle stehen? „Mein Mann hat diese Autos geliebt, vor allem die russischen“, sagt Galina Brunner. Ihm sei es um das Sammeln gegangen, so wie andere es mit Briefmarken täten. Nach der Wende, als viele Ex-DDR-Bürger ihre alten Vehikel lieber heute als morgen gegen West-Autos tauschten, waren die Bedingungen perfekt dafür. Viele der Autos hätten sie in dieser Zeit vor der Schrottpresse gerettet, sagt sie. Dass Galina Brunner, die 1992 nach Deutschland kam, im Osten Berlins einen Autohandel hatte, war da nur von Vorteil. Auch die Verwandtschaft in der Ukraine habe ein bisschen geholfen, sagt sie.

Museum geplant

Später, als die ersten Filme über das Leben in der DDR gedreht wurden, waren die Trabis und Wartburgs der Brunners wieder gefragt. Filmproduktionen mieteten die Autos, das brachte ein bisschen Geld ein. Richtig wohl war den Eignern aber nie dabei. „Einmal haben uns Kameraleute das Dach eines Wolga 21 zertrampelt“, erzählt Brunner. „Da haben wir gesagt: Nie wieder!“ Seither habe ihr Mann die Autos nur noch hergegeben, wenn er selbst oder einer der beiden Söhne am Steuer bleiben konnten – auch im Film.

2008 kaufte die Familie, die bis dahin in Berlin lebte, einen Teil des Geländes oberhalb des Atombunkers. „Da hatten wir zum ersten Mal genug Platz für alle Fahrzeuge.“ Die zwei Söhne waren da längst vom Autofieber infiziert. Einer der Söhne arbeitet in Berlin als Mechatroniker für eine große Automarke. Ohne ihn könnte Galina Brunner den Fuhrpark wohl nicht am Leben halten

Die 54-Jährige streicht einem weißen Wolga 21 über die Motorhaube. Er steht in einer Halle mit ganz besonderen Schmuckstücken aus den 1950er-Jahren. Tschaika Gaz-13, ein luxuriöser SIM. Autos, die in Staaten des Warschauer Pakts fast nur von Mitgliedern des Machtapparats gefahren wurden. Dass ein offener UAZ-Geländewagen aus der Paradeflotte Erich Honeckers daneben steht, überrascht nicht.

Brunner, ihre Söhne und einige Freunde wollen aus der Sammlung ein Museum machen. Ein Verein soll gegründet werden. Gegen eine kleine Spende können Besucher aber schon jetzt die Fahrzeughallen besichtigen.

Privat fährt Galina Brunner übrigens einen Mercedes. Keinen Lada und keinen Wolga, bei aller Liebe nicht. „Mit Ostautos ist das so eine Sache“, sagt sie. „Wenn du stehen bleibst, bleibst du stehen.“