Mit dem Öffentlichen Nahverkehr war es so eine Sache in der Vorweihnachtszeit. Der Kosename „Öffis“ kam selbst Liebhaberinnen von Tram, Bus und Bahn, wie ich es bin, immer schwerer über die Lippen. Einen Mann, der ohne erkennbaren Grund alle Nase lang in Starre verfällt, nennt man ja irgendwann auch nicht mehr „Schatz“. Kalauernd, doch nicht ohne Spitze, dachte ich mehrfach an zugigen Haltestellen: Wer mehr steht als fährt, sollte Steffi und nicht Öffi heißen – auch wenn er öffentlich steht.

Man entdeckt viel Neues, wenn man dem Prinzip Möglichst-nah-und-Hauptsache-warm folgt

Manchmal bin ich irgendwo rein gegangen statt zu frieren. In irgendein Lokal, je näher desto besser. Dort hab ich dann gewartet, bis der Rückstau von Bahnen und Menschen sich aufgelöst hat und man wieder in feuerpolizeilich unbedenklicher Besetzung Bahnfahren konnte.

Man entdeckt viel Neues, wenn man strikt dem Prinzip Möglichst-nah-und-Hauptsache-warm folgt. In dem Etablissement am Alex zum Beispiel tragen viele Gäste Muskelshirts und Spaghettiträger-Tops. Man könnte glatt Weihnachten vergessen, gäbe es nicht so viel Rot: Kugeln, Tischdeko und mützenartige Stuhlüberwürfe an den Tischen, an denen Gesellschaften feiern.

Es feiern viele Gesellschaften, und zwischen ihnen prosten und speisen gefühlt hundert weitere Menschen. Eine Armee von Personal ist ständig in Bewegung, und es ist aberwitzig laut. In einer Mädchengesellschaft wird gekreischt: ein umgefallenes Weinglas. Noch mehr Rot. Ein Kellner eilt herbei, wieder ein neues Gesicht, wo kommen die nur alle her? Ich fühle mich wie im Bierzelt, das Kriterium „warm“ ist übererfüllt, all die nackten Schultern kennen sich aus. Ich bin die Neue.

Frohe Weihnachtstage und warme Hände 

Dazu passt, dass der Barhocker, auf dem ich sitze, einer nur für langbeinige ist, wie man sie häufig antrifft in Lokalen, die keine Bar sind, aber eine haben, und dazu Bartische, an die Leute wie ich gesetzt werden, die nur was trinken wollen. Die Querstrebe zum Füssedraufstellen ist so weit unten, dass meine Füße in der Luft baumeln wie die eines Kleinkindes auf dem Klo. Es ist unmöglich, auf solchen Hockern würdevoll zu sitzen. Auch Beine übereinander schlagen hilft nicht, denn sie baumeln ja immer noch, nur eben anders sortiert.

Der Kellner, der mich betreut, ist sehr flink und auch nett, fast so nett wie der eine Woche später. Da strande ich am Hackeschen Markt in einem dieser Restaurants unter der S-Bahn, die nicht kommt. Mit eiskalten Händen und laufender Nase. „N-n-n-nu-nu-nur a-a-auf-w-w-ärm-m-en u-u-und was t-t-t-rink-k-kn,“ sagte ich zu dem mir entgegentretenden Mann im weißen Hemd. Bevor er mir sowohl einen normalen Tisch als auch einen Bar-Tisch mit Hocker mit zu niedriger Querstrebe anbietet, nimmt er meine Hände zwischen seine und reibt sie kurz aneinander. Als wären wir alte Freunde. Als ich nach einer Tasse Kaffee das Restaurant verlasse, wünscht er mir frohe Weihnachtstage und warme Hände. Manchmal findet man sie an Orten, an denen man noch nie war.

Frohes Fest!