In Lichtenberg bereiten sich im Mai 1945 von der Roten Armee befreite sowjetische Zwangsarbeiter, darunter viele Frauen und einige Kinder, auf die Heimkehr vor.
Foto: Dokumentationszentrum NS-Zwangsabeiter/Valery Faminsky, Arthur Bondar

BerlinNie war Berlin so international wie heute. Denkt man. Ist aber falsch. Allerdings gibt es wenig Grund, stolz zu sein auf jene Zeit, als der Anteil der ausländischen Bevölkerung in der deutschen Hauptstadt womöglich höher war als in der Gegenwart. Adolf Hitler hatte Stadt und Land von Fremden säubern wollen, doch am Ende des Dritten Reiches füllte ein vielsprachiges Völkergemisch dessen Hauptstadt.

Etwa 2,8 Millionen Volksgenossen harrten noch in den Trümmern aus. Zusätzlich lebten ab 1941 etwa 500 000 Zwangsarbeiter in der Stadt. Hinzu kamen sogenannte Fremdarbeiter und Freunde des Nationalsozialismus – aus Europa, dem Osmanischen Reich oder Japan. Genaue Zahlen kennt man nicht, doch alle zusammen werden sie mehr als 20 Prozent der Gesamtbevölkerung ausgemacht haben. Ein Fünftel – diesen Anteil weist das Amt für Statistik für 2018 aus. Die Berliner nahmen 1945 die Fremden als „notwendiges Übel“ hin, denn „irgendwer muss ja die Arbeit machen“.

Die Spitzel der Wehrmacht, die die Stimmung der Bevölkerung erlauschten, berichteten am 29. März über Auflösungserscheinungen: Sowjetgefangene belegen in der S-Bahn Sitzplätze; Volksgenossen beobachten am Güterbahnhof Wedding „mit Missfallen Sowjetgefangene, die sich anschicken, einen Güterwagen mit Weißkohl zu plündern", und „zum vierten Male“ werden an S-Bahnanlagen in Oranienburg arbeitende „Sowjetweiber“ beobachtet, „wie sie dem fahrenden Publikum den nackten A… zeigten“.

Laut ist die Klage, Ausländer gingen sonntags spazieren und säßen in Lokalen, während deutsche Männer und Frauen an Barrikaden arbeiten, ja sähen lachend zu, wie diese „ungewohnte Erdarbeiten verrichteten“. Am Alexanderplatz trieben sich Ausländer verschiedener Nationalitäten herum, die sich sogar mit Würfelspielen beschäftigten.

Jahrelang hatte die NS-Regierung Arbeitssklaven aus allen Teilen des Kontinents nach Berlin zwangsverbracht, um die wichtigste deutsche Industriemetropole am Laufen zu halten. Stefan-Ludwig Hoffmann, in Berkeley arbeitender Berliner Historiker, hat die Zahlen und Fakten zusammengetragen und in einem Essay zusammengefasst, aus dem nachfolgend umfangreich zitiert wird.

Während die Berliner mit den zunehmenden Luftangriffen nach Möglichkeit die Stadt verließen, ihre Kinder zu Zehntausenden aufs Land verschickten und Hunderttausende wehrfähige Männer an den Fronten im Osten, Westen, Norden und Süden Europas für Groß-Deutschland raubten, plünderten, mordeten und fielen, füllte sich die Stadt mit Leuten, die Rüstungsgüter herstellen, Bauarbeiten erledigen, Trümmer räumen und Müll wegfahren mussten.

Die Mehrheit der 500 000 Zwangsarbeiter war in einem der mehr als 3 000 Lager untergebracht, die sich über das Stadtgebiet verteilten: in umfunktionierten Tanz- oder Festsälen, in Ausflugslokalen, Hotels, Bootshäusern und Lagerhallen oder in zumeist primitiven, mit Teerpappe gedeckten Holzbaracken in der Nähe der Arbeitsstelle, eingequetscht zwischen Fabriken, Postämtern, Bürogebäuden, Bahnhöfen oder Mietshäusern.

Zwangsarbeit Dokumentiert und erforscht

Die Seite: Das Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit hat eine Lagerdatenbank für Berlin und Umgebung auf seiner Website online gestellt. Sie enthält derzeit etwa 1 400 verifizierte Standorte.

Die Zahl: Es gab etwa 3000 Sammelunterkünfte für rund 500 000 Zwangsarbeiter im Berliner Stadtraum. Auffindbar im Internet  unter der Adresse www.ns-zwangsarbeit.de/ recherche/lagerdatenbank/

Das Essay: Die zerstörte Metropole. Berlin zwischen den Zeiten, 1943–1947 von Stefan-Ludwig Hoffmann (Berkeley) ist veröffentlicht in der Zeitschrift für Ideengeschichte Heft XIII/4 Winter 2019

Anders die Fremdarbeiter. Sie kamen aus dem Westen Europas, aber auch aus dem sogenannten Protektorat Böhmen und Mähren sowie der Slowakei. Sie reisten anfangs freiwillig an, ab 1942/43 wurden sie ebenfalls zwangsverpflichtet. Viele von ihnen lebten in Privatquartieren und konnten sich frei bewegen. Sicher war ihr Status nicht, er konnte je nach Kriegsverlauf, so Hoffmann, jäh wechseln: „Aus kriegsgefangenen Franzosen wurden ab Sommer 1942 auf einmal Zwangsarbeiter, aus freiwilligen italienischen Fremdarbeitern nach dem Zusammenbruch von Mussolinis Regime im Sommer 1943 Kriegsgefangene, die Zwangsarbeit leisten mussten."

Hoffmann erinnert daran, dass die letzten Verteidiger der Umgebung der Reichskanzlei im April 1945 Franzosen waren, Kämpfer der Waffen-SS-Division Charlemagne und Reste der SS-Division Nordland, darunter viele Dänen und Norweger.

Auf der anderen Seite der Stadtgesellschaft standen solche Deutsche, die in den Arbeiterbezirken Wedding und Friedrichshain mit roten Fahnen an den Fenstern die Rote Armee als Befreierin begrüßten. Hoffmann fasst zusammen: „Das Treibgut der beiden Weltkriege und des ideologischen Weltbürgerkrieges aus ganz Europa fand sich im Frühsommer 1945 im zerstörten Berlin.“

Es fällt schwer, sich das Nebeneinander der, wie Hoffmann schreibt, „in jeder Hinsicht außergewöhnlichen Zustände“ vorzustellen – die Spannung zwischen der Auflösung von allem bisher Gewesenen und dem Alltag der Lebensmittelbeschaffung, den durchaus nicht verschwundenen Konflikten oder Freuden im menschlichen Nahbereich, Untergangsgefühlen und Zukunftssorgen. Vielleicht fällt es in den außergewöhnlichen Tagen der Corona-Restriktionen leichter, sich Ausnahmezustände vorzustellen – das Gemisch von Alles-wie-immer und Nichts-wie-immer.

Allerdings reichen die Umstände vom April 2020 nicht entfernt an die Schärfe der damaligen heran. Heute ruhen Teile einer im Prinzip intakten Gesellschaft und Wirtschaft. Damals befand sich die Gesellschaft in jeder Hinsicht in Auflösung, die Wirtschaft war im physischen Sinne weitgehend vernichtet.

Während Zeitzeugen bestimmte Ausschnitte der damaligen Umstände gern und ausgiebig dargestellt haben – das Leid der Zivilbevölkerung, den Hunger, die Schrecken im Bombenkeller –, wird es stille, wenn es um jene Menschen geht, die durchaus nicht freiwillig in Berlin weilten. Die Zwangs- und Fremdarbeiter waren im Alltag aber allgegenwärtig.

Noch seltener sind allerdings die Berichte über die NS-Verbrecher in der eigenen Familie und vor allem die über die abwesenden Juden. Schließlich hoffte man – je näher die deutsche Niederlage rückte, desto heftiger –, die ehemaligen Nachbarn würden nicht wiederkommen. Nicht wenige lebten in deren Wohnungen, saßen am billig ersteigerten Tisch der Deportierten und löffelte mit deren Löffeln ihre Suppe aus.

Stefan-Ludwig Hoffmann stellte bei seinen Recherchen fest, dass die „Auflösung des alltäglichen Gewebes der Stadt“ ein kaum erforschtes Feld ist. Eine „Erfahrungsgeschichte des städtischen Alltags in den Jahren der Ruinierung der europäischen Metropolen, die das Davor und Danach einbezieht und erst so wieder die Bruchstelle in der Kontinuität urbanen Lebens sichtbar macht“, gebe es erst in Ansätzen, schreibt er und zitiert den Philosophen Theodor Adorno: „Das Leben hat sich in eine zeitlose Folge von Schocks verwandelt, zwischen denen Löcher, paralysierte Zwischenräume klaffen.“

Da in dieser Zwischenzeit die alten Ämter nicht mehr funktionierten, keine Statistiken erstellt wurden, die Archive zerstört oder in alle Winde verstreut waren und die Medien nur eingeschränkt beziehungsweise propagandistisch berichteten, Gerüchte an die Stelle von Informationen traten, bieten sich der Forschung, so Hoffmann, vor allem private Aufzeichnungen an: „Nie war das Tagebuchschreiben so verbreitet wie im Europa der 1940er-Jahre. Die vielfach perspektivisch gebrochenen, subjektiven Wahrnehmungen geben den Blick frei auf die Erfahrungsstreifen katastrophischer Gewalt, von Genozid und Stadtzerstörung, aber auch auf die Realien des Überlebens, den Alltag im Ausnahmezustand.“ Da lässt sich zum Beispiel lesen, wie im Sommer 1944 im Strandbad Wannsee tagsüber gebadet wird und nachts die Großstädter am Strand schlafen, um die Luftangriffe abzuwarten.

So erklärt sich auch, dass die Stadt, kaum war der Schrecken der Endschlacht vorbei, in den Normalbetrieb schaltete: Varietés, Nachtklubs, Kabaretts und Kinos öffneten als Erste und stellten auf neues Publikum um. Die Programme gab es nun auf Englisch, Russisch und Französisch. Die Tanzwut brach aus, gebremst nur durch die Ausgangssperre um 23 Uhr nach der nun geltenden Moskauer Zeit. Vielsprachig wettete man auf der Trabrennbahn Karlshorst, handelte auf dem Schwarzmarkt und kommunizierte am See.

Und schließlich gibt es da entzückende Zitate, die vom Scheitern der Hitlerschen Reinheitsfantasien künden, die ganz so aussahen wie heutzutage die von AfD-Höcke. Im Sommer 1945 war Berlin zur vielsprachigsten Stadt Europas geworden, und die überraschte Reporterin der New York Times schreibt: „Die russische, englische, französische und deutsche Sprache mischen sich zu einem modernen Babel, zu dem darüber hinaus unzählige Dialekte des sowjetischen Asiens kommen.“