Nehmen die Menschen solch eine Neuerung an?
Foto: Berliner Zeitung/ Peter Neumann

BerlinEin Gespenst geht um in Berlin – Straßen und Plätze nur noch für Fußgänger und Radfahrer. Die Diskussion über die autofreie Friedrichstraße ist noch in vollem Gang, da wird schon über die nächsten Aktionen dieser Art diskutiert.

Am Sonnabend wurde ein Teil der Tauentzienstraße drei Stunden lang den Fußgängern überlassen. Das dortige Treiben wirkte wie eine Grünen-Party. Parteiwerbung und Politiker wie Cem Özdemir und Bettina Jarasch bestimmten das Bild, während Passanten meist indifferent blieben. Dafür äußerte die FDP, die Einschränkungen des Autoverkehrs meist skeptisch gegenübersteht, zumindest indirekt Sympathie. Sie fragte: Wie wäre es, wenn der Tauentzien während der Adventszeit zur temporären Fußgängerzone würde? Für den Hackeschen Markt und Unter den Linden wird dies schon geplant.

Eine Diskussion hat begonnen, die manchmal verwundert und ärgert – die aber sinnvoll ist. Verwunderlich ist, mit welchem Verve die einst konsumkritischen Grünen vorgeben, darbende Einkaufsstraßen retten zu wollen – obwohl in der Friedrichstraße viele Einzelhändler nicht in dieser Weise zwangsbeglückt werden wollen. Die Wilmersdorfer und Carl-Schurz-Straße zeugten schon vor Corona, dass Fußgängerbereiche keine Garantie für gute Umsätze sind. Ärgerlich ist, dass die Aktivisten über einen wichtigen Teil des Umweltverbunds nicht nachdenken. Wenn Straßen autofrei werden, müssen auch BVG-Busse Umwege fahren, die Attraktivität des Nahverkehrs sinkt. 

Trotzdem ist es richtig, mit befristeten Sperrungen Möglichkeiten und Chancen auszuloten. Nehmen die Menschen eine Neuerung an? Das lässt sich am besten testweise ermitteln - aber bitte stets mit der Option, dass Sperrungen wieder rückgängig gemacht werden. Berlin hat genug Platz für solche Reallabore. Es gibt viel auszuprobieren. Packen wir‘s an!