Berlin - Es ist einer dieser Morgen, an denen die Stadt sich benimmt wie ein verstörter Teenager. Irgendwie unglücklich, doch nicht wissend, woher die Bedrückung rührt, verweigert sie störrisch jede liebevolle Geste. „Hey, Stadt, was ist denn los?“, will ich ihr zurufen. „So schlechte Laune wegen dem bisschen Regen?“ Doch schon beim „Hey“ hat sie sich weggedreht.

Die gefühlte Ablehnung rührt natürlich auch von den Menschen der Stadt. Letzte Woche, oder war es vorgestern, fand ich doch noch einen wunderbarer als den anderen.

Einer kollektiven Verabredung folgend nahm es fast jeder mit den Widrigkeiten und Ungeschicklichkeiten des Zusammenlebens, dem Verkehr und dem Wetter großzügig und beherzt auf. Die wenigen Ausreißer gingen einfach unter. Daran versuche ich mich zu erinnern an diesem Stadt-in-der-Pubertät-Tag.

Alle scheinen einen fiesen Traum gehabt zu haben. Der ihnen noch auf den Schultern sitzt. Und in einem fort raunt, wie schwer das Leben ist. Wie kalt der Regen, den man doch monatelang herbeisehnte. Und um wie vieles kürzer die Tage schon wieder sind. Jetzt kommt die dunkle Zeit, flüstern die schlechten Träume auf all den Schultern.

Berlin erinnert an mein Teenagerkind 

Entsprechend gebeugt gehen die Menschen, den Blick verschlossen. Fast jedes Gesicht ein „Sprich mich nicht an“. Der Busfahrer nimmt die bucklige Straße wie eine Rennstrecke. Schüttelt die Insassen, als ob er sie ausspucken will ins Oktobernass, das alle Farben aus den Häusern gewaschen hat. Kann man es ihm verübeln?

Er kam zu spät, etliche Minuten, der Unmut über die Unzuverlässigkeit, deren Grund niemand interessiert, füllt seinen Bus wie saure Milch. Beim nächsten Halt schilt eine Mutter ihr Kind, weil es träumt, statt seine Siebensachen zusammenzuraffen. Um ein Haar verpassen sie den Ausstieg.

Ein Junge fällt mir ein, der vor vielen Jahren bei uns übernachtete. Ein Freund des Teenagerkindes, das damals noch ein Grundschüler war und kein Lulatsch mit schnell wechselnden Launen. Dieser Junge machte den Morgen zu einer Herausforderung, weil er sich ständig wegträumte. Beim Frühstück. Beim Zubinden der Schuhe. Auf dem hastigen Weg zur Schule. Statt sich zu beeilen, blieb er stehen und streckte die Zunge heraus.

Er fing die Regentropfen auf. Ich weiß noch, wie damals plötzlich eine große Rührung und Ruhe über mich kam. Ich brachte es nicht fertig, den Kerl anzutreiben. Wir haben es, glaube ich, trotzdem noch rechtzeitig zur ersten Stunde geschafft.

Heute ist dieser Junge auch ein Teenager. Ich vermute, dass er keine Regentropfen mehr mit der Zunge auffängt. An manchen Tagen ein richtiger Blödian ist. Und an anderen charmant bis nach dorthinaus. Warum das so ist, verstehen weder er noch die anderen. Und so ist es auch mit der Stadt. Sie kann nicht immer so schön sein wie ein kleiner verträumter Junge. Aber die Erinnerung an solche Momente hilft, Tage wie diesen zu überstehen. Und wird es da hinten nicht schon heller?