2002 wurde dieser S-Bahn-Wagen in Halle-Ammendorf gebaut. Nun ist er per Lkw an seinen Entstehungsort zurückgekehrt – für eine Sanierung. Gut möglich, dass weitere Berliner S-Bahnen folgen werden.
dpa

Berlin/ Halle (Saale)Als Ingenieur für Werkstofftechnik glaubt Thomas Tautz nicht an ungewöhnliche Zufälle. Doch bemerkenswert sei es schon, was sich gerade in einer Halle seines Unternehmens abspielt, sagte der Prokurist der Firma MSG in Halle (Saale). „Vor 17 Jahren wurde dieser Wagen der Berliner S-Bahn hier montiert.“ Nun steht 481 382-9 wieder hier, in derselben Halle, in der er einst entstanden ist. Wie ein  Arbeitnehmer, dem nach einem Unfall eine Reha genehmigt wurde, wird der Wagenkasten in Halle aufgemöbelt. Es ist ein Testlauf für die ganz schweren Fälle, die beim größten Modernisierungsprogramm der S-Bahn-Geschichte auftauchen könnten. 618 Wagen werden saniert.

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Während 17-jährige Menschen noch als jung gelten, sind Schienenfahrzeuge mit 17 Jahren meist schon ziemlich in die Jahre gekommen. Die Berliner S-Bahn, deren Gerippe im   Dezember per Lkw nach Halle kam, hat ebenfalls einiges hinter sich.

In Hegermühle bei Strausberg prallte sie als erster Wagen eines Zuges der S5 auf einen Baum, der bei einem Sturm auf die Gleise gefallen war. „Zwar war der Zug langsam unterwegs, doch der Schaden war beträchtlich“, sagte Maik Nachtigall von der S-Bahn Berlin GmbH.

Politische Querelen verzögerten Erneuerung der Flotte

Bei dem Aufprall verzog sich einer der beiden 18 Meter langen Längsträger, die das Wagenfundament bilden – weshalb das Fahrzeug aufs Abstellgleis musste. Zuvor hatte der tägliche Betrieb, der sich auf viele tausend gefahrene Kilometer und beförderte Fahrgäste summiert hat, Spuren hinterlassen. Eingedrungene Nässe griff den Stahl an. Korrosion insbesondere in den Einstiegsbereichen ist ein weiteres Thema, mit dem sich ein Dutzend der rund 200 Beschäftigten der Firma MSG nun  befasst.

„Wir versuchen, jedes Fahrzeug am Leben zu erhalten, weil wir für den täglichen Fahrgastbetrieb jedes Fahrzeug brauchen“, sagte S-Bahn-Chef Peter Buchner. „Darum reparieren wir alle Fahrzeuge – selbst diejenigen, die anderswo als wirtschaftlicher Totalschaden gelten würden.“  

Das nach den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG) zweitwichtigste Nahverkehrsunternehmen in der Region kann es sich nicht leisten, auf Züge zu verzichten. Die Länder Berlin und Brandenburg, die den S-Bahn-Betrieb bestellen und mit Geld vom Bund bezahlen, sehen das genauso.

Auf dem Weg zur halben Milliarde

Mehr Fahrgäste: 2018 wurde die Berliner S-Bahn für 478 Millionen Fahrten genutzt. Nach ersten Hochrechnungen ist diese Zeit im vergangenen Jahr um ein bis zwei Prozent gestiegen, sagte S-Bahn-Chef Peter Buchner.       
 
Baustelle schreckte ab: Das entspricht einer Zunahme um maximal zehn Millionen Fahrgäste. Das der Zuwachs nicht größer war, lag unter anderem an den langen baubedingten Sperrungen bei der S5/7/75.

Weiterer Zuwachs: S-Bahn-Chef Buchner erwartet, dass die Fahrgastzahl die 500-Millionen-Marke in diesem oder im kommenden Jahr überspringt. Zum Vergleich: Die BVG befördert pro Jahr 1,1 Milliarden Fahrgäste.

Weil sich die dringend nötige Erneuerung des Wagenparks auch wegen politischer Querelen immer wieder verschoben hat, muss ein großer Teil der jetzigen Flotte länger als einst geplant durchhalten. Deshalb ermöglichen die Länder ein Sanierungsprogramm der Superlative. Die Kosten: rund 155 Millionen Euro. Von der Baureihe 481, die 1997 bis 2004 geliefert worden ist, sollen zunächst 309 Doppelwagen saniert werden. „Ziel ist es, dass sie bis 2030 im Einsatz bleiben können“, sagte Buchner.

Im Oktober fiel bei Sekt und Selters der Startschuss im Werk Schöneweide. Doch das Projekt „Langlebigkeit“ braucht mehr Zeit als erwartet, um in Schwung zu kommen. Bisher sind erst zwei Doppelwagen fertig gestellt worden.

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S-Bahn-Wagen auch mit Videokameras

Sie bekamen neue Längsträger, Fußböden, Türflügel und Türtaster, die auf leichtes Antippen reagieren. Blaue Sitze, die von einem portugiesischen Hersteller stammen, wurden eingebaut. In den sanierten Wagen gibt es erstmals bei der S-Bahn eine Videoaufzeichnung: Fünf Kameras pro Wagen nehmen das Innere ins Visier, die Bilder werden 48 Stunden lang gespeichert. Die Außenlackierung wurde dem Design der nächsten S-Bahn-Generation angepasst – was Fans zu Debatten anregte. Das Motto lautet: mehr Ockergelb, weniger Rot, schwarze Türen. Das Rot ist heller als der bisherige Bordeauxton.

Der Fahrgastverband IGEB hätte sich auch eine bessere Fahrgastinformation gewünscht. Die neue, schwerere Rechnertechnik hätte umfangreiche Umbauten in den Wagen erfordert – „worauf wir schweren Herzens verzichteten“, bedauerte Peter Buchner.

„Die Hochlaufkurve dauerte länger als geplant“, bekräftigte er. Doch inzwischen sei absehbar, dass die 360 Handwerker in Schöneweide, die ein Drittel ihrer Arbeitszeit mit der Fahrzeugsanierung verbringen, den Takt erhöhen. In diesem Jahr sollen rund 90 Doppelwagen runderneuert wieder auf die Strecke gehen.

Welche Rolle spielt nun die Firma MSG in Halle? „Wir rechnen damit, dass ungefähr jedes 20. Fahrzeug starke Korrosionsschäden aufweist“, sagte Maik Nachtigall. Diese Fälle sollen dann von  Thomas Tautz’ Team übernommen werden. Um schon mal zu trainieren, kam der Unfallschaden 481 382-9 in die Saalestadt.

S-Bahn: Personal dringend gesucht

„Wir hoffen natürlich, dass wir möglichst keine Wagen hierher bringen müssen“, sagte S-Bahn-Chef Buchner. „Das hoffen wir natürlich nicht“, entgegnete MSG-Prokurist Tautz. Dabei ist das Unternehmen bereits gut ausgelastet. „Wir suchen Mitarbeiter“, sagte der Chef. Derzeit werden ICE-Züge saniert – wofür der Deutschen Bahn, bei der lange gespart wurde, die Kapazität fehlt.

Auch der Industriestandort Halle-Ammendorf hat Sparrunden hinter sich. Mit einem Jahresumsatz von umgerechnet 600 Millionen Euro war das Werk, in dem zu DDR-Zeiten täglich drei Breitspurschlafwagen für die russische Eisenbahn montiert wurden, Anfang der 1990er-Jahre der größte Schienenfahrzeughersteller weltweit. Einst waren bis zu 6000 Menschen dort tätig.  

Nach der Wende verschaffte der S-Bahn-Auftrag aus Berlin dem Werk Arbeit: 934 Wagenkästen wurden dort gebaut, 330 Doppelwagen in Betrieb genommen. 2005, ein Jahr nach der letzten Lieferung, wurde es vom Eigentümer Bombardier geschlossen. Nun erlebt der Standort wieder einen kleinen Aufschwung – auch dank der Berliner S-Bahn.