Berlin - Es ist kein abruptes Ende, es ist eines mit Ansage. Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup hat mitgeteilt, dass er seinen Posten als Vorsitzender der Geschäftsführung der Flughafen Berlin Brandenburg GmbH vorzeitig verlassen möchte. „Am Ende reiflicher Überlegung bin ich zu der Entscheidung gekommen, mich von der Geschäftsführung in absehbarer Zeit zurückzuziehen“, steht in einem Brief, den er dem Vorsitzenden des Flughafen-Aufsichtsrats, Rainer Bretschneider, schrieb. „Auch wenn eine solche Trennung immer schwerfällt und die Wahl des richtigen Zeitpunkts nicht einfach ist, bitte ich Sie, meinen Schritt zu akzeptieren“, heißt es weiter in dem Schreiben, das der Berliner Zeitung vorliegt. Es trägt das Datum 9. März – fast auf den Tag genau vor vier Jahren war Lütke Daldrup von der Berliner Senatskanzlei zur Flughafengesellschaft FBB nach Schönefeld gewechselt. Wer wird nun seine Nachfolgerin oder sein Nachfolger?

Auch der Vorsitzende des Aufsichtsrats geht

„Nach einer Verlängerung gilt mein Vertrag bis Anfang März 2022“, sagte der Flughafenchef am Mittwochmorgen der Berliner Zeitung. „Ich habe Gesellschafter und Aufsichtsrat gebeten, früher aufhören zu dürfen. Ich möchte im September 2021 den Staffelstab weitergeben. Im Oktober vollende ich mein 65. Lebensjahr.“ Als Erste hatte am Mittwoch die Berliner Morgenpost berichtet.

„Meinen Auftrag, die Fertigstellung und den Start des BER zu managen, habe ich erfüllt“, so Lütke Daldrup weiter. „Es war eine lange Zeit mit sehr viel Arbeit. Jetzt möchte ich mehr Zeit für mich und meine Familie. Das heißt aber nicht, dass ich untätig sein werde. Ich bin in beruflichen Organisationen tätig, zum Beispiel in der Stiftung Baukultur. In diesem und anderen Bereichen möchte ich weiterhin mitwirken.“

„Nach der kräftezehrenden Arbeit bei Bau und Inbetriebnahme des Flughafens freue ich mich auf eine Zeit, in der ich meinen persönlichen Interessen folgen kann“, führt Lütke Daldrup in seinem Brief an den Aufsichtsratschef weiter aus. Das passt nicht zu Informationen aus dem Umkreis der FBB, wonach Lütke Daldrup zumindest erwogen habe, Rainer Bretschneider zu beerben und Vorsitzender des Aufsichtsratsgremiums zu werden. Bretschneider, der inzwischen 72 Jahre alt ist, möchte seinen Posten ebenfalls zur Verfügung stellen – von Sommer 2021 ist die Rede.

Die Folgen der Pandemie belasten das Unternehmen, das Berlin, Brandenburg und dem Bund gehört. „Als Reaktion auf die Corona-Krise hat die Flughafengesellschaft die südliche Start- und Landebahn sowie das Terminal 5 geschlossen. Rund 1600 Beschäftigte sind in Kurzarbeit. Allein für dieses Jahr summieren sich unsere Einsparungen auf 89 Millionen Euro“, so der Flughafenchef zur Berliner Zeitung. „Die Investitionen wurden zurückgefahren. In den nächsten vier Jahren werden sie sich nur noch auf rund 100 Millionen Euro belaufen, im Vergleich zu bisher geplanten 500 Millionen Euro.“

„Was das Verkehrsaufkommen anbelangt, sind wir in diesem Jahr im Lockdown ganz schwach gestartet“, so Lütke Daldrup. Aus Aufsichtsratskreisen war zu erfahren, dass der Februar 2021 mit nur noch 7 Prozent der Passagierzahlen von Februar 2020 sogar noch „unter Plan“ liege. „Der Sommer muss besser werden, sonst erreichen wir das angepeilte Ziel von zehn Millionen Fluggästen am BER in diesem Jahr nicht“, mahnte der oberste Flughafen-Manager. „Ich bin aber zuversichtlich, dass wir es erreichen. Das Impfen scheint in Gang zu kommen.“

Auf jeden Fall werde die FBB nicht ohne die Unterstützung ihrer Gesellschafter über die Runden kommen. „Wir wollen auf eigenen Beinen stehen. Dafür brauchen wir zum einen eine Teilentschuldung in Höhe von 1,1 Milliarden Euro durch direkte Zahlungen der Gesellschafter. Zum anderen bitten wir bis 2025 um Liquiditätshilfen in Höhe von insgesamt rund 800 Millionen Euro. Unser Ziel ist es, in vier Jahren schwarze Zahlen zu schreiben und wieder kapitalmarktfähig zu sein. Dafür sollte die Zinsbelastung durch eine Teilentschuldung auf ein vernünftiges Niveau gesenkt werden.“ Am Freitag befasst sich der FBB-Aufsichtsrat mit dem Thema. Für den 16. April plant das Gremium eine Sondersitzung zur Finanzsituation.

Die Flughafengesellschafter Berlin, Brandenburg und der Bund haben nun die Aufgabe, eine Nachfolgerin oder einen Nachfolger für den scheidenden Flughafenchef zu finden. Sie tagen das nächste Mal am 19. März, im Juni könnte die Entscheidung fallen. In seinem Schreiben an den Aufsichtsratschef gab Lütke Daldrup schon einmal einen Rat. Zwar brauche die „FBB, die die Pandemie überwindet und den BER erfolgreich betreibt, eine andere Führung als die FBB, die aus der ewigen Baustelle einen erfolgreichen Flughafen gemacht hat“, heißt es auf der letzten Seite des Briefs.

„Und trotzdem sollte in dieser kommenden Phase der Neuausrichtung des Unternehmens in der Führung personelle Kontinuität für den mehrjährigen Restrukturierungsprozess angestrebt werden. Dafür geeignete Persönlichkeiten sind im Unternehmen vorhanden.“ Dem Vernehmen nach hat Lütke Daldrup dabei Aletta von Massenbach, seit 2020 kaufmännische Geschäftsführerin der FBB, im Auge. Die Juristin ist intern anerkannt. Ihr wird zugetraut, die Finanzen auch künftig gut zu betreuen.

Kehrt Thomas Weyer nach Berlin zurück?

Allerdings könnte es noch weitere potenzielle Bewerber geben. Deutschlandweit verlassen diverse Flughafen-Manager ihre Posten. Darunter befindet sich ein alter Bekannter, der in den vergangenen Jahren schon mehrmals als künftiger Berliner Flughafenchef gehandelt wurde. Thomas Weyers Dienstvertrag als Geschäftsführer für Finanzen und Infrastruktur beim Flughafen München endet im September 2021 regulär. Der 60-Jährige strebe „andere Aufgaben“ an, wurde berichtet. Weyer war bis 2008 als technischer Geschäftsführer für das Flughafenprojekt in Schönefeld zuständig.

Die CDU sieht den vorzeitigen Abgang kritisch. „Steuerzahlern steht nach der BER-Eröffnung das Wasser bis zum Hals. Da macht sich Flughafenchef Lütke Daldrup vom Acker. Das ist Drücken vor Verantwortung. Oder: nach mir die Sintflut“, teilte Christian Gräff, Obmann der Christdemokraten im Untersuchungsausschuss BER, am Mittwoch mit.

„Niemand weiß, ob und wann der Problem-BER jemals kostendeckend betrieben werden kann. Der Zuschussbedarf der nächsten Jahre geht in die Milliarden. Transparenz und überzeugende Finanzkonzepte? Fehlanzeige. Rot-Rot-Grün und Lütke Daldrup hinterlassen den BER als Schulden-Friedhof“, so der CDU-Abgeordnete. „Es braucht jetzt an der Spitze der Gesellschaft erfahrenes Management, das mit den Beschäftigten und den Airlines als Kunden eine Zukunftsperspektive erarbeitet. Alle Finanzfragen müssen verlässlich beantwortet werden.“

„In desolatem Zustand“

„Der personelle Wechsel an der Spitze der FBB bietet die Chance für einen ehrlichen Neuanfang. FBB-Chef Lütke Daldrup rühmte sich für die Eröffnung des BER, aber das war nur ein Pyrrhussieg“, sagte Sven-Christian Kindler, haushaltspolitischer Sprecher der Grünen-Bundestagsfraktion. „Jahrelang hat Lütke Daldrup den Gesellschaftern erzählt, dass sich alle Probleme lösen, wenn der BER erst eröffnet ist. Dieses Märchen glaubt inzwischen niemand mehr. Die FBB hat sich oftmals mit dem Verweise auf Corona herauszureden versucht. Aber schon vor Corona war das Unternehmen in bedrohlicher Schieflage. Inzwischen ist klar: die FBB steht kurz vor der Insolvenz, erhält keine Kredite mehr und kann ihre Schulden kaum noch bezahlen. Lütke Daldrup wird die FBB in einem finanziell desolaten Zustand übergeben.“