Nur mit Maske in den Berliner Nahverkehr – doch die Regelung wurde erst Ende April eingeführt. Da war die Pandemie schon lange im Gang.
Foto: Berliner Zeitung/Volkmar Otto

BerlinEin kurzer Spaziergang mit offenen Augen genügt, um zu erkennen, dass sich etwas im Berliner Verkehr verändert hat. Sicher, auf vielen Hauptverkehrsstraßen stauen sich wie früher wieder die Autos. Dort ist die Corona-Flaute offensichtlich vorbei. Doch die Busse der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG), die langsam mitschwimmen, sind ziemlich leer, und das ist anders als früher. Selbst in der U-Bahn kann man unter diversen freien Sitzplätzen wählen. Graffiti-Täter scheinen sich über die fehlende soziale Kontrolle zu freuen.

Natürlich ging auch früher im Sommer die Zahl der Pendler zurück. Bislang war es allerdings so, dass an ihrer Stelle Berlin-Besucher die Verkehrsmittel füllten. Doch Touristen sind rar geworden. Besonders auffällig sind die Veränderungen im Abend- und Nachtverkehr. Weil das Kulturleben in Zeiten der Pandemie auf ein Minimum zusammengeschnurrt ist, wird die BVG abends auch nicht mehr von Opernfans, Kinogängern oder Konzertbesuchern frequentiert.

In Wochenendnächten hat man den Eindruck, dass junge Männer in unterschiedlichen Aggressions- und Trunkenheitsstadien dominieren. Wer Mund und Nase bedeckt, fühlt sich allein auf weiter Flur. Ansonsten ist man in der BVG zu später Stunde mehr oder weniger allein. Dann ist von dem früheren Fahrgastmix, der auch Normalverdiener umfasste und Berlins Nahverkehr sicher und angenehm machte, nicht mehr viel zu spüren.

Corona hat zu einer Normalisierung im negativen Sinne beigetragen, eine Angleichung an andere Regionen, in denen der Nahverkehr schon längst kein Vehikel für jedermann mehr ist. Auch in Berlin zeigen stark gesunkene Fahrgastzahlen und Fahrgeldeinnahmen, dass seine Bedeutung zurückgegangen ist. Obwohl die Einschätzung dominiert, dass er kein Hotspot der Ansteckung ist, haben sich viele Pendler in die vermeintlich sichere Hülle ihrer Privatautos zurückgezogen. Wer nicht allzu alt und gebrechlich ist, für den gilt zumindest in der Innenstadt das Fahrrad immer häufiger als Option. Die offiziellen Zählstellen des Senats melden einen stetigen Anstieg des Radverkehrs.

Zwar nehmen die Fahrgastzahlen insgesamt wieder zu. Vor allem in der S-Bahn fühlen sich Fahrten manchmal wieder so an wie vor Corona – eng und stickig. Doch in der Gesamtbilanz scheint sich die Befürchtung, dass der Nahverkehr unter der Corona-Pandemie in besonderem Maße leiden wird, zu bewahrheiten. Weltweit ist die Nutzung zurückgegangen, und es wird nach höheren Zuschüssen des Staates gerufen, oft vergeblich. In Berlin hat der Senat die Forderung erhört. Leider wurde jedoch die Chance verpasst, in einem größeren Rahmen über Corona und die Zukunft von Bahnen und Bussen zu sprechen. Aber was soll man auch von den Spitzen einer Verwaltung erwarten, die privat vor allem mit dem Fahrrad unterwegs ist. In Berlin hat der Nahverkehr keine Lobby, die gehört wird.

Dass zu Beginn der Pandemie grobe Fehler begangen wurden, liegt auf der Hand. Auch wenn die BVG nach eigenen Angaben nur 13 Prozent der Verkehrsleistung strich, machten Berichte über Überfüllungen die Runde. Als gefordert wurde, Bahnen und Busse zu desinfizieren, hieß es, dass die  Fahrzeuge gleich danach wieder verkeimt wären. Objektiv ist das korrekt, doch dem Sicherheitsgefühl hätten ein paar öffentlichkeitswirksame Sprühaktionen gut getan. Die Pflicht, Mund und Nase zu bedecken, wurde zu spät eingeführt. Und es ist ein Unding, dass die Einhaltung nur lax kontrolliert wird.

Dass in dieser Situation die Gewerkschaft Verdi mit Forderungen auftrumpft, die Arbeitsbedingungen im kommunalen Nahverkehr zu verbessern, mag viele befremden. Die Branche befindet sich in einer ihrer schlimmsten Krisen, und jetzt sollen die Personalkosten weiter steigen? Doch auch hier geht es um eine Normalisierung. Jahrelang wurde im Nahverkehr gespart (ohne dass es viel Widerstand von Seiten Verdis gab), die Arbeit als Fahrer ist hart, viele Tausend Beschäftigte werden in den nächsten Jahren in Rente gehen. Wenn der Nahverkehr in Zeiten der Erderwärmung mehr Bedeutung bekommen soll, muss er besser werden. Die Politik muss sich stärker um ihn kümmern. So einfach ist das.