Berlin - Wenn Erste-Klasse-Passagiere aus Köln oder München am Berliner Hauptbahnhof aus dem ICE steigen, dann stehen sie bei schlechtem Wetter im Regen. Denn diese Fahrgäste müssen immer dort aussteigen, wo sie kein Dach über dem Kopf haben.

Dieses Szenario wird sich nicht ändern. Das 321 Meter lange Glasdach des Hauptbahnhofs, das in Ost-West-Richtung zwei S-Bahn-Gleise und vier Gleise für den Fern- und Regionalbahnverkehr überspannt, bleibt für die dort haltenden, teils 375 Meter langen ICE-Züge aus Köln, München und Basel kurz – zu kurz.

Denn die Deutsche Bahn hat die jahrelang aufbewahrten Stahlträger und die maßgefertigten Glasscheiben für die Verlängerung des Daches mittlerweile weiterverkauft oder entsorgt.

Eröffnung zur Fußball-WM

Weil der Bahnhof 2006 rechtzeitig zur Fußball-Weltmeisterschaft fertig werden musste, wurde das Dach auf Geheiß des damaligen Bahnchefs Hartmut Mehdorn und zum Ärger des Architekten Meinhard von Gerkan nicht wie geplant 450 Meter lang gebaut – obwohl die Teile dafür schon bereitlagen. Stahlträger und Glasscheiben lagerten seitdem im Stadtbahn-Viadukt am Ostbahnhof zwischen Andreas- und Koppenstraße.

„Im Jahr 2014 kamen wir nach langer Prüfung zu dem Ergebnis, dass eine Verlängerung des Bahnsteigdachs wirtschaftlich und betrieblich nicht tragbar wäre. Die Kostenschätzung belief sich auf rund 145 Millionen Euro“, sagt ein Bahnsprecher am Dienstag.

Ende 2017 habe die Deutsche Bahn damit begonnen, die eingelagerten Teile zu veräußern. Auch, weil die Verlängerung des Dachs bedeutet hätte, den gesamten Bahn- und S-Bahnbetrieb auf allen sechs Ost-West-Gleisen für neun Monate zu sperren.

Berlin klagte vergebens

Die Diskussion um eine Verlängerung des Dachs und damit die Vollendung des Hauptbahnhofs war seit seiner Eröffnung immer wieder aufgeflammt. Berlin hatte sogar auf dem Klageweg darauf bestanden. Ohne Erfolg.„Es wäre durchaus besser gewesen, das Dach länger zu bauen“, sagt Jens Wieseke vom Fahrgastverband IGEB.

Nun aber müsse man nicht mehr darüber diskutieren. Eine solche Baumaßnahme würde eine Totalsperrung des Zugverkehrs über Monate bedeuten. „Das ist unmöglich.“ Der Hauptbahnhof sei ein zentrales Element des deutschen Eisenbahnnetzes. Das Geld, das man für die Verlängerung des Daches ausgeben würde, sollte lieber für Verschönerung des Umfeldes verwendet werden. „Der Europaplatz ist schließlich nicht wirklich schön“, so Wieseke.

Dass Argument, dass Reisende der ersten Klasse im Regen stehengelassen werden, hält Wieseke für nicht so überzeugend. Erste-Klasse-Fahrer seien nicht bessere Menschen als Reisende der zweiten Klasse. Überhaupt führen viel mehr Passagiere in der zweiten Klasse.

300.000 Reisende nutzen den Hauptbahnhof täglich. Er steht an fünfter Stelle der am meisten frequentierten Fernbahnhöfe der Deutschen Bahn. Dass das Dach nun für immer zu kurz, der Bahnhof damit unvollendet bleiben soll, findet Oliver Friederici, der Vorsitzende des Verkehrsausschusses des Abgeordnetenhauses, äußerst ärgerlich. Vor allem, weil die Teile „so sang- und klanglos verschwunden“ seien.

„Die Bahn hätte Stahlteile und Scheiben nicht verkaufen oder verschrotten müssen“, so der CDU-Politiker. Man hätte sie noch anbauen können – etwa bei einer vielleicht in 20 Jahren anstehenden Grundsanierung des Hauptbahnhofs. Friederici fordert bei der Überdachung eine Minimallösung – so wie am Hauptbahnhof von Frankfurt am Main, wo kleinere Dächer die Reisenden schützen.

Azubis mit Schirm

Auch Harald Moritz, der verkehrspolitische Sprecher der Grünen, spricht von einem Ärgernis. Allerdings sei man nun so viele Jahre mit dem kurzen Dach klargekommen, da sollte man das Geld für einen Dachausbau lieber in andere Verkehrsprojekte stecken. „Wir sollten aber eine Lehre daraus ziehen: Immer gleich richtig bauen. Ein Provisorium bleibt oft für immer bestehen.“

„Schade, dass man das Dach nach der Eröffnung des Hauptbahnhofs nicht noch einmal in Angriff genommen hat“, sagt der SPD-Verkehrsexperte Tino Schopf. Den Verkehr dafür nun über Monate zu unterbrechen, hält er für undenkbar.„Ich erwarte aber, dass die Deutsche Bahn ihren Fahrgästen ein Angebot macht, damit sie nicht im Regen stehengelassen werden.“ Der 44-Jährige, der vor seiner Zeit als Parlamentarier bei der Deutschen Bahn arbeitete, kann sich noch an die Zeit kurz nach der Fußball-WM erinnern. „Da haben Azubis mit Schirmen die Fahrgäste vom nichtüberdachten Teil des Bahnsteigs abgeholt.“