BerlinDieser Montag ist der Internationale Tag der Taschenlampe. Das kann eigentlich kein Zufall sein, denn an diesem 21. Dezember findet wie immer die Wintersonnenwende statt. Das Zentralgestirn hat dann hierzulande die geringste Mittagshöhe, was wiederum die längste Nacht des Jahres zur Folge hat. In Berlin beginnt sie um 15.54 Uhr und endet um 8.15 Uhr. Das macht 16,21 Stunden Dunkelheit, theoretisch.

Praktisch wird es in Berlin nie richtig dunkel. Über die Stadt wölbt sich nachts eine Kuppel aus Licht, die sogar noch vom Autobahnring A10 aus wahrzunehmen ist. Kein Wunder, schließlich bestrahlt einschlägigen Untersuchungen zufolge bereits ein Ort mit nur 30.000 Einwohnern den Himmel bis in 25 Kilometer Entfernung. Satellitenaufnahmen aus dem All zeigen Berlin bei Nacht als fetten gelben Farbklecks, wenn auch mit dunklen Sprenkeln, deutlich zeichnet sich der Schatten des Tiergartens ab.

Lichtquellen in einer Millionenmetropole gibt es abertausende. Bürotempel wie am Potsdamer Platz, Wahrzeichen wie das Brandenburger Tor oder der Fernsehturm und Reklame, Reklame, Reklame. Dazu die insgesamt 224.000 Straßenlaternen. Immer mehr werden zwar mit effizienten LED-Lampen betrieben, doch auch sie brennen unverdrossen. Nicht einmal im harten Lockdown wird der Stecker gezogen.

Seit der Einführung der Glühbirne hat die Strahlkraft Berlins ungefähr um den Faktor 150.000 zugenommen, im lichttechnischen und so ungefähr wohl auch im werblichen Sinn. Die Stadt, die niemals schläft – vor der Corona-Pandemie wäre das ein hübscher Slogan für Touristen gewesen. Das Schlagwort der Umweltschützer heißt: Lichtverschmutzung.

Sie ist das Produkt einer Gesellschaft, die keine Grenzen akzeptiert, die durcharbeitet Tag und Nacht. Ökonomisch betrachtet mag das ein erstrebenswerter Zustand sein, ökologisch gesehen wirkt es wie ein Brandbeschleuniger. Lichtverschmutzung geht mit einem erhöhten Ausstoß von CO₂ einher, trägt zur Erderwärmung bei.

Der World Wildlife Fund (WWF) hat deshalb 2007 eine sogenannte Earth Hour eingeführt. Weltweit sollen für eine Stunde die Lichter ausgehen, zwischen 20.30 und 21.30 Uhr Ortszeit an jedem 27. April. Die Lichtverschmutzung nimmt dennoch zu, um rund sechs Prozent weltweit pro Jahr.

Das künstliche Licht bringt das Leben auf diesem Planeten aus dem Takt. Der Mainzer Biologe Gerhard Eisenbeis hat auf die dramatischen Folgen dieser Rhythmusstörung hingewiesen. In der Zeitschrift Spektrum der Wissenschaft hat er eine Art Kettenreaktion beschrieben: Insekten werden von Lichtquellen angezogen, verbrennen, fehlen somit in der Nahrungskette als Futter für andere Tiere, fehlen zudem für die Bestäubung von Pflanzen. Klingt nach einer Kleinigkeit, wirkt sich jedoch irgendwann spürbar auf den Menschen aus.

Untersuchungen haben außerdem ergeben, dass Lichtverschmutzung den Hormonhaushalt bei Tieren durcheinanderbringt. Bei bestimmten Vogelarten wird die Kommunikation zwischen Männchen und Weibchen  gestört und die Fortpflanzung beeinträchtigt. Beobachtet wurden weitere Phänomene: frühreife Amseln, promiskuitive Blaumeisen. Klingt lustig, ist  jedoch Ausdruck einer Natur in Schieflage.

Der Verlust von Dunkelheit bringt den Menschen selbst aus dem Gleichgewicht. Dass die Aufhebung des Tag-Nacht-Rhythmus auf Dauer krank macht, ist hinlänglich belegt. So führt sie zu einem Mangel an dem   Schlafhormon Melatonin, was sogar das Wachstum bösartiger Tumore fördern kann. Depressionen treten auf, auch das gilt als gesicherte Erkenntnis.

In einem anderen Punkt streiten sich noch die Professoren: Halten helle Orte zwielichtige Gestalten fern? Straßenkriminalität und Vandalismus gehen durch bessere Beleuchtung zurück, haben Wissenschaftler herausgefunden. Andere stellten das genaue Gegenteil fest. Und wieder andere kamen zu dem Schluss, dass sich schlimme Finger nicht darum scheren, ob es sonnig oder schattig ist.

Umdenken kann man im Hellen wie im Dunkeln, besser denken jedoch in der Finsternis. Davon gingen jedenfalls Gelehrte der Antike aus. Zum Beispiel ein Pharisäer namens Nikodemus. Der führte gern in der Nacht theologische Gespräche. Mit einem gewissen Jesus etwa. Dessen Geburt wird übrigens jetzt gefeiert: Weihnachten, kurz vor dem Shutdown sah es  so aus, als sei dies eine Riesenparty zu Ehren der Shopping Malls.

Fest des Lichts im Schatten des Konsums – darüber könnte man auch mal  nachdenken. Im Dunklen. Oder im Schein einer Taschenlampe. Der 21. Dezember ist genau der richtige Tag dafür.