BerlinEs ist wirklich schön hier. Es anders zu nennen, wäre eine glatte Lüge. Eine Einfamilienhaus-Siedlung in Berlin-Köpenick, kleine Straßen, die zu noch kleineren Sträßchen werden. Die Häuser sind hübsch über die Grundstücke verstreut, und ganz hinten, am Ende der kleinsten Straße, wohnt Walter Schneider mit seiner Frau. Sie haben einen schönen Garten, der einen wirklichen Höhepunkt bereithält: den Blick auf die Dahme. Die Hecken um den herbstbunten Garten schützen vor den Blicken von Fremden. Aber sie schützen nicht vor Lärm.

Und bei aller Schönheit ist hier auch Krach zu hören, aus dem Gewerbegebiet auf der anderen Seite des Flusses und von Flugzeugen aus Schönefeld. „Wenn die richtig schweren Maschinen starten, dann ist das bis zum S-Bahnhof Köpenick zu hören. Und das sind noch die alten Flugrouten“, sagt Walter Schneider.

Warum kämpft er gegen den BER? Es gibt doch viele andere Orte, an denen es sehr viel lauter ist als in seinem Garten. „Es geht nicht um mich persönlich“, sagt der 65-Jährige. „Viele steigen aus persönlicher Betroffenheit in eine Protestbewegung ein. Aber bei Leuten, die lange dabeibleiben, muss es noch etwas anderes geben. Da geht es um bestimmte grundsätzliche Werte. Da geht es um Ethik und Moral.“

Schneider erzählt, dass er nach dem Ende der DDR gleich zum Dauerspender bei Greenpeace wurde, nicht als Betroffener, sondern aus Idealismus. Vom Lärm des BER sei er selbst nicht so sehr betroffen. „Aber mich macht betroffen, wie die Politik mit den Hunderttausenden betroffenen Bürgern umgeht.“

Der Fluglärm werde weite Teile von Berlin belasten, sagt er

Die einen halten den Kampf gegen den BER für überholt, weil verloren. Denn nach einer sehr peinlichen Serie von Verschiebungen und anderen Skandalen ist der BER – der Berliner Hauptstadtflughafen, der sich im brandenburgischen Schönefeld befindet – nun fertig und soll bald eröffnet werden. Kritiker wie Schneider sagen: Der Kampf sei zwar verloren, aber das Problem sei doch nicht weg, sondern werde nun erst virulent. Die Debatte wird erst richtig beginnen, denn in Zukunft, wenn die Corona-Pandemie gebändigt ist und der Flugverkehr wieder stärker wird, werde zu hören sein, wie laut der BER ist. „Es geht um Fluglärm, der weite Teile Berlins belasten wird und nicht nur den Südosten, wie derzeit noch viele glauben“, sagt Schneider, der diplomierte Informatiker. Denn der Flughafen sei nun mal am falschen Ort gebaut worden.

Demonstration gegen Fluglärm in Berlin im November 2012.
Foto: Imago Images/ipon

Schneider engagiert sich seit Jahren in der Friedrichshagener Bürgerinitiative. Die meisten BER-Gegner betonen, dass sie nicht gegen Flughäfen sind, sondern gegen diesen Standort. Sie sagen, der BER sei der einzige Flughafen weltweit, der in den vergangenen Jahren so nah an dicht besiedeltem Gebiet gebaut wurde.

Schneider ist gut vorbereitet, auf seinem Tisch liegt ein Stapel Akten – seine Argumente. Er zieht ein Blatt hervor, darauf zehn neuere Airports und ihre Entfernungen zu den Stadtzentren. Beim BER sind es 16 Kilometer nach Berlin, in München 28 Kilometer, in Tokio 63, in Moskau 41 Kilometer.

Schneider spricht von drei BER-Betrügereien. „Eine davon ist der Standort-Betrug.“ Vor dem Bau wurden bei einem Raumordnungsverfahren sieben Standorte in Brandenburg untersucht. Das Ergebnis war eindeutig: Sperenberg und Jügerbog-Ost lagen vorn, Schönefeld war der am wenigsten geeignete Standort. „Warum hat der schlechteste Standort gewonnen?“, fragt er. „Weil politische Interessen im Spiel waren.“

In Sperenberg hätte ein internationales Drehkreuz entstehen können

Der Grund ist aus Sicht der Gegner folgender: In Sperenberg hätte ein internationales Drehkreuz mit 24-Stunden-Flugbetrieb entstehen können – eine ernsthafte Konkurrenz zu den wichtigen Flughäfen im Westen, zu Frankfurt/Main und München. Wenn aber der neue Flughafen der damals neuen deutschen Hauptstadt an einem schlechten Standort gebaut wird, kann er sich nicht so gut entwickeln. Schneider holt einen Zeitungsartikel hervor mit Zitaten des früheren Brandenburger Ministerpräsidenten Manfred Stolpe. Der sagte, dass der Bund und der damalige CSU-Verkehrsstaatssekretär nun mal unbedingt Schönefeld wollten.

Walter Schneider, ein Mann mit dezenter Brille und gepflegtem Bart, setzt nicht auf Polemik, echauffiert sich nicht und meckert nicht ständig über die Flughafenplaner und die Politiker. Er argumentiert ruhig. Ein Mann, der sich sicher ist, dass er die richtigen Argumente auf seiner Seite hat. Und für jedes Argument hat er eine Karte parat. Nun sucht er aus dem Stapel die nächste heraus. „Der zweite Betrug ist der Flugroutenbetrug.“

Er erzählt, dass es bis 2011 noch hieß, dass das Berliner Stadtgebiet gar nicht überflogen werden soll, weil die Flieger nach Süden abdrehen. Doch als die Planer die offiziellen Flugrouten bekannt geben mussten, stellte sich heraus, dass ein Großteil der Flüge doch über Berlin gehen wird.

Wieder holt Schneider eine Karte hervor mit sehr vielen roten und blauen Pfeilen. Er zeigt auf kleine Kreise nördlich von Berlin. Dort, bei Nauen und am Werbellinsee, steht das Wort „Warteschleife“. „Das heißt: Dort kreisen die Flieger, wenn es am BER voll wird, und danach führen die offiziellen Landerouten nahe an Berlin vorbei nach Schönefeld. Und es ist zu erwarten, dass Piloten auch Abkürzungen nehmen. Auch im Norden wird es damit nicht wirklich still.“

Eine Million Menschen in der Region werden vom Fluglärm betroffen sein

Schneider schüttelt den Kopf und erzählt, dass es 2019 etwa 300.000 Flugbewegungen in Berlin gab. „Das sind knapp 1000 am Tag, 500 Starts und 500 Landungen – und die fliegen alle nicht etwa schön über den Tag verteilt, sondern es gibt Stoßzeiten.“

Schneider holt eine Tabelle mit Daten der Deutschen Flugsicherung hervor, die zeigt, dass mehr als eine Million Menschen in der Region vom Fluglärm betroffen sein werden, die einen sehr massiv, die anderen weniger.

Wieder schüttelt er den Kopf und zeigt eine Berlin-Karte der Senatsverwaltung. Dunkelgrün sind die „Ruhigen Gebiete“ eingezeichnet. Die allergrößten sind rings um den Wannsee im Westen und rund um den Müggelsee im Osten – also dort, wo der Flugkorridor einer Hauptroute entlanggeht.

Schneider sagt, es geht nicht nur um die Leute, die dort wohnen, sondern auch um Hunderttausende Berliner, die sich dort erholen, Spaziergänger, Wassersportler oder Radler. „Ich frage Sie, wie kann man nur so dumm sein und seine eigene Hauptstadt so verlärmen. Und das ganz freiwillig und ganz ohne Not. Und dann zahlt man auch noch sehr viel eigenes Geld dafür und wird auch künftig noch sehr viele Subventionen zahlen müssen, weil der BER gar nicht wirtschaftlich betrieben werden kann.“

Für das nächste Argument präsentiert Schneider ein Papier der Weltgesundheitsorganisation WHO. „Sie stuft den Verkehrslärm nach der Luftverschmutzung als zweitgrößtes umweltbedingtes Gesundheitsrisiko ein und als bedeutende Todesursache.“ Allein in Westeuropa gehen laut WHO jährlich 1,6 Millionen gesunde Lebensjahre durch zu viel Verkehrslärm verloren.

Schneider schweigt und lässt die Argumente wirken. Manchmal sagen auch Kleinigkeiten sehr viel aus über das Denken der Menschen. Bei Schneider steht neben der Couch eine Tafel auf einem Schränkchen, wie es sie überall in Läden für Wohnaccessoires gibt. Eine graue Tafel, darauf 25 weiße und schwarze Worte: Hoffnung, Spaß, Harmonie, Leichtigkeit, Geborgenheit, Vertrauen, aber auch Freiheit, Freude, Sinn und Gesundheit. Sie sind so etwas wie der Wertekanon dieser Familie. Es sind Dinge, die die Schneiders gefährdet sehen. Nicht nur für sich, sondern für weite Teile Berlins.

„Dieser Flughafen an diesem Standort schädigt die Berliner Infrastruktur“, sagt Schneider, er ist sich sicher. Denn es gebe eine Konkurrenz der Metropolen und dabei gehe es auch darum, die besten Leute mit guten Lebensbedingungen anzulocken, mit Ruhe, mit viel Grün, mit guten Erholungsgebieten. „Diese Chancen verspielt Berlin nun.“

Die Gegner plädieren für einen anderen Standort

Walter Schneider hat die wichtigsten Argumente vorgebracht und hättn noch viele Seiten mit Fakten. Aber er will nicht nur als Meckerer erscheinen. Deshalb haben sich Leute wie er auch eine Lösung ausgedacht. „Die Fachleute müssen einen Standort finden, der wirklich flughafentauglich ist.“ Möglich wäre einer der vorherigen Favoriten südlich von Berlin. Das wäre auch viel näher an der Lausitz, in die Milliarden wegen des Kohleausstiegs fließen sollen. „Da könnten sich doch wunderbare Synergien ergeben“, sagt er.

Die BER-Gebäude sollten umgenutzt werden und auf dem Gelände könnten bis zu 200.000 Wohnungen entstehen. Eine Großsiedlung, die sehr gut angebunden wäre. „Auf dem BER-Gelände könnte ein Teil des Wohnungsproblems dieser Metropolregion gelöst werden“, sagt Schneider.

Radikale Vorschläge, damit die Menschen gesund bleiben

Er weiß, dass viele über solche radikalen Vorschläge lächeln, weil doch schon so viel Geld ausgegeben wurde, aber für ihn wiegt die Gesundheit der vielen Betroffenen schwerer. Außerdem gehen Kritiker wie er davon aus, dass sich auf dem Areal mit Mieteinnahmen und dem Verkauf von Wohnungen und Grundstücken ein beachtlicher Teil der Baukosten für den neuen Flughafen wieder einspielen lasse.

Schneider steht auf und geht in den Garten. Die Sonne scheint, kühler Herbstwind lässt die Blätter in den Bäumen rauschen. Er sagt: „Der dritte Betrug ist der Schallschutzbetrug.“ Es wird richtig viel Geld ausgegeben für Schallschutzmaßnahmen, von mehr als 700 Millionen Euro ist die Rede. Ursprünglich sollte es viel weniger sein, es waren erst Klagen der Bürgerinitiativen nötig, damit auch die „Schwerstbetroffenen“ das bekommen, was ihnen per Gesetz zusteht.

Die Kritiker sagen, in Sperenberg wären nur etwa 2000 Leute vom massiven Fluglärm betroffen gewesen. „Vom Schallschutzprogramm des BER hätte man dort alle Betroffenen umsiedeln und ihnen neue Häuser bauen können“, sagt Schneider.

Aber selbst die „Schwerstbetroffenen“ rund um den BER bekommen nicht immer Schallschutz. Es gibt Häuser, die zu alt sind oder so gebaut, dass der Schallschutz mehr kosten würde als 30 Prozent des Verkehrswertes des Hauses. Nach Angaben der Flughafengesellschaft gibt es 7000 solcher Haushalte, die als Entschädigung nun Geld bekommen. „Das Geld reicht nicht für einen effektiven Lärmschutz.“ Diese Betroffenen würden weiter leiden. „Es ist etwas zutiefst Verwerfliches, diese Leute nicht ausreichend zu schützen“, sagt Schneider.

Auf dem Weg durch seinen Garten erzählt er, dass er sich ärgere, wenn einige Politiker kein Mitgefühl für die Sorgen von Betroffenen hätten. „Schön wäre doch ein Eignungstest für Politiker, ein Test ihrer Empathiefähigkeit “, sagt er.

Walter Schneider öffnet die Gartentür und winkt zu einer Nachbarin hinüber. Er will seinen Grundsätzen treu bleiben – auch was den BER angeht. „Denn der Krach geht doch jetzt erst richtig los. Das kann man mit den Menschen doch nicht machen“, sagt er. „Ich will einfach, dass so viele Menschen wie möglich die Chance haben, glücklich zu werden.“