BerlinKann man einer Straße mit einem schwierigen Namen eine neue Bedeutung geben, ohne sie umzubenennen? Darum geht es im Gespräch mit dem Historiker Julien Reitzenstein, dem Initiator der Petition zur Umbenennung der Pacelliallee. Da er gerade im Ausland  ist, führten wir es am Telefon.

Herr Reitzenstein, Ihre Petition zur Umbenennung der Pacelliallee in Golda-Meir-Allee hat inzwischen gut eintausend Unterschriften. Allerdings gibt es auch eine Gegenpetition mit der Forderung, den Straßennamen beizubehalten mit ungefähr ebenso vielen Unterstützern. Beeindruckt Sie das?

Nein.

Urheber ist ein umstrittener Vatikanforscher aus Düsseldorf, dessen Werke unter anderem im rechtslastigen Kopp Verlag erscheinen. Auf dessen Argumente beruft sich auch die AfD-Fraktion im Abgeordnetenhaus bei ihrer Ablehnung der Petition, dazu lehnte der Vatikan die Straßenumbenennung ab.  Glauben Sie, das wird die Bezirksverordnetenversammlung beeinflussen, die ja über Ihren Antrag abstimmen muss?

Das ist schon eine bemerkenswerte Koalition, die an einer Ehrung Pacellis festhält. Aber wenn eine Mehrheit im Bezirksparlament entscheiden würde, die Pacelliallee nicht umzubenennen, ist das ein demokratischer Prozess und insofern nicht zu kritisieren.

Aber damit bliebe es bei der fragwürdigen Ehrung des früheren Papstes ausgerechnet hier…

Papst Pius
Foto; Imago Images

Genau darum geht es uns ja. Die Zahl der jüdischen Hauseigentümer auf der Pacelliallee, die ihren Besitz und oft auch ihr Leben durch antisemitische Verfolgung verloren, ist nach derzeitigem Wissensstand weit höher als der Berliner Durchschnitt. Es wirkt geschmacklos, dass der Mann, der als Papst Pius Verantwortung dafür trug, dass sich unzählige antisemitische Täter mit Hilfe des Vatikans der Justiz entziehen konnten, heute Namensgeber eines Tatortes ist.

Könnte es denn eine andere Lösung geben, Pacelli und der besonderen Geschichte der Straße gerecht zu werden?

Ich denke schon. Etwa ein Drittel der Häuser der damaligen Allee wurde von – im Sinne der Nationalsozialisten – Juden bewohnt. Diese verloren ihr Vermögen und oft auch ihr Leben. Gleichzeitig wohnten aber auch prominente Nazis in anderen Villen, wie der frühe Hitler-Förderer und Vizepräsident des Reichstags ab 1934, Emil Georg von Stauß. Im Pfarrhaus auf der Pacelliallee lebte Pfarrer Martin Niemöller, der über Jahre von NS-Tätern in Konzentrationslagern gequält wurde. Wohl nirgendwo in Berlin kann man während eines halbstündigen Spaziergangs so viel Verflechtungen der NS-Geschichte spüren, wie in dieser wunderschönen Allee.

Aber wer weiß das heute noch?

Deshalb sollte die BVV vor den betroffenen Häusern „Berliner Stelen“ aufstellen, die dem Flaneur die Geschichte der jeweiligen Liegenschaft und ihrer Bewohner vermitteln. Die Verbindung konkreter Häuser und Gärten mit konkreten Bewohnern macht aus „den sechs Millionen Opfern“ und „den Tätern“ eine fühlbare Auseinandersetzung mit der NS-Geschichte. Gerade in Zeiten widererstarkenden Antisemitismus und schwindenden Vertrauens in die Demokratie, ist an dieser Stelle Berlins deutlich zu spüren, welche Folgen eine solche Entwicklung haben kann. Zudem wurde die damalige Cecilienallee 1949 im Zuge der Bedrohung durch die sowjetische Berlin-Blockade nach dem glühenden Antikommunisten Pacelli benannt. Eine der wenigen Fälle, wo eine Straße nach einer lebende Person benannt wurde. Insofern spiegelt die Allee Berliner Geschichte weit über die NS-Zeit hinaus. Die Pacelliallee ist zudem auch mit der U-Bahn gut erreichbar. Der Senat ist bestrebt, Touristen auch in die Außenbezirke zu bringen. Was wäre ein attraktiveres Argument, als auf einer der schönsten Alleen Berlins zu flanieren und dabei Geschichte hautnah zu spüren?

Die aber weiter Pacelliallee hieße…

Sicher. Doch wenn sich die BVV für das naheliegende Konzept einer „Allee des Gedenkens“ entscheidet, könnte am Anfang und Ende eine Doppelstele stehen. Auf dieser könnte das Wirken Eugenio Pacellis in angemessener Weise differenziert abgebildet werden.

Wer soll die Gedenktafeln gestalten?

Wir stellen uns vor, dass lokale Geschichtsinitiativen wie das Heimatmuseum Steglitz, Oberstufen der Schulen, Studenten der FU und andere interessierte Bewohner diese Texte unter Beratung von Historikern erarbeiten, bevor das Bezirksamt sie finalisiert. Die Bürger sollen entscheiden, wie in ihrem Bezirk an den Nationalsozialismus, seine Opfer und das Wirken Pacellis erinnert werden soll.

Was wird dann aber aus Golda Meir?

Wir würden uns sehr wünschen, dass die BVV das genannte Konzept beschließt und gleichzeitig, dass die nächste neu zu benennende größere Straße in dem Bezirk den Namen von Golda Meir erhält. Wir hatten es zunächst gar nicht für möglich gehalten, dass bis heute keine der tausenden Straßen in Berlin nach dieser großen Persönlichkeit benannt ist. Sie steht für so viel, was die gesellschaftliche Debatte in Berlin ausmacht: Ein Flüchtlingskind, dass es nach ganz oben schaffte. Eine Linke, eine Gewerkschafterin, jemand, der sich auf vielen Kanälen fortlaufend um Frieden und Verständigung bemühte. Vor allem aber hat sie, wie wir auf unserer Internetseite www.no-pa.berlin zeigen, eine Verbindung zu Berlin.

Das Gespräch führte Holger Schmale