Eine schier unendliche Fülle: Schrauben und Muttern in einem Berliner Baumarkt.
Foto:  imago images/STPP

BerlinDenke ich an meinen Opa, geboren 1904, dann sehe ich ihn im Garten stehen, im Mundwinkel einen Zigarettenstummel. Er hat das linke Bein auf ein altes Brett gestellt und zieht mit einer Zange Nägel aus dem trockenen, harten Holz – quietsch, quietsch –, einen nach dem anderen. Die Nägel wandern in den anderen Mundwinkel, damit sie nicht irgendwo hinfallen. Er würde sie später noch geradeklopfen und in eine Dose legen, zum Aufheben. So also steht er da: Zigarette in einem, Nägel im anderen Mundwinkel.

Mein Opa wohnte in einem Haus am Ufer der Dahme, mit Blick auf die Köpenicker Stadtsilhouette mit ihren beiden Türmen. Am Gartenzaun stand ein Schuppen, vollgestopft mit Holz aller Art – Bretter, Bohlen, Böcken. Wenn mein Opa Feuerholz hackte, hielt er das Stück auf dem Hackklotz mit der Hand fest, und – zack, zack, zack – flogen neben dem Daumen die Scheite zur Seite. Ich hätte mir wohl gleich beim ersten Mal in die Hand gehackt.

Zum Nägelklopfen genügte ein Stein als Unterlage

Bereits als Vorschulkind sah ich meinem Opa gern beim Werkeln zu. Er besaß das Talent, auch den Jüngsten schon passende Aufträge zuzuteilen. „Kleena, loof mal in’ Stall und hol den kleenen Hammer“, sagte er, und ich lief sofort los. Der Stall, wie mein Opa ihn nannte, lag hinter einer eisernen Tür im Erdgeschoss des Hauses. Hier stand Opas Werkbank mit unzähligen Werkzeugen, Schachteln und Dosen. Der kleine Hammer fand sich schnell. Ich griff ihn, rannte zurück und wurde gelobt.

Lesen Sie hier: Harmsens Berlin: Opa erzählt Heldenstorys >>

Zum Nägelklopfen genügte ein Stein als Unterlage. Ein paar Hammerschläge – und das Ding war so gut wie neu. Wozu soll man Nägel kaufen?, fragte sich mein Opa. Und würde es ausgerechnet die Nägel geben, die man gerade brauchte?

Manchmal frage ich mich, was mein Opa sagen würde, wenn ich ihn heute in einen großen Baumarkt mitnähme. Er würde wohl mit seinen kurzen, schnellen Schritten durch die Gänge laufen und den Mund nicht mehr zukriegen. „Ach du meene Fresse, dit is ja’n Palast! Hier jibt et ja allet!“ Er ginge an den Ständen und Regalen vorbei, an Stapeln von Brettern, an der unendlichen Vielfalt der Beläge, Beschläge, Türen, Fliesen, Farben, Kettensägen, Lampen, Tapeten, Heizgeräte, Schrauben, Muttern, Dübel und Nägel.

„Keene Fummelei, keene Phantasie. Nee, ick hau ab!“

Er würde an seine eigene mühselige Rennerei denken: zum Eisenwarenladen an der Brücke, zum Raumausstatter, zu irgendwelchen Holzplätzen. Viel zu oft war er mit leeren Händen zurückgekehrt. Und nun? Nun hätte er die Qual der Wahl.

Aber ich kannte ihn ganz gut. Ich glaube, er würde sich am Ende hinstellen und fragen: „Wozu der janze Kram? Wenn de allet schon fertich koofen kannst, macht det Basteln doch jar keen Spaß mehr. Keene Fummelei, keene Phantasie. Nee, ick hau ab!“ Eben deshalb werkelte mein Opa so gerne: um Lösungen für knifflige Probleme zu finden.

Als Kind erlebte ich eines Tages eine Überraschung. Mitten im Garten stand ein alter Kahn. Mein ständig umherflitzender Opa, der Hinz und Kunz kannte, hatte sich ein ausgedientes Polizeiboot besorgt. Es war ein halbes Wrack. Doch mein Opa motzte den Kahn wieder auf, den ganzen Sommer über. Er zimmerte neue Planken, baute passende Sitzbänke und strich den Bootskörper. Am Ende stand im Garten ein schnittiger weißer Binnenkreuzer. Er wurde „Ali“ getauft, nach dem Spitznamen meines Opas, der Alfred hieß.

Wie schrecklich, wenn mein Opa miterleben müsste, dass es heute in manchem Baumarkt sogar fertige Boote zu kaufen gibt.