Berlin - Ein Matratzenlager irgendwo an der Spree am frühen Morgen. Vier Männer sind aus einem Deckenberg gekrochen, hocken davor, reden laut vernehmlich, polnisch oder russisch, in einer fremden Sprache jedenfalls. Einer von ihnen hat eine Papiermaske unter das Kinn gezogen, was vermutlich besser ist, als sie im Gesicht zu tragen, bei ihrem stark strapazierten Zustand. Die anderen tragen gar keinen Atemschutz. Das Coronavirus hätte leichtes Spiel.

Die dritte Welle der Pandemie rollt auf Berlin zu. Diskutiert wird darüber, wie sie am besten zu brechen wäre. Über diejenigen, die mit am wenigsten davor geschützt sind, wird auch am wenigsten geredet: die Obdachlosen. Wie viele von ihnen derzeit in Berlin auf der Straße leben, lässt sich nur schwer schätzen. 17.500 OP-Masken werden jedoch problemlos ihre Abnehmer finden. 17.500 Masken umfasst eine Spende des Krankenhauses Bethel Berlin an die Stadtmission. Und dass sie an diesem Dienstag auf dem Gelände an der Lehrter Straße übergeben werden kann, hängt mit der ersten Welle zusammen.

Damals, im Frühjahr 2020, als Corona über Deutschland kam, waren Masken knapp und überteuert und die Aussichten unklar, wann sich die Versorgungslage entspannen würde. Die Bethel-Klinik legte einen Vorrat an. Doch: „Die Masken sind noch bis zum kommenden Frühjahr nutzbar“, sagt Dr. Hans Weigeldt, der Pandemie-Beauftrage des Krankenhauses. „Zum rechtzeitigen Verbrauch müssten unsere Mitarbeitenden im Herbst von FFP2 auf einfache medizinische Masken umsteigen, was im Sinne des Arbeitsschutzes nicht geschehen wird.“

FFP2 aber ist Pflicht, der dritten Wellen wegen, auf die sich die Bethel-Klinik in Lichterfelde mit seinen 250 Betten vorbereitet hat. 480 Menschen arbeiten dort, sie erhalten den Rest des Maskenvorrats von insgesamt 40.000 Stück,  zusammen mit anderen Aufmerksamkeiten als Dankeschön für geleistete Dienste in einer schweren Krise.

Die leistet auch die Stadtmission, etwa im Erdgeschoss des Gästehauses an der Lehrter Straße, wo tagtäglich freiwillige Helfer sogenannte Nothilfepäckchen packen, von morgens um 7.30 Uhr bis in den frühen Nachmittag hinein. Die Lebensmittel kommen von der Tafel Berlin, Brot und Belag für zwei Stullen pro Beutel, wahlweise mit Fleisch oder vegetarisch. Dazu Obst, Mineralwasser. Und Masken.

Bis zu 700 Päckchen gehen jeden Tag auf die Reise, mehr als 400 allein zum Bahnhof Zoo. Direkt neben dem Gästehaus befindet sich die Kleiderkammer der Stadtmission, die ebenfalls Masken an Obdachlose ausgibt. In der „Unterkunft zur Anspruchsklärung“, wie das Notquartier der Stadtmission offiziell heißt, sind knapp 100 Menschen derzeit untergebracht, auch sie sollen von der Spende profitieren.

Es ist ein ständiges Ringen um Ressourcen und Preise. Nicht nur die Besucher der Stadtmission benötigen das Material  zum Schutz vor einer Infektion. Einweg-Handschuhe zum Beispiel sind ein begehrtes Utensil für die Beschäftigten der Stadtmission und ihre ehrenamtlichen Helfer. „Allein in den drei Projekten Unterkunft zur Anspruchsklärung, Nothilfeberlin und in der Notunterkunft Lehrter Straße“, sagt Christian Ceconi, Direktor der Stadtmission, „geben wir täglich mehr als 600 Mund-Nasen-Masken an Gäste, Mitarbeitende sowie ehrenamtliche Helferinnen und Helfer aus.“

Knapp 2000 Euro dürfte der Marktpreis für die 17.500 Masken derzeit betragen. Gut angelegtes Geld im Kampf gegen die dritte Welle.