Verwirrende Quarantäneregeln: Was jetzt für Berliner Eltern und Schüler gilt

Wann darf ein Schüler sich mit einem negativen Corona-Test vorzeitig aus der zweiwöchigen Isolation befreien? Das Alter der Kontaktperson ist entscheidend.

Im Schulbereich liegt das Risiko, nach einem Kontakt zu einem Infizierten selbst positiv getestet zu werden, zwischen ein und drei Prozent, sagen Experten. 
Im Schulbereich liegt das Risiko, nach einem Kontakt zu einem Infizierten selbst positiv getestet zu werden, zwischen ein und drei Prozent, sagen Experten. dpa/Jörg Carstensen

Berlin-Ein Fall, der an jeder Berliner Schule vorkommen könnte. Ein Kind hat es im Unterricht mit einem Lehrer zu tun, der kurz darauf positiv auf das Coronavirus getestet wird. Das Kind wird vom Gesundheitsamt des Bezirks als Kontaktperson 1 gewertet. Es muss für 14 Tage in Quarantäne. In der Parallelklasse wird ein anderes Kind als Kontaktperson 1 eingestuft. Diesmal allerdings zu einer Mitschülerin. Das Kind geht ebenfalls in Quarantäne, darf am sechsten Tag wieder in die Schule, falls es einen negativen Test vorlegen kann. 

Es herrscht Verwirrung in der Stadt unter Schülern, Lehrern, zum Teil auch bei Mitarbeitenden der zwölf Gesundheitsämter. Im Bund gilt seit Montag die Regel, dass Kinder unter bestimmten Bedingungen nach fünf statt 14 Tagen aus der Quarantäne entlassen werden können. Differenziert wird dabei zwischen Kontaktpersonen zu infizierten Schülern und infizierten Erwachsenen. Sprich, wer einen infizierten Sitznachbarn hat, kann sich nach fünf Tagen freitesten, wenn allerdings die Lehrerin positiv getestet wird, muss das Kind für 14 Tage in Isolation – was auf den ersten Blick keinen Sinn macht.

Eine vermeintliche Formalie, die ganze Familien in arge Probleme stürzen kann. Kinder werden zwei Wochen lang isoliert, von ihren Freunden, Bekannten, Großeltern, mit allen Konsequenzen. Balkon ist erlaubt, falls vorhanden, Hof oder Garten nicht. Homeschooling ist vorgeschrieben, die Gefahr, im Lehrstoff den Anschluss an den Rest der Klasse zu verlieren, groß. Schlimmstenfalls gerät im kommenden Sommer die Versetzung in Gefahr. Eltern wiederum müssen in dieser Zeit von zu Hause aus arbeiten, wenn sie es denn können. Über ein Kindermädchen verfügen in Berlin nur die wenigsten.  

„Die Unterscheidung nach Kindern und Erwachsenen ist nicht nachvollziehbar“, bemängelt Patrick Larscheid, Amtsarzt in Reinickendorf. „Die Politik nutzt nicht die Gelegenheit zu erklären, warum sie etwas auf eine bestimmte Weise macht. Sie sagt nur, dass sie es macht.“

Grundlage für die neue Bestimmung könnten Studien wie die im Fachblatt Science erschienene Arbeit des Berliner Virologen Christian Drosten sein. Sie zeigt, dass die Viruslast zwischen Kindern und Erwachsenen ähnlich hoch ist. Die Forschenden der Charité bestimmten hierfür für mehr als 25.000 Covid-19-Fälle die Menge des Viruserbguts in der PCR-Probe. Einbezogen wurden Menschen ohne Krankheitsanzeichen ebenso wie Patienten mit unterschiedlich schweren Symptomen bis hin zu Krankenhausfällen. Das Ergebnis: Bei Erwachsenen zwischen 20 und 65 Jahren zeigten sich demnach „keine nennenswerten Unterschiede“ bei der Viruslast. In den Proben der jüngsten Kinder zwischen 0 und 5 Jahren seien die niedrigsten Viruslasten gefunden worden, bei älteren Kindern und Jugendlichen hätten sich die Werte mit steigendem Alter denen der Erwachsenen angeglichen, heißt es weiter.

„Aber die Viruslast alleine sagt nicht über die Ansteckung aus“, sagt Jakob Maske, Kinderarzt und Sprecher des Bundesverbands für Kinder- und Jugendärzte e. V. für Berlin. Die Weitergabe der Viren würden deutlich häufiger durch Erwachsene erfolgen als durch Kinder. „Unsere Erfahrungen haben gezeigt, dass im Schulbereich die Kinder häufiger durch ihre Lehrer oder ihre Erzieher mit Corona angesteckt werden – und weniger von ihren Mitschülern. Wenn wir zurückblicken, dann sind Infektionen in Schulen auch eher von Erwachsenen weitergegeben worden als von den Kindern selber untereinander“, sagt er. Insofern sei die Unterscheidung zwischen jungen Menschen und Erwachsenen logisch und konsequent, die bei den Quarantäneregeln getroffen wurden – Freitesten, wenn der Sitznachbar positiv getestet wird, aber nicht, wenn der Lehrer betroffen ist. „Letztendlich entscheidet aber nicht die Politik über die Quarantäne, sondern der Amtsarzt. Und diese ärztliche Entscheidung muss frei bleiben – in Berlin wird die Regelung auch anders gehandhabt, als das die Leitlinie des Bundes vorsieht.“

Expertin: Kinder stecken sich in der Schule sehr selten bei Infizierten an

Berit Lange, Leiterin der Klinischen Epidemiologie am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung (HZI), erklärte bei einer Pressekonferenz am Montag, dass es auch große Unterschiede zum Beispiel zwischen Haushalt und Klassenraum gebe. Im Haushalt liege die Wahrscheinlichkeit eines Sekundärfalls nach einer nachgewiesenen Infektion bei ungefähr 25 bis 40 Prozent. „Im Schulbereich liegt das Risiko, nach einem Kontakt zu einem Infizierten selbst positiv getestet zu werden, zwischen ein und drei Prozent.“ Bei so geringen Wahrscheinlichkeiten macht es Sinn, dass nicht die gesamte Klasse – oder gar mehrere – in Quarantäne geschickt werden, wie es erst kürzlich der Fall war, sondern nur zielgerecht vereinzelte Schülerinnen und Schüler.

Prinzipiell scheint das kindliche Immunsystem auf die Attacken von Sars-CoV-2 besser vorbereitet zu sein als das von Erwachsenen: Die Immunzellen der oberen Atemwege befinden sich einer Studie zufolge bereits in erhöhter Alarmbereitschaft und können das Virus im Falle einer Infektion schneller und heftiger bekämpfen, bevor es sich massiv vermehrt und in die tieferen Atemwege eindringt, wie eine Arbeitsgruppe vom Berlin Institute of Health (BIH) an der Charité jüngst herausfand. Das erklärt vermutlich, warum viele Kinder nur milde Symptome entwickeln und so viel seltener als Erwachsene schwer an Covid-19 erkranken.

Die Berliner Quarantäneregel ist offenbar selbst für Fachleute nicht sofort nachzuvollziehen. So erkundigte sich der Pankower Gesundheitsstadtrat Torsten Kühne (CDU) nach der richtigen Auslegung der Passagen, die eine Isolation von Kindern betrifft. Er sandte einen Fragebogen an Staatssekretär Martin Matz von der Senatsgesundheitsverwaltung. Klärungsbedarf bestand in sieben Punkten. Unter anderem in der Frage, wen die Regelungen überhaupt betreffen. „Der Begriff der Schülerinnen und Schüler bezieht sich auf Schülerinnen und Schüler im Sinne des Schulgesetzes Berlin“, antwortete Matz. Neuköllns Gesundheitsstadtrat Falko Liecke (CDU) macht sich seinen Reim darauf, für wen konkret die neuen Regeln gelten: „Wir interpretieren es so, dass alle anderen Schülerinnen und Schüler, zum Beispiel auch an weiterführenden berufsbildenden Schulen, davon nicht betroffen sind.“

Amtsarzt: Am Ende treffen Mediziner Einschätzung in medizinischen Fragen

Amtsarzt Larscheid fehlt ein fachlicher Dialog. Zum Beispiel über die Verhältnismäßigkeit der Beschränkungen. „Mit der Spitze des Hauses gibt es überhaupt keinen Austausch“, sagt der Reinickendorfer Mediziner mit Blick auf Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD). „Auf der Arbeitsebene ist völlig unklar, ob ein Austausch in eine Entscheidung einfließt.“ Doch in medizinischen Fragen, ergänzt Larscheid, müssten Mediziner das letzte Wort haben. „Die Senatsverwaltung kann ja auch nicht anordnen, wie ein Blinddarm zu operieren ist“, sagt er. „Genauso wenig kann sie anordnen, wie eine freiheitsentziehende Maßnahme auf Grundlage des Infektionsschutzgesetzes, nämlich eine Quarantäne für Schüler, im Einzelfall auszusehen hat.“

Stadtrat Liecke verweist auf Paragraf acht der Berliner Verordnung. „Darin werden dem Gesundheitsamt eigene Regelungskompetenzen zur Verfügung gestellt.“ Nicht bei einem Kontakt zwischen Schülern. „Aber wenn ein Schüler als Kontaktperson 1 eines Lehrers eingestuft wird. Dann haben wir Beinfreiheit.“