Die Schlange in der Bankfiliale bewegt sich seit geraumer Zeit nicht. Das Kind und ich stehen vorne und kennen den Grund. Ein dünner Mann am Service-Tresen hat Schwierigkeiten der Mitarbeiterin sein Anliegen klarzumachen. Sie versucht mit einer Freundlichkeit, die den Vorraum mitwärmt, herauszufinden, was den Kunden bekümmert. Innerlich wedele ich etwas von der Wärme nach hinten, auf dass keine Unruhe entstehen möge. Blicke besorgt auf das Kind, dass zwar vor einem Lego-Store zum Stoiker werden kann, aber womöglich nicht, wenn es nur um eine Einzahlung geht. Doch es starrt, das gesparte Taschengeld fest an die Brust gedrückt, nur völlig gebannt auf den Boden ein paar Meter weiter.

Nun sehe ich es auch: Der Mann trägt keine Schuhe. Auch die Strümpfe sind fadenscheinig, aus einem guckt ein Zeh. Hinter seiner Stirn arbeitet es. Die Gefühle, die ich in den  Augen sehe, wechseln so schnell die Plätze, dass sie aussehen wie ein einziges großes Knäuel. Ein vertrautes Knäuel. Skepsis ist darin verwoben mit Verwunderung und auch Amüsement. Eine kleine Furcht steckt darin und Mitleid. Und im Kern des Knäuels formieren sich Fragen, alte und neue.

Armut war schon oft Thema und dieses Mal dreht sich das anschließende Gespräch um die Frage, warum ein Mensch ohne Schuhe ein Bankkonto hat. Wir sind mittendrin, als wir an einer Kreuzung aus der Tram steigen. Beim Überqueren der Gleise kommt uns ein zotteliger Mann im Krankenhausnachthemd entgegen, er trägt es falsch herum und immer wieder klafft es auf. Über der Schulter trägt er eine prall gefüllte Plastiktasche. Die stellt er auf dem Mittelstreifen ab und weil ich denke, dass er sich gleich erleichtert, drehe ich mich weg. Als ich wieder hinsehe, pflückt er ganz versunken gelbe Blumen aus der Mittelstreifenwiese. Wieder große Augen beim Kind und dieses Mal ist es ganz still. Ich muss schlucken.

Der Teenager, früher ein unruhiger Nachtarbeiter und wilder Träumer, schläft heute, gestählt von 17 Jahren Tanz der Bilder meist turbulenzenfrei. Das kleinere Kind hingegen findet oft schwer in den Schlaf. Viele Erlebnisse in seiner Welt finden ihren Weg zwischen die Stofftiere, aber eben auch Licht und Schatten der Stadt. Apropos: Die Flurlampe muss an bleiben. An diesem Abend erinnert mich ihr milder Glanz ein wenig an gelbe Blumen auf dem Mittelstreifen. Und daran, dass Licht und Schatten zusammengehören wie Bankkunden ohne Schuhe und die wachen Fragen eines Kindes.