Warum hört ihr unsere Warnungen nicht? In Riga wird die Geschichte mit Moral erzählt

Angesichts des Ukrainekriegs betrachtet Lettland seine sowjetische Geschichte immer kritischer. Ein Ansatz, den viele Ukrainer vor Ort richtig finden.

Von einem Gebäude in Riga hängen große Fahnen zur Unterstützung der Ukraine.
Von einem Gebäude in Riga hängen große Fahnen zur Unterstützung der Ukraine.Imago

Viele Broschüren, die man in der Touristeninformation bekommt, erzählen von einem Siegesdenkmal, 1985 gebaut, 79 Meter hoch, das es in Riga eigentlich nicht mehr gibt. Im August wurde es abgerissen. Nach dem russischen Überfall auf die Ukraine hat das lettische Parlament beschlossen, alle sowjetischen Statuen, Tafeln und Basreliefs zu entfernen. Das dramatische Video, wie das Denkmal umkippt und ins Wasser fällt, ging um die Welt.

Gewidmet war es den „Befreiern von Sowjet-Lettland und Riga von den deutsch-faschistischen Eindringlingen“ – und plötzlich eine unangenehme Erinnerung. Denn wenn man durchs Baltikum reist, hört man immer wieder ein Wort, wenn die Menschen über die Jahre sprechen, als ihre Länder Teil der Sowjetunion waren: Besatzung. 

Gerade wegen dieser Wahrnehmung der Geschichte können sich die vielen Ukrainer, die nach Riga geflüchtet sind, hier sicher fühlen. Das hat mir Olena erzählt, als ich in ihrem Souvenirladen in der Rigaer Altstadt nach Postkarten suchte. Nicht nur bei ihr sind viele Artikel mit den ukrainischen Farben zu kaufen; sie selbst trägt ein Band mit den karminrot-weißen Farben der lettischen Flagge. Es ist für sie ein Zeichen der Wertschätzung für das Land, in das sie vor fast sieben Monaten aus ihrer Heimat im Kiewer Vorort Irpin flüchtete. „Die Letten haben uns von Anfang an zur Seite gestanden“, sagt sie. „Hier versteht man, was wir durchgemacht haben und was uns noch droht.“

Nicht nur Olenas Kunden zeigen sich solidarisch mit der Ukraine, auch die lettische Regierung tut es. Seit dem 24. Februar sind es die baltischen Staaten gewesen, die am lautesten für mehr Härte gegen Moskau plädierten. Sie haben etwa zu Visasperren für Russen, härteren Sanktionen und einen Verzicht von russischem Öl und Gas aufgerufen. Und sie stehen zu der Behauptung, dass die Ukraine in ihrem Kampf ganz Europa verteidigt. Gewinnt Russland diesen Krieg, wird Putin seine Ziele immer weiter verschieben.

Andere Europäer könnten von der lettischen Geschichte viel lernen

In den Museen Rigas, die sich der sowjetischen Geschichte Lettlands widmen, will man jedem Besucher klarmachen, woher dieses Denken kommt. Vor allem das Okkupationsmuseum erzählt von der Eingliederung der baltischen Staaten in die Sowjetunion 1940, von den Scheinreferenda, denen der Molotow-Ribbentrop-Pakt vorausging. Aber auch davon, wie zehntausende Letten kurz nach der Eingliederung nach Sibirien deportiert und durch ethnische Russen „ersetzt“ worden waren, weswegen noch heute ein Drittel der lettischen Bevölkerung von zwei Millionen Menschen als russischstämmig gilt. Und erzählt wird, wie Lettland seine Unabhängigkeit erkämpfte, durch mutige Partisanen und die Zivilgesellschaft, deren Sprache und Kultur jahrzehntelang unterdrückt worden waren.

Das ist eine Geschichte, mit der sich auch Ukrainer wie die Souvenirladenbesitzerin Olena identifizieren können. Sie sieht mehrere Parallelen zu der Geschichte ihres Landes, zum Beispiel bei der Verfolgung ukrainischer Künstler und Denker zu Sowjetzeiten, die sich damals weigerten, ein „homo sovieticus“ zu werden. Oder bei den aktuellen Deportationen, oft unter dem Vorwand einer Rettung. Die Geschichte zeigt, Olenas Meinung nach, dass es in diesem Krieg nicht nur um die Ukraine geht, sondern um ein russisches Streben nach Dominanz, das weit zurückliegt.

Olena versteht nicht, warum man in anderen europäischen Ländern – auch in Deutschland – die Warnungen aus den baltischen Ländern bisher wenig beachtet hat und das Risiko einer Wiederholung der Geschichte nicht wahrnimmt. „Wir hören jetzt immer wieder die gleichen gefälschten Erklärungen aus Russland für diesen Krieg, die wir schon zu Sowjetzeiten hörten“, sagt sie. „Wer nicht versteht, wie so etwas endet, sollte mal mit den Menschen hier reden, durch die Straßen hier laufen und dazulernen.“ Wer das tut, sagt sie, werde Riga verlassen, ohne daran zu zweifeln, welche Ziele Russland verfolgt.

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