Warum ich mich durch die Technik fremdbestimmt fühle

Berlin - So begrüßenswert der technologische Fortschritt gewiss ist, er ist auch sehr raumgreifend. Und das lässt sich insbesondere im eigenen Umfeld ablesen. Wenn auf der Suche nach einem Hauseingang zum Beispiel lieber das Smartphone befragt wird als die vier, fünf womöglich ortskundigen Passanten, die derweil ungefragt vorbeigehen. Oder wenn das Navi eingeschaltet wird, obwohl im Auto jemand sitzt, der den Weg kennt.

Oder wenn ein gastronomischer Vorschlag für den Abend abgelehnt wird, weil er online zu wenig Bewertungssterne ausweist – der eigenen Erfahrung zum Trotz. Die Meinung der anonymen Masse sticht.

Eine besondere Spezies sind Zeitgenossen, die sich am Wetterradar orientieren. Da wird eine Verabredung schon mal um zehn Minuten vertagt, weil es am Treffpunkt zur ursprünglich vereinbarten Zeit regnen könnte. Als es am Wochenende in der Ferne blitzt, ist ein schneller Aufbruch angesagt, weil das Radar ein mindestens infernalisches Gewitter vorhersagt, das binnen weniger Minuten den momentanen Aufenthaltsort vor einem Restaurant erreicht haben und es außerdem nicht weniger als zwei Stunden wüten würde.

Wie uns die Technik tiefgreifend beeinflusst

Letztere Einschätzung führt zur Verabschiedung. Einfach nach drinnen oder woanders hin umzuziehen und dort noch etwas zu bestellen, war keine Alternative.

Tatsächlich stürmt es auf dem Nachhauseweg, die ersten dicken Tropfen schlagen auf dem Gesicht ein, die Blitze sind heran gerückt und fluoreszieren den Abendhimmel, bis es schließlich ordentlich zu regnen beginnt. Sich unterzustellen und abzuwarten scheint keinen Sinn zu machen angesichts der prognostizierten Dauer des Unwetters. 

Also bleibt das Fahrrad stehen, hastig angeschlossen zwischen zappelnden Blitzen. Ein Faraday’scher Käfig muss das plötzlich gestiegene Bedürfnis nach Sicherheit befriedigen.

Sechs Stationen später nieselt es höchstens noch. Und Zuhause, beim Blick aus dem Fenster, hat sich das Gewitter vollends erledigt. Nach zwanzig Minuten statt zwei Stunden. Zum Abschied erhebt sich in der Ferne ein sanftes Donnergrollen, das nicht mal einem schreckhaften Hund Angst einjagen könnte.

Der Abend klingt aus mit dem Brüten über allerlei Fragen: Seit wann sind wir aus Zucker? Wo ist unsere Gelassenheit hin? Und wann haben wir entschieden, uns so tiefgreifend von kleinen Geräten beeinflussen zu lassen?