Weihnachtsmarkt am Gendarmenmarkt.
Foto: imago/Peter Widmann

AmsterdamHand aufs Herz: ich vermisse Deutschland so gut wie nie, seit ich in Amsterdam wohne. Wir führen eine recht lieblose Fernbeziehung, die nur einmal im Jahr wirklich aufflammt: im Dezember. In Holland wurde letzte Woche Sinterklaas gefeiert, ein Fest, das Sie vermutlich nur deshalb kennen, weil sich einige Holländer dann mit Schuhcreme das Gesicht bemalen und krauslockige Perücken aufsetzen und viele andere Holländer das inzwischen ziemlich rassistisch finden.

Dosengemüse mit Käse überbacken

Am Tag nach Sinterklaas liegen Kruidnoten (sehen aus wie diese kleinen, harten, runden Kekse, die man oft zum Kaffee bekommt, schmecken aber nach Lebkuchen) und Speculaaspopjes (eine Mischung aus Stutenkerl und Spekulatiuskeks) im Supermarkt dann schon stark reduziert in der Grabbelkiste vor der Kasse. Dass man an Weihnachten vielleicht nochmal den Raclettegrill anschmeißt, um mit den Schwiegereltern Dosengemüse mit Käse zu überbacken, ist nach dem 5. Dezember der einzige bescheidene Höhepunkt, auf den man sich im niederländischen Dezember freuen kann. Hat man aber wie ich keine niederländischen Schwiegereltern, bleibt einem nur, den Dezember als einen verfrühten und doppelt so langen Januar zu empfinden, der bekanntlich der Montag unter den Monaten ist.

Während ich also zurzeit meinem täglichen Leben im nassgrauen Amsterdam nachgehe, denke ich also öfter mal etwas wehmütig an Deutschland – absoluter Adventszeitweltmeister, wenn Sie mich fragen. Als Kind konnte ich morgens gar nicht früh genug aufstehen, um das nächste Türchen in dem Adventskalender zu öffnen, den meine Mutter mir und meinen Geschwistern jedes Jahr gebastelt hat.

Wenn meine Eltern dann eine Tanne im Wohnzimmer aufstellten, verbrachte ich Stunden damit, den Weihnachtsbaumschmuck gewissenhaft an den Zweigen zu drapieren. In den Tagen danach saß ich dann gerne so lange im Schneidersitz vor dem Baum, bis sich bei mir in aller Bewunderung für das Funkeln und Glitzern ein vorweihnachtlicher Trancezustand einstellte.

Selbst Weihnachtsmarkt am Alex geht als pittoresk durch

Diese Besinnlichkeit – übrigens ein Wort, das in der niederländischen Sprache nicht existiert – erfasste mich auch als Student in Berlin regelmäßig im Dezember: Ziemlich sicher, wenn ich mich mit Freunden auf dem Weihnachtsmarkt am Schloss Charlottenburg oder am Rixdorfer Richardplatz verabrede, mich nach einer Weile recht beduselt frage, warum wir bei der Eiseskälte eigentlich hier draußen im Dunkeln rumstehen und irgendeinen aufgewärmten Fusel saufen, mir dann aber wieder einfällt, dass das halt einfach unsere verdammte Tradition ist, und überhaupt, was für schöne Lichter überall, ich von dieser Erkenntnis etwas sentimental werde, schließlich noch einen weiteren Glühwein mit Schuss bestelle, weil hey, man muss die Feste feiern wie sie fallen und im Dezember in Berlin ist das halt jeden Abend.

Auch Holländer probieren hier und da, einen Weihnachtsmarkt zu veranstalten. Das Ergebnis ist aber in der Regel so trostlos, dass selbst der Trash-Weihnachtsmarkt am Alex im Vergleich noch als pittoresk durchgeht. Wenn Sie also demnächst beim Geschenkekaufen im Alexa übelst genervt sind, stellen Sie sich ruhig vor, dass ich vielleicht gerade gedankenverloren aus einem Amsterdamer Treppengiebelhaus auf eine malerische Gracht starre und Sie darum beneide, dass sie am Alexanderplatz sind.