Berlin -  Es gibt eine Sache, die in der Pandemie zuverlässig funktioniert, von Anfang an: Das Klagen über Regelbrecher. Wenn nach einer Erklärung gesucht wird, warum es einfach nicht endet, warum die Fallzahlen wie jetzt in der dritten Welle wieder bedrohlich steigen, statt endlich zu sinken, dann geht es schnell um Menschen, die sich in ihrer Freizeit nicht ordnungsgemäß verhalten.

Wer sind diese Leute, die in Parks zu zehnt zusammensitzen, sich zur Begrüßung umarmen, sich sogar zu Hause treffen und „die eine oder andere Flasche Wein“ gemeinsam öffnen? Vor den Weintrinkern hat Karl Lauterbach gerade in einem Interview mit der Zeit gewarnt. Man wisse aus Handydaten, dass Menschen sich abends in Wohnungen zusammenfinden. Er gönne es jedem, aber es sei gefährlich.

Das stimmt, jedes Treffen in einem geschlossenen Raum ist riskant, vor allem seit sich B 1.17 ausbreitet, die ansteckendere Variante des Coronavirus, die Menschen auch schwerer krank macht. Das hohe Risiko gibt es allerdings auch in Büros. Lauterbach, der Corona-Mahner von der SPD, will eine Ausgangssperre, damit abends niemand mehr das Haus verlässt.

Auch in den sozialen Netzen ist die Stimmung streng. Es wird über unerlaubte Gruppen auf der Straße geschimpft, aber auch über Leute, die zwar nicht gegen Gesetze verstoßen, aber gegen moralische Gebote: Man verreist eben gerade nicht, vor allem nicht nach Mallorca!

Aber es gibt sie eben doch, die Regelbrecher. Warum halten sie nicht alle Maßnahmen ein, wie rechtfertigen sie das vor sich selbst? Sieben Berliner haben hier (Protokolle) von ihren Abwägungen berichtet.

Vielleicht muss man sich, statt sich aufzuregen, mit der Frage beschäftigen, was Menschen zum Regelbruch verleitet. Und wie man sie dazu bringt, sich an Vorgaben zu halten. Die Psychologie erforscht das seit langem, die wissenschaftlichen Erkenntnisse sind ziemlich klar. Politiker könnten sich auch dazu längst beraten lassen – allerdings könnten sie dann selbst nicht so weitermachen wie bisher.

Ein Regelbruch geht generell mit eher unangenehmen Emotionen einher.

Peter Mohr, Verhaltensforscher

Zu den grundlegenden Befunden gehört, erfreulicherweise, dass Menschen keine geborenen Regelbrecher sind, ganz im Gegenteil. Regeln ordnen die Welt und schaffen Strukturen, an denen sich die Psyche orientieren kann. „Ein Regelbruch geht generell mit eher unangenehmen Emotionen einher“, sagt Peter Mohr, Verhaltensforscher an der FU Berlin.

Mohr leitet als Juniorprofessor eine Gruppe, die sich mit Neuroeconomics beschäftigt, der Verbindung von Neuro- und Wirtschaftswissenschaften. Dort untersucht er unter anderem, wie Ehrlichkeit entsteht, vor allem Steuerehrlichkeit. Es geht um rechtliche wie um moralische Regeln, ähnlich wie in der Pandemie. 

„Menschen befolgen Regeln, die allgemein akzeptiert sind und die sie auch selbst akzeptieren“, sagt Mohr. Hilfreich für die Akzeptanz einer Regel sei das Gefühl, dass sie prinzipiell etwas Gutes bewirke. Und sie müsse konsistent sein, also logisch und beständig, „das ist für jede Regel das Wichtigste“.

Foto: Privat
Peter Mohr von der FU Berlin.

Man beginnt zu ahnen, warum es Menschen schwerfällt, jede Corona-Regel über Monate einzuhalten. Trotz grundsätzlicher Einsicht, trotz des unangenehmen Gefühls beim illegalen Weinabend.

Im Büro sitzt man mit Menschen aus mehr als einem anderen Haushalt zusammen, zu Hause gilt das als schlimmer Regelverstoß. Es sei denn, man empfängt einen Freund nach dem anderen, das ist erlaubt. Mal darf der Freund nicht mal ein Kleinkind mitbringen, dann wieder zählen Kinder bei Besuchen nicht mit, solange sind noch nicht 14 sind. Menschen spüren Widersprüche schnell, sagt Mohr. Man sollte sie offen kommunizieren, wenn man eine Regel erlässt, erklären, wie sie zustande kommen.

Dann zählt der Verhaltensforscher auf, welche Faktoren den Regelbruch zusätzlich begünstigen.

Wenn Menschen Autoritäten, also Behörden und Politikern, nicht mehr vertrauen, lässt ihre Regeltreue nach. Dasselbe passiert, wenn Menschen sich ärgern, denn Ärger macht risikofreudiger. Außerdem arbeitet die Zeit gegen die Moral; wenn man seine Familie sehr lange nicht getroffen hat, erscheint das eine gemeinsame Essen immer verlockender, „der Nutzen übersteigt irgendwann die Kosten des Regelbruchs“, sagt Mohr. Je länger der Lockdown dauert, desto eher werden Menschen gegen die Regeln verstoßen, fürchtet er deshalb.

Das alles könnte man als Regierender Bürgermeister oder Kanzlerin wissen, wenn man auf  Verhaltensforscher oder Psychologinnen gehört hätte. Nun zeigt der aktuelle Lagebericht der Psychologin Cornelia Betsch von der Universität Erfurt, die in regelmäßigen Befragungen die Stimmung der Deutschen in der Pandemie ergründet, was schiefgelaufen ist. Die letzten Ergebnisse ihres „Covid-19 Snapshot Monitoring“, Cosmo abgekürzt, sind zehn Tage alt.

Das Vertrauen in die Regierung: am Tiefpunkt. Die Einschätzung der Lage: realistisch. Die meisten wissen, dass die Fallzahlen wieder schneller steigen und rechnen auch damit, dass es so weitergehen wird, schlecht also. 

Aber sie reagieren darauf nicht mehr wie zu Beginn der Pandemie. Damals hatten Betsch und ihre Kollegen noch viel Willen zu „freiwilligem Schutzverhalten“ erfasst. Jetzt hielten sich die meisten Leute zwar noch „weitgehend“ an die ihnen vorgeschriebenen Maßnahmen, „jedoch werden im privaten Bereich Ausnahmen gemacht“. 

Wenn einige damit anfangen, ziehen andere nach, denn auch beim Regelbruch gebe es „Herdenverhalten“, sagt Peter Mohr. Er zählt noch zwei weitere Erkenntnisse auf: Die „selektive Wahrnehmung“ lässt einen Dinge, die man selbst tun will, ungefährlicher erscheinen. Und das innere „moralische Konto“ hilft beim Verwalten eigener Sünden. Wenn man Einkäufe bestellt, statt shoppen zu gehen, füllt es sich; ein Abend mit Freunden erscheint leistbar.

Spätestens seit Anfang Februar habe jede seriöse Modellierungsstudie die dritte Welle vorhergesagt, sagt Mohr. Trotzdem habe die Regierung beschlossen, die Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Virus zu lockern. „Total inkonsistent.“

Und verheerend, wenn man möchte, dass die Menschen wieder strenger mit sich selbst werden. Wieso sollten sie das tun, solange es bei den Politikern hin- und hergeht – Ausgangssperren, Shopping mit Test, Modellversuche –, solange Ministerpräsidenten selbst Regeln brechen, die sie gerade erst beschlossen hatten?

Peter Mohr glaubt, dass jetzt nur noch ein harter Lockdown hilft. Als Signal, dass die Lage ernst ist. Wenn man möchte, dass Menschen sich an Regeln halten, sagt er, dann muss man sie hinter einem Ziel versammeln.